3000. Stolperstein in Köln verlegt
WDR. 01:40 Min.. Verfügbar bis 11.06.2028.
Ein Kratzen auf dem Asphalt, dann blickt Frank Matthias Mann auf. Er kniet auf dem Gehweg der Rubensstraße nahe des Kölner Neumarkts. Vor ihm glänzen fünf neue Messingplatten. Vor einer Gruppe schweigender Zuschauer liest er die Namen und Schicksale der Menschen laut vor: "Benno Grünbaum, Chana Grünbaum - Flucht 1938, USA."
Weil sie jüdisch waren, musste die Familie vor den Nationalsozialisten fliehen. In den USA bauten sich die Grünbaums ein neues Leben auf. Mit Erfolg: Der älteste Sohn, Adolf Grünbaum, wurde ein angesehener Professor. Später zeichnete ihn die Universität zu Köln sogar mit der Ehrendoktorwürde aus.
Heute schließt sich der Kreis genau dort, wo die Flucht begann. Seine Tochter Barbara ist gemeinsam mit ihrer Cousine extra aus den USA angereist, um bei der Verlegung der Stolpersteine dabei zu sein.
"Wir zeigen damit, dass sie für die Stadt und für das Land wichtig waren. Die Namen auf einem Stein in der Straße zu sehen, in der sie lebten, ist ein wichtiges Zeichen des Gedenkens." Barbara Grünbaum, Enkelin von Benno und Chana Grünbaum
Gegen das Vergessen
Die Messingplatten auf den Gehwegen sollen an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung erinnern. Sie zeigen: Hier lebte ein Mensch, der vor den Nationalsozialisten fliehen musste oder von ihnen verschleppt wurde.
Seit 1990 verlegt der Künstler Gunter Demnig die Gedenksteine. Passanten sollen auf dem Gehweg zumindest gedanklich über sie stolpern. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ – dieser Spruch aus dem Talmud ist das Leitmotiv des Projekts. Eigentlich hätte Demnig die Steine in der Rubensstraße auch diesmal persönlich verlegt, musste jedoch kurzfristig krankheitsbedingt absagen.
Nachfahren der vor dem Holocaust geflüchteten Familie Grünbaum kamen für die Verlegung der Stolpersteine zu Besuch. Ganz links die Tochter Barbara Grünbaum.
Die kleinen Mahnmale weisen bewusst darauf hin, dass die Opfer einst mitten in der Gesellschaft lebten. Sie sollen im Vorbeigehen auch unbequeme Fragen anstoßen: Wer hat damals weggesehen? Wer wusste Bescheid? Und wer wurde im direkten Umfeld zum Täter?
Patenschaften für die Erinnerung
Um die Recherche des NS Dokumentationszentrums und die Verlegung zu finanzieren, werden Stolpersteine von Paten gestiftet. Den Stein von Adolf Grünbaum etwa finanzierte die Philosophische Fakultät der Universität zu Köln.
Weitere Paten sind ein anonymer Bürger und das Berufskolleg Ehrenfeld. Auch einige Schülerinnen und Schüler sind gekommen, um den Grünbaums zu gedenken. Sie halten Reden, um die Bedeutung dieses Mahnmals zu unterstreichen. Barbara Grünbaum zeigt sich von diesem Engagement tief berührt:
"Ich denke, es wird nie einen Abschluss geben. Aber es gibt Weiterentwicklung. Und ich fühle das heute überall in Deutschland. Den Willen, sich der Vergangenheit zu stellen und von ihr zu lernen. Darüber bin ich froh." Barbara Grünbaum, Tochter von Adolf Grünbaum
Erinnerungskultur in Europa
61 neue Stolpersteine hat die Stadt Köln am 10. und 11. Juni verlegt. Mehr als 100.000 Steine sind es mittlerweile europaweit. Der Gedenkstein für Chana Grünbaum ist dabei der 3.000. Stolperstein in Köln. Die Jüdin war eine von rund 20.000 Mitgliedern der Kölner Synagogengemeinde vor der NS Zeit.
Nach Recherchen des NS Dokumentationszentrums Köln gab es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kaum noch jüdisches Leben in der Stadt. Nur wenige Jüdinnen und Juden hatten in Verstecken überlebt oder kehrten aus den Vernichtungslagern nach Köln zurück.
Unsere Quellen:
- NS-Dokumentationszentrum
- Barbara Grünbaum, Angehörige
- Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Köln, 11.06.2026, 19.30 Uhr
