Blumenkränze stehen vor der Hausnummer 29 auf der Keupstraße. Es ist das Haus, vor dem einer der Täter 2004 das Fahrrad mit der verstecken Nagelbombe abgestellt hatte. Kurz darauf hatte er sie per Fernzündung explodieren lassen. 22 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer.
Vor dem Haus ist am Dienstag eine Bühne aufgestellt. Drumherum hat sich eine menschliche Traube gebildet. Die Anwesenden lauschen andächtig den Reden verschiedener Politikerinnen und Politiker, darunter Bürgermeisterin Derya Karadag: "Wir wollen ein Zeichen gegen Rassismus und für Zusammenhalt setzen", sagt sie. Das Publikum applaudiert.
Café-Besitzer war Augenzeuge des Attentats
Muhammed Ayazgün geht der Anschlag von damals nicht aus dem Kopf. "Ich habe jeden Tag Angst", sagt er. Für Ayazgün ist es nach wie vor schwer, auf die Keupstraße zu kommen. Vor 22 Jahren spricht er mit Freunden und sieht dabei zufällig den Mann, der ein Fahrrad mit der versteckten Bombe vor einem Friseursalon abstellt und weggeht. Kurz darauf explodiert der Sprengsatz.
"Die ganzen Fensterscheiben sind explodiert und auf die Straße geflogen", erinnert sich der heute 55-Jährige. "Ich lag auf dem Boden, hinter mir sind die Nägel eingeschlagen und aus meinem Ohr lief Blut heraus." Seitdem kann er auf seinem linken Ohr nicht mehr gut hören.
Muhammed Ayazgün
Der Anschlag belastet Muhammed Ayazgün bis heute auch psychisch. Aus Angst zog er weg, aber wegen seines Cafés muss er täglich zurück auf die Keupstraße. "Ich befürchte jeden Tag, dass es noch mal passieren könnte", erzählt Ayazgün, "vor allem, wenn ich jemanden mit einem Fahrrad sehe."
Keupstraße wurde für die Erinnerung an die Anschlagsopfer gesperrt
Betroffenen wie Muhammed Ayazgün sollte am Dienstag gedacht werden - mit Ausstellungen, einer Schweigeminute und Reden vieler Persönlichkeiten aus der Politik. Organisiert wurde das Programm unter anderem von der IG Keupstraße, dem Schauspiel Köln und dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Dafür war die Straße von 13 bis 18 Uhr für den Autoverkehr gesperrt worden.
NSU-Anschlag in Köln: Noch immer kein Mahnmal
Im Gegensatz zu anderen Tatorten des Nationalsozialistischen Untergrunds (kurz NSU) gibt es in Köln nach wie vor kein Mahnmal, das an die Opfer des Anschlags erinnert. Jahrelang wurde um den richtigen Standort gestritten: Betroffene wollten es direkt an der Keupstraße. Die privaten Besitzer des möglichen Grundstückes hatten andere Pläne.
Betroffene fordern, dass endlich ein Mahnmal an der Keupstraße aufgebaut wird.
Mit dem Wechsel der Eigentümer konnte man sich einigen. 2021 wurde der Bau gegenüber der Keupstraße schließlich auch vom Kölner Stadtrat beschlossen. Aber trotzdem hat sich die Umsetzung seitdem immer wieder verzögert. Woran das liegt, haben wir hier ausführlich aufgeschrieben:
Betroffene wurden zu Verdächtigen
Die Zerstörung durch den Anschlag 2004 war immens. Die ganze Straße war übersät mit mehr als 700 sogenannten Zimmermannsnägeln, die wie Geschosse bis zu 100 Meter weit geflogen waren.
Obwohl die Keupstraße dafür bekannt ist, dass hier fast nur türkischstämmige Händler ihre Geschäfte betreiben, schlossen die Ermittler eine rechtsextreme Tat früh aus. Stattdessen glaubte die Polizei eher an Bandenkämpfe. Sieben Jahre standen Anwohner und Geschäftsleute der Straße unter Generalverdacht. Auch Muhammed Ayazgün: "Das war für mich die zweite Bombe. Seitdem habe ich mein Vertrauen in die Behörden verloren."
2011 fand die Polizei in einer fast abgebrannten Wohnung in Zwickau DVDs. In den Videos bekennt sich ein Trio des NSU neben Morden und Überfällen auch zum Anschlag auf der Keupstraße. Die NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt werden tot in einem ausgebrannten Wohnmobil gefunden. Das dritte Mitglied Beate Zschäpe wird 2018 zu einer lebenslangen Haft verurteilt.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Muhammed Ayazgün
- IG Keupstraße
- Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR 2 Rheinland, Lokalzeit, 09.06.2026, 14.31 Uhr
