Prozess um Schwangerschaftsabbrüche in Lippstadt | WDR aktuell

03:12 Min. Verfügbar bis 08.08.2027

Abtreibungsverbot am Klinikum Lippstadt: Gericht weist Klage ab

Stand:

Nach der Fusion dreier Krankenhäuser zum christlichen Klinikum Lippstadt sind Schwangerschaftsabbrüche verboten – es sei denn, die Mutter oder das ungeborene Kind schweben in akuter Lebensgefahr. Die Klage des Chefarztes der Gynäkologie dagegen hat das Arbeitsgericht am Freitag abgewiesen. Zu einer Demo kamen 2.000 Menschen.

Von Alina Höngen

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Im Fokus der Klage stand eine Dienstanweisung des christlichen Klinikums Lippstadt, die seit Februar gilt. Darin werden Schwangerschaftsabbrüche verboten. Einzige Ausnahmen: Die Mutter oder das ungeborene Kind schweben in akuter Lebensgefahr.

Verbot gilt auch für eigene Praxis des Chefarztes

Die Dienstanweisung gilt auch für die eigene Praxis des Chefarztes, die er in Bielefeld hat, entschied das Arbeitsgericht. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Gynäkologe Volz

Prof. Dr. Joachim Volz

Der Chefarzt der Gynäkologie, Prof. Dr. Joachim Volz, hält die Dienstanweisung für falsch und unvereinbar mit seiner ärztlichen Verantwortung. Deshalb hat er vor dem Arbeitsgericht Hamm gegen seinen Arbeitgeber geklagt.

Ich soll meine Patientinnen im Stich lassen und sie kilometerweit wegschicken, obwohl ich helfen könnte. Selbst bei schweren Fehlbildungen des Fötus, bei Schwangerschaften nach Vergewaltigungen oder mit immensen gesundheitlichen Risiken. Das ist in meinen Augen unterlassene Hilfeleistung. Prof. Dr. Joachim Volz, Chefarzt der Gynäkologie

Chefarzt will in Berufung gehen

Dr. Volz reagierte auf das Urteil mit Enttäuschung. Dem WDR sagte er, er habe mit dieser Entscheidung nicht gerechnet. Er und sein Anwalt kündigten an, in Berufung gehen zu wollen.

Der Chefarzt hat die Abhandlung des Richters als sehr kurz empfunden. Für ihn steht fest: "Wenn es sein muss, werde ich so weit gehen, wie ich kann."

Abtreibungsverbot am Klinikum Lippstadt: Gericht weist Klage ab

00:47 Min. Verfügbar bis 08.08.2026

Klinikum Lippstadt und Erzbistum reagieren auf Beschluss

Für das Klinikum Lippstadt bringt das Urteil vor allem Klarheit. Das wurde in einer schriftlichen Stellungnahme deutlich. Die Verantwortlichen des Klinikums sehen demnach ihre Rechte gestärkt.

Der Klinikleitung geht es jetzt vor allem um die zukünftige Zusammenarbeit. Quasi um die Frage, wie man Frauen - bei Schwangerschaften mit belastenden medizinischen Diagnosen - am besten beraten und versorgen kann.

Vom Erzbistum Paderborn hieß es in einem Statement: "Unsere ethische Haltung ist keine Einmischung in persönliche Entscheidungen, sondern Ausdruck eines Menschenbildes, das jedem Leben, von der Empfängnis an, Würde und Schutz zuspricht." Man sei sich dessen bewusst, dass "diese Haltung in Grenzsituationen als Zumutung empfunden werden kann."

Das Erzbistum betont, dass es viele Beratungsangebote anbiete, die Frauen in einer solchen Situation helfen sollen. Und weiter: "Es tut uns aufrichtig leid, wenn Frauen uns in solchen Situationen als nicht nah genug, nicht hilfreich oder nicht verständlich erleben."

Demonstration zum Prozessauftakt mit 2.000 Menschen

Mit Plakaten demonstrieren mehr als tausend Menschen gegen das Abtreibungsverbot.

Mehr als tausend Menschen demonstrieren gegen das Abtreibungsverbot.

Zum Auftakt der Verhandlung fand in Lippstadt eine Demonstration für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche statt. Rund 2.000 Menschen sind dabei am christlichen Klinikum entlang gezogen bis zum Amtsgericht, wo das Arbeitsgericht den Fall verhandelte. Auch Chefarzt Volz war bei dem Demozug dabei.

Immer waren Sprechchöre mit "Wir sind stolz auf Dr. Volz" zu hören. Auf diversen Plakaten wurde das Ende des kirchlichen Arbeitsrechts gefordert. Das Abtreibungsverbot halten Teilnehmer wie Ulrich Vogt für falsch. "Ich bin verheiratet und habe zwei Töchter. Für die wünsche ich mir, dass sie über ihre Schwangerschaft und ihr Leben selbst entscheiden dürfen."

Abtreibungsverbot am Klinikum Lippstadt: Gericht weist Klage ab

00:49 Min. Verfügbar bis 08.08.2026

Abtreibungsverbot war Bedingung für Krankenhausfusion

Das Verbot für Schwangerschaftsabbrüche gilt seit der Fusion des evangelischen Krankenhauses Lippstadt mit dem katholischen Dreifaltigkeitshospital. Laut dem Klinikum Lippstadt war das Bedingung für eine Fusion.

Im evangelischen Krankenhaus waren bis zu dem Zusammenschluss auch Abtreibungen erlaubt, wenn dem Kind schwerste Behinderungen drohten. Vor jedem Schwangerschaftsabbruch beriet eine Ethikkommission. Die katholische Kirche hingegen lehnt Abtreibungen ab. Sie hält das Leben eines ungeborenen Kindes für genauso wichtig wie das Leben der Mutter.

Erster Gütetermin vor Gericht: Kirche darf Abtreibungen verbieten

Bereits im April hatte es vor dem Arbeitsgericht Hamm einen Gütetermin gegeben. Dabei konnten sich die beiden Parteien nicht einigen. Ein Urteil fiel nicht. Der Richter deutete aber damals schon an, dass die Kirche als Träger Abtreibungen im Klinikum Lippstadt verbieten darf.

Außerdem lasse die Gesetzeslage zu, dass das Klinikum Lippstadt dem Chefarzt untersagen darf, Schwangerschaftsabbrüche in seiner eigenen Praxis in Bielefeld vorzunehmen, so der Richter damals. Denn im Rahmen des kirchlichen Arbeitsrechts kann die Kirche von Mitarbeitenden verlangen, dass sie sich mit den Werten des Klinikums identifizieren und nicht dagegen handeln.

Streit um Abtreibungsverbot am Klinikum Lippstadt: Verhandlung startet

WDR Studios NRW 08.08.2025 00:51 Min. Verfügbar bis 08.08.2027 WDR Online

Hunderttausende Unterschriften bei Petition

Der Streit um das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen am Klinikum Lippstadt hat eine Debatte zwischen Abtreibungsgegnern und -befürwortern entfacht. In einer Online-Petition fordern mehr als 230.000 Menschen ein Ende des katholischen Abtreibungsverbots. Andere werfen dem Chefarzt vor, die katholische Kirche unter Druck zu setzen und die religiöse Freiheit zu gefährden.

Unsere Quellen:

  • Chefarzt Prof.Dr. Joachim Volz
  • Klinikum Lippstadt
  • Erzbistum Paderborn
  • Arbeitsgericht Hamm

Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels war ausschließlich von einer Ausnahme vom Abtreibungsverbot bei akuter Lebensgefahr der Mutter die Rede. Mittlerweile liegt dem WDR der Ausschnitt aus der Dienstanweisung vor. Wir haben ergänzt, dass demnach auch eine akute Gefährdung des Kindes eine Ausnahme darstellt.

Kommentare zum Thema

81 Kommentare

  • 81 Erschrockene 10.08.2025, 10:00 Uhr

    Wie viele Menschen hier die Meinung vertreten, das Recht zu haben über fremde Frauenkörper zu entscheiden. Diese Anmaßung ist unfassbar! Und mindestens so verlogen wie die katholischen Kirche selber! Wasser predigen und Wein saufen.

  • 80 Axel Fingerhut 09.08.2025, 18:21 Uhr

    Die Kommentare 77 bis 79 sind von religiösen Fanatikern verfasst - z.B. "dass das Leben Gott gehört" - so ein Quark - es gibt weder eine Gott (nur den Menschengedachten und wir wissen, wo die Glaubensfanatismusstellen im Gehirn sitzen (behandelbar, muss nicht gleich Lobotomie sein) und weltweit ganz unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und Tod (bis auf die drei Glaubenrichtungen "des Buches" Judentum, Christentum, Islam - und was die alles angerichtet haben, lässt sich in Historrie und Gegenwart gut beobachten - z.B. Steinigung von Frauen, die Vernichtung jeweils anderer - der extremistische Islam mit der Jesidenvernichtung, die jetzt - nur nebenher bemerkt - wieder abgeschoben werden) und eine davon, für die Katholische Kirche schauen wir mehr in die Vergangenheit (aber nicht nur, was die Kinderlein angeht) und die nimmt sich nach Misswirtschaft und Rettung ihres Klinikums mit öffentlichen säkularen! Mitteln durch Fusion heraus, ihre Höllenideologie geltend zu machen - Pfui!

    Antworten (3)
    • Katholik aus K 09.08.2025, 21:42 Uhr

      Ich habe selten so einen Quatsch gelesen wie deinen Kommentar.

    • Erschrockene 10.08.2025, 10:02 Uhr

      Fanatiker trifft es sehr gut. Selber kein schönes Leben, glauben sie, sich in fremder Menschen Leben einmischen zu müssen. Unfassbar, wie viele kranke Köpfe es mittlerweile gibt. Aber unter dem Deckmäntelchen "Religion" tummeln sich überall personifizierte Irrlichter.

    • Katholik aus K. 10.08.2025, 11:13 Uhr

      An Erschrockene: ich bin erschrocken über den Blödsinn den du hier schreibst.

  • 79 Egalt 09.08.2025, 16:05 Uhr

    Der Herr Professor meint offenbar, dass seine vergangenen Taten immer gut waren - war ja auch alles gut abzurechnen zu Lasten der Allgemeinheit…

  • 78 Hans Muff 09.08.2025, 15:46 Uhr

    Einverstanden, ergänzend möchte ich bemerken dass das Leben Gott gehört. Leute aus der linken Ecke werden natürlich dem zu hundertprozentig nicht zustimmen, Glaubensabfall lässt grüßen

    Antworten (2)
    • Axel Fingerhut 09.08.2025, 18:16 Uhr

      ";dass das Leben Gott gehört"; - so ein Quark - es gibt weder eine Gott (nur den Menschengedachten und wir wissen, wo die Glaubensfanatismusstellen im Gehirn sitzen - ist behandelbar, muss nicht gleich Lobotomie sein, erkundigen Sie sich mal Alles Gute dafür

    • M.H. 09.08.2025, 19:26 Uhr

      Das Leben gehört Gott? Das wüsste ich aber. Mein Leben gehört mir und ich alleine entscheide, was in diesem passiert; ich bin auch dafür verantwortlich . Das hat mit einer politischen Position überhaupt nichts zu tun. Ist ihr Leben langweilig? Ich habe noch nicht erlebt, dass Gott geholfen oder Gutes getan hat, wo es erforderlich war und ist.

  • 77 Hans Muff 09.08.2025, 15:36 Uhr

    Gott, Mann, Frau so die Reihenfolge in der Bibel. Ja das stimmt schon 80% in Deutschland versteht die Reihenfolge nicht. Was hier passiert ist nichts anderes als die Auflehnung gegenüber Gott. Man kann jetzt natürlich Tatsachen hier verdrehen, aber im großen und ganzen geht es ja darum scheinbar behinderte Babys abtreiben zu dürfen. Denke so 70 %. Geschätzt bei 20 Prozent der Frauen passt es nicht schwanger zu sein. Dann einfach weg mit dem was ich nicht haben möchte, ja die linksextreme Haltung möchte ja als friedfertig daherkommen... Glaubensabfall lässt grüßen....

    Antworten (1)
    • Petra 10.08.2025, 12:02 Uhr

      Reihenfolge Gott, Mann, Frau? Da muss man ja eigentlich gar nicht mehr weiterlesen. Darf ich raten: Bestimmt selbst Penisträger, oder? Oder sogar Gott?

  • 76 Agrippina Minor 09.08.2025, 14:35 Uhr

    Es ist einfach skandalös, dass die Kirchen in unserem säkularen Rechtsstaat solche Privilegien wie ein eigenes Arbeitsrecht haben. Angesichts der schwingenden Mitgliederzahlen sind diese Extrawürste kaum noch zu rechtfertigen und gehören abgeschafft.

  • 75 Andrea Hotzy 09.08.2025, 12:24 Uhr

    Menschliches Leben beginnt mit der Zeugung, Mutter und Vater haben in ihren Erbgutzellen alle Eigenschaften hierfür. Jede Schwangere, die sich auf ihr Kind freut wird felsenfest dazu stehen, daß sie ein Kind unter ihrem Herzen trägt. Ist es für eine solche Mutter ein Kind, ihr Kind, gilt das auch für Kinder unter dem Herzen von Schwangeren, die ihr Kind "weghaben" wollen: es ist und bleibt ein Kind ! Wird dieses Kind durch den Schwangerschaftsabbruch getötet, ist das Mord, weil ein Leben getötet wurde. Ausnahme: lebensbedrohliche Situation für die Mutter. Und damit bin ich mit dem Gerichtsurteil des Arbeitsgerichtes einverstanden. Es ist für mich erstaunlich, daß nur verstehend über die Emotionen der Abtreibungsbefürworterinnen und Befürworter berichtet wird, nicht aber verstehend über die genauso relevanten Empfindungen der Abtreibungsgegenerinnen und Gegner. Mit freundlichen Grüßen, Andrea Hotzy

    Antworten (2)
    • Stephan 09.08.2025, 13:20 Uhr

      Keine Frau wird zur Abtreibung gezwungen. Aber für die, die ungewollt schwanger sind, oder einen medizinischen oder anderen ganz persönlichen Grund haben, muss es eine Möglichkeit geben, die Schwangerschaft abzubrechen. Daher steht die katholische Kirche, die ihren angeblich zölibatären Priestern die unehelichen Kinder alimentiert oder Kinder reihenweise mißbraucht, den legitimen Rechten von Frauen entgegen.

    • Anonym 09.08.2025, 14:43 Uhr

      Ach nee, die Mutter steht über dem ungeborenen Kind, wenn ihr Leben bedroht ist, warum hat das Kind keine Priorität? Die Überlebenschancen von Frühgeborenen sind schon viel besser geworden. Also wird hier auch mit zweierlei Maß gemessen. Überlassen Sie es doch einfach den betroffenen Frauen, ob sie ein Kind haben möchten oder nicht. Es ist ihr Leben.

  • 74 Selbstbestimmung 09.08.2025, 10:34 Uhr

    Wenn sich aufgrund solcher Einschränkungen die Versorgungslage für Frauen noch weiter verschlechtert, was würde das denn konkret bedeuten? Frauen würden in höchster Not keine medizinische Grundversorgung erhalten! Beinhaltet das z.B. auch die Ablehnung der Pille danach nach einer Vergewaltigung? Werden Frauen dann gezwungen, bis zu neun Monate eine Schwangerschaft mit einem schwer missgebildeten Embryo auszutragen, um diesen dann tot zu gebären? Das sind traumatische Konsequenzen für betroffene Frauen in Notsituationen! Die Kirche wird sich in diesem Punkt niemals ändern und es ist ein Skandal, dass die Gerichte dem noch zustimmen! Was kann also die Bevölkerung (die zu 80% für das Recht auf Abbrüche ist!) für Frauenrechte unternehmen? Petitionen für Selbstbestimmung teilen, auf Demos gehen, sich politisch engagieren.

  • 73 Sanja Redeker 09.08.2025, 10:19 Uhr

    Wo leben wir!! Was erlaubt sich die Kirche über Menschen zu bestimmen. Die Kirche muss sich nicht wundern warum so viele Menschen Sie verlassen.

  • 72 Ully 09.08.2025, 10:10 Uhr

    Es ist unglaublich das es heutzutage noch so viel Einfluss seitens der kath Kirche gibt. Dr. Volz ,so hab ich es verstanden führt die abbrüche durch wenn die Föten schwerst geschädigt sind. Welches Trauma die werdende Mutter durch macht ist der Kirche völlig egal. Hauptsache man bleibt seiner antiquierten Einstellung treu. Die Medizin ist heute so weit das es das Stadium der Früherkennung hat die so schwere Schäden erkennen lassen . Die Petition werde ich selbstverständlich unterstützen!!

  • 71 Roxelane 09.08.2025, 09:34 Uhr

    Kirche und Staat müssen getrennt sein und der Staat macht Gesetze die auch von Religionsgemeinschaften nicht untergraben werden sollten. Religionsfreiheit darf hier nicht verwechselt werden mit Recht und Gesetz des Staates. Jeder darf Glauben was er will, aber er hat sich als erstes an Staat und Gesetz zu halten. Egal ob Christ, Muslime oder Jüdisch. Was ist das für eine Freiheit ,wenn wir der Religion wieder die Macht geben über Gesetze zu stehen.