Migrationsdeckel an Schulen: Ist eine Obergrenze sinnvoll?

Aktuelle Stunde 04.07.2025 43:26 Min. UT Verfügbar bis 04.07.2027 WDR Von Daniela Rüthers-Becker

Migrationsquote an Schulen? Das sagt eine Duisburger Schule

Stand:

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat sich offen für die Einführung einer Obergrenze für Kinder mit Migrationshintergrund an Schulen gezeigt. Eine sinnvolle Idee für das Bildungssystem? Zu Besuch an einer Duisburger Schule, wo fast kein Kind Deutsch als Muttersprache spricht.

"Herzlich Willkommen" steht in verschiedenen Sprachen groß über dem Eingang der Regenbogenschule in Duisburg-Marxloh. Der Migrationsanteil liegt bei nahezu 100 Prozent.

Schulleiter Kondza: Nicht nur die Sprache ist ein Problem

Haris Kondza, Schulleiter

Haris Kondza, Schulleiter Regenbogenschule Duisburg

Seit elf Jahren leitet Haris Kondza die Grundschule. Die Herausforderungen seien groß, sagt er: "Das ist natürlich die Sprache, aber darüber hinaus ist es so, dass elementare Grundfähigkeiten wie Konzentrationsfähigkeit, Sozialverhalten und das allgemeine Arbeitsverhalten nicht so sind, wie man das bei einem Kind im Einschulungsalter erwarten würde."

Die Grundlagen dafür werden unter anderem in Kindergärten gelegt. Bundesbildungsministerin Prien besuchte am Freitag eine Kita in Bremen. Was an diesem Tag aber alle brennend interessierte: Wie meint sie das mit ihrem Ja zu einer Migrations-Obergrenze im Klassenzimmer, das gerade für großes Aufsehen sorgt?

Bundesbildungsministerin Prien will "ausgewogeneren Mix"

Karin Prien, 24.01.2018

Karien Prien (CDU), Bundesbildungsministerin

Prien versucht zu beschwichtigen: "Am Ende geht es darum, einen etwas ausgewogeneren Mix in Schulen zu haben. Es geht übrigens auch nicht um Ausgrenzung. Und das ist auch nicht die Antwort auf alle Fragen. Aber es geht um eine Verteilung von Kindern auf Schulen."

Ausgelöst hatte Prien die aktuelle Debatte mit einem Interview am Donnerstag bei Welt-TV. Da sagte sie zu einer möglichen Obergrenze: "Das ist ein denkbares Modell." Zur Höhe einer solchen Obergrenze sagte sie: "Ich finde, da macht es immer Sinn, sich die Erfahrungen aus anderen Ländern anzugucken, ob das 30 Prozent oder 40 Prozent dann am Ende sind." Entscheidend aber sei, dass Kinder, wenn sie in die Schule kämen, Deutsch könnten, so Prien.

Auch Psychologe Mansour plädiert für einen Mix bei der Herkunft

Unterstützung bekommt Prien von Ahmad Mansour, Psychologe und Islamexperte. Er warnt: Derzeit produziere das Bildungssystem vor allem Verlierer: 

"Es geht um Sprachdefizite. Es geht um sozioökonomischen Status. Es geht um bildungsferne und bildungsnahe Familien. Es geht um Lebensmodelle. Und wir wissen aus der Sozialpsychologie, dass die Vorurteile sogar abgebaut werden, wenn Kinder unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen und zusammen die Schule besuchen", so Mansour.

In Duisburg-Marxloh an der Regenbogen-Grundschule fragen sie sich: Wo sollen die Kinder zur Durchmischung herkommen? Stattdessen sieht sich die Grundschule als Familienzentrum, bietet Kurse und Beratungsangebote an - auch für Eltern:

"Und dann merken sie: 'Ach, so was gibt es ja auch? Hier kann ich mit meinem Sohn basteln. Und hier könnte ich meinen Mann mal hinschicken, der könnte hier Deutsch lernen.' Und so kriegt man die", sagt Schulleiter Kondza. "Aber es ist eine ganz kleinschrittige Arbeit, und die vier Jahre Grundschulzeit reichen dann manchmal auch nicht."

NRW-Schulministerin Feller: Wichtiger sei gezielte Förderung

Dorothee Feller, CDU, Ministerin für Schule und Bildung, NRW

Dorothee Feller (CDU), NRW-Schulministerin

Rechtlich sind ohnehin die Länder zuständig. NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) hält eine Migrationsquote für nicht umsetzbar. Entscheidend ist aus ihrer Sicht eine gezielte Förderung.

Für Ahmad Mansour unverständlich, denn die Probleme duldeten keinen Aufschub: "Schulen, die ihre Schüler und Schülerinnen aufgeben, weil die Defizite so groß sind, religiöses Mobbing an Schulen, Antisemitismus an Schulen. Jeder Vorschlag ist willkommen. Wir können es diskutieren, aber wir können nicht alles ablehnen, weil es einfach zu einer Empörungswelle kommt", sagt er.

Philologenverband: Fokus auf Sprache legen

Vorsitzende Philologenverband Nordrhein-Westfalen

Sabine Mistler, Vorsitzende Philologenverband NRW

Sabine Mistler, Vorsitzende des Philologenverbands NRW, zeigt sich grundsätzlich offen für Vorschläge zu den Herausforderungen durch Migration an Schulen. Den Vorschlag von Bundesbildungsbildungsministerin Prien könne sie aber noch nicht bewerten, sagt Mistler dem WDR. Dafür sei die Aussage "noch sehr pauschal".

Klar sei: "Einwanderung ist ein Teil unserer Geschichte. Und das soll auch so bleiben", sagt Mistler. Der Fokus des Philologenverbands liege nicht primär auf dem Migrationshintergrund, sondern auf der Sprache. "Ohne die Sprache zu kennen, ist die Teilhabe an Bildung sehr, sehr schwierig. Und da ist sehr, sehr viel aufzuholen."

Unsere Quellen:

  • WDR-Gespräch mit Sabine Mistler, Vorsitzende des Philologenverbands NRW
  • WDR-Interview mit Schulleiter Haris Kondza für die Aktuelle Stunde
  • WDR-Interview mit Ahmad Mansour, Psychologe und Islamexperte, für die Aktuelle Stunde
  • Bundesbildungsministerin Karin Prien im Gespräch mit Radio Bremen
  • Bundesbildungsministerin Karin Prien im Intervie mit Welt-TV

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