Lena Schröder betreibt den Second-Hand-Laden "Kleiderei" in Köln
Leihen statt kaufen
Sevil Mokhtare nimmt ein fliederfarbenes Top, ein mintgrünes Kleid mit Glitzerelementen und einen goldschimmernden Rock von den Kleiderstangen. In der Auslage findet sie noch ein bronzefarbenes Armband, das die 43-Jährige direkt am Armgelenk lässt, als sie in der Umkleide verschwindet. Die Schauspielerin ist auf der Suche nach einem Outfit für ein Filmfest. In der "Kleiderei" in Köln-Ehrenfeld hofft sie, fündig zu werden. "Die Kleiderei ist wie ein Kleiderschrank, den man sich mit Freunden teilt", sagt Mokhtare.
Damit spricht sie genau das aus, was sich Inhaberin Lena Schröder einst von ihrem Laden erhofft hatte. In der "Kleiderei" auf der Venloer Straße können Kundinnen zwar auch Klamotten kaufen, doch die meisten leihen sich ihre Outfits. Für 29 Euro im Monat können sie bis zu vier Teile bekommen und so lange behalten, wie sie wollen. Ähnlich wie in einer Bücherei, nur mit Klamotten.
Warum Schauspielerin Sevil Mokhtare von dem Konzept überzeugt ist
00:58 Min.. Verfügbar bis 05.08.2027.
Das Motto des Ladens "Stil hast du, Kleider leihst du" steht in schwarzer Schrift auf einem Schild an der Hauswand. Leihen statt kaufen, nachhaltig und bewusst statt konsumgetrieben, Slow Fashion statt Fast Fashion - das sind die Werte der "Kleiderei".
Was ist Slow Fashion?
Jeder Deutsche kauft nach Angaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) pro Jahr durchschnittlich 60 Kleidungsstücke und trägt damit zur Fast Fashion bei. Diese orientiert sich an schnelllebigen Modetrends und gilt seit Jahren als Treiber von moderner Sklaverei in Textilfabriken. Slow Fashion bezeichnet hingegen eine nachhaltige Bewegung, die sich für entschleunigten Konsum und eine stärkere Wertschätzung von Kleidung einsetzt. Dahinter steckt auch die Idee, sich mehr damit auseinanderzusetzen, wo Kleidung herkommt und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wird.
In der "Kleiderei" bekommen Textilien mehr als ein zweites Leben
Das Ziel: Kleidungsstücke länger im Kreislauf halten. Jedes Jahr landen in Deutschland rund eine Million Tonnen Kleidung in Altkleidercontainern. Allein in Köln werden nach Angaben der dortigen Abfallwirtschaftsbetriebe (AWB) pro Jahr über 6.000 Tonnen weggeworfen. Um das zu reduzieren, boomt Second-Hand-Mode seit Jahren.
Vom Flohmarkt zum eigenen Laden
Als Lena Schröder die "Kleiderei" 2016 eröffnete, wusste sie trotzdem nicht, ob ihr Konzept funktionieren wird. Denn die meisten besäßen ihre Kleidung doch lieber, als dass sie sie mit anderen teilen wollten, glaubt die 42-Jährige. Schon als Teenagerin streifte sie über Flohmärkte, um nach Stoffen zum Nähen zu suchen. Sie wollte einen individuellen Stil, ein haptisches Erlebnis. Gemeinsam mit ihren beiden Omas nähte sie zunächst Puppenkleidung, später Taschen aus alten Vorhängen.
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Nach Abschluss ihres Modedesign-Studiums machte sich Schröder mit einem Upcycling-Label selbstständig und verkaufte selbstgenähte Mode. 2016 gab sie ihr Label auf, um sich vollständig der "Kleiderei" zu widmen. "Man muss seine Gewohnheiten umstellen und sich aus seiner Komfortzone begeben, wenn man etwas verändern möchte", sagt Schröder. Damals war die "Kleiderei" laut Schröder der erste Laden mit Fashion-Sharing-Konzept in Deutschland. Mittlerweile gibt es die Kleiderei auch in Freiburg, Stuttgart und Berlin.
Welches Ziel Lena Schröder bei ihren Projekten verfolgt
00:13 Min.. Verfügbar bis 05.08.2027.
"Ich bin überzeugt davon, dass die Kleiderei das Sinnvollste ist, was man zur Verwertung von Textilen machen kann", sagt Schröder. Sie will Menschen für einen nachhaltigeren Umgang mit Kleidung begeistern. Zugleich hatte Schröder schon immer eine soziale Ader, machte Praktika in einem Pflegeheim und in einer Sonderschule, studierte für kurze Zeit Soziale Arbeit. Nun möchte sie hochwertige und nachhaltige Kleidung für jeden zugänglich machen.
Während in den vergangenen Jahren viele Produkte teurer wurden, hat die "Kleiderei" ihre Kosten nicht erhöht. "Wir wollen in jedem Fall unter dem Bürgergeldsatz für Kleidung von 35 Euro bleiben. Klamotten müssen für jeden leistbar sein", sagt Schröder. Ob sie sich selbst als Pionierin bezeichnen würde? Schröder zögert kurz und sagt dann mit einer kräftigen Stimme "Ja."
Mehr als eine Community
Inzwischen hat die "Kleiderei" in Köln 300 Mitglieder, die im Schnitt zwischen Mitte 20 und Mitte 40 sind. Darunter Studentinnen ebenso wie Mütter mit ihren Töchtern im Teenageralter, die sich die Mitgliedschaft teilen. An diesem Mittag kommen manche, um Klamotten abzugeben, andere tauschen die bereits getragenen Stücke direkt gegen neue ein. Eine Kundin, die bereits seit vier Jahren Mitglied ist, hat heute ein beiges Top und eine gestreifte beige-weiße Shorts gefunden. Sie tauscht das Outfit gegen ein weißes T-Shirt und einen olivfarbenen Pullover.
Kleidung erst leihen und dann kaufen? Für Mitglieder der "Kleiderei" ist das möglich
Über die Jahre sei eine richtige Community entstanden, sagt Schröder, die heute nur noch selten im Laden ist und stattdessen im Büro an der Unternehmensentwicklung arbeitet. Manchmal vermisse sie es, selbst hinter der Ladentheke zu stehen: "Unsere Mitglieder sind tolle Frauen, mit denen es Spaß macht, sich auszutauschen." Kundinnen, die an diesem Mittag den Laden betreten, werden mitunter umarmt, als wären es alte Freundinnen, die man nach Monaten mal wieder auf einen Kaffee trifft.
Einen Kleiderschrank mit Freundinnen teilen
Es käme vor, dass Frauen in Unterhose durch den Laden flitzten und sich gegenseitig beraten würden - und das, obwohl sie sich nicht kennen. Einen gemeinschaftlichen Kleiderschrank mit Freundinnen nennt Schröder ihren Laden deswegen auch.
In diesem Kleiderschrank ist Sevil Mokhtare heute fündig geworden. Das Outfit steht: ein knallgelbes, knöchellanges Sommerkleid mit Spaghettiträgern, dazu eine Clutch. Die Schauspielerin hatte ein dreimonatiges Probe-Abo für die "Kleiderei" auf Instagram gewonnen. Ob sie anschließend weiter Mitglied bleiben wolle? Mehr als das Strahlen, das Mokhtares Gesicht überzieht, braucht es als Antwort wohl nicht.
