Forscher warnen: Klimawandel schreitet schneller voran | Kurzvideo
00:54 Min.. Verfügbar bis 25.09.2027.
Chinas Staatschef Xi hat auf dem Klimagipfel der diesjährigen UN-Vollversammlung überraschend angekündigt, dass sein Land die Treibhausgasemissionen bis 2035 um sieben bis zehn Prozent reduzieren werde.
Ganz andere Töne hatte zuvor US-Präsident Donald Trump angeschlagen: Bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung sprach er mit Blick auf den Klimawandel von "Schwindel" und "Betrug". Dabei ist es Fakt, dass sich die Erde in den vergangenen Jahrzehnten rasant erwärmt hat.
Warnung vor beschleunigtem Klimawandel
Aus Sicht der Wissenschaft ist die Erde weiter unter Druck: Sieben von neun Belastungsgrenzen des Planeten seien inzwischen überschritten, teilte das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) am Mittwoch mit. Im vergangenen Jahr waren es noch sechs. Neu hinzugekommen ist die Versauerung der Ozeane. Die Klimaerwärmung gehört schon seit Jahren dazu.
Nun soll sich der Klimawandel nach Einschätzung deutscher Wissenschaftler auch noch beschleunigen, hieß es auf dem Extremwetterkongress in Hamburg. Demnach könnte die globale Erwärmung schon in 25 Jahren durchschnittlich drei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter betragen - das wäre 50 Jahre früher als bisher angenommen.
Warum soll die Erde schneller heißer werden?
Die Daten der letzten zehn bis 15 Jahre deuten darauf hin, dass die Realität das bisher angenommene Szenario überholen könnte. Das sagte Frank Böttcher, Vorsitzender der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft (DMG) dem WDR. Die DMG hat gemeinsam mit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) den Bericht veröffentlicht, der auf eine mögliche Beschleunigung der Erderhitzung hinweist.
Aus Sicht von Forschenden kann das mehrere Gründe haben. Die Luft ist sauberer geworden. Darum gibt es weniger sogenannte Aerosole und weniger Wolken. Das hat zur Folge, dass mehr Strahlungswärme auf der Erde ankommt, die dann das Eis zum Schmelzen bringt.
Das Eis wird zu dunklerem Wasser oder legt die ebenfalls dunkleren Landflächen frei. Da sich dunkle Flächen stärker erhitzen als helle, schmilzt dann noch mehr Eis. Durch höhere Temperaturen ist mehr Wasserdampf in der Luft. Auch Wasserdampf ist ein Treibhausgas. Die Ozeane sind warm wie nie und sie nehmen weniger CO2 auf als früher. Außerdem werden noch immer weltweit viele Tonnen Treibhausgase ausgestoßen.
Ist es schon sicher, dass es schneller heißer wird?
Nein, unter den Experten gibt es noch keinen wissenschaftlichen Konsens für eine Beschleunigung der globalen Erwärmung. Professor Bjorn Stevens vom Max-Planck-Institut für Meteorologie, der nicht am Bericht beteiligt war, sagte dem WDR: "Die Veränderungen über wenige Jahre hinweg können weder als Zeichen einer beschleunigten Erwärmung gewertet werden, noch schließen sie diese aus."
Temperaturrekorde, ungewöhnlich warme Meere, Hitzewellen, Starkregen und Dürren: In den vergangenen zehn Jahren gab es sehr viele Wetterextreme. Das sind zumindest Hinweise darauf, dass der Klimawandel an Fahrt aufnimmt.
Wann genau die drei Grad mehr im Durchschnitt weltweit überschritten werden sollen, ist aber noch unklar. Die Berechnungen dafür sind sehr umfangreich, weil die Erde mit ihrer Atmosphäre und den Ozeanen ein sehr komplexes System ist. Ob und wie stark sich der Klimawandel tatsächlich beschleunigt, werden wird wohl vermutlich erst in ein paar Jahren wissen.
Was bedeutet das für die Menschen in NRW?
Die globale Erwärmung beträgt derzeit offiziell 1,1 Grad, sagt ARD-Meteorologe Karsten Schwanke. "Um 1,1 Grad sind die Jahre 2000 bis 2024 wärmer als 1850 bis 1900." In Deutschland jedoch sei das Jahr 2024 nicht um 1,1 Grad wärmer als in der vorindustriellen Zeit gewesen, sondern um 3,1 Grad wärmer.
"Das heißt, wir bewegen uns mit einem Faktor 3 durch diese weltweite Erwärmung", so Schwanke. Falls um das Jahr 2050 tatsächlich drei Grad höhere Temperaturen im weltweiten Mittel herrschten, stehe zu befürchten, dass in Mitteleuropa - und somit auch in NRW - möglicherweise sieben bis neun Grad höheren Temperaturen zu rechnen sei. "Das sind deutlich höhere Werte als das, worauf sich Deutschland gerade vorbereitet."
Das würde, so Meteorologe Schwanke, zum Beispiel bedeuten: größte Probleme für unseren Wasserhaushalt. "Dann wären Dürre- und Hitzejahre, die wir 2018, 2019, 2020 erlebt haben, nur ein kleiner Vorgeschmack dessen gewesen sein, was wir dann in den nächsten 25 Jahren erleben."
Was empfehlen Klima-Experten?
Die Deutsche Meteorologische Gesellschaft (DMG) und die Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) verbinden ihren Bericht mit einem Appell: "Wir müssten dringend auf die Bremse treten, doch emittieren wir weiterhin viel zu viel CO2", sagte der DMG-Vorsitzende Böttcher beim Extremwetterkongress in Hamburg. "Wir müssen jetzt mit einer Welt denken und planen, in der wir 2050 bereits die 3-Grad-Grenze überschreiten."
Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) kommt zu einer Neubewertung. "Der Klimawandel beschleunigt sich – und mit ihm nehmen Wetterextreme wie Hitzewellen und Trockenphasen spürbar zu", sagte DWD-Vorstandsmitglied Tobias Fuchs auf der Tagung. Besonders in Städten würden die Belastungen für die Menschen immer größer. "Deshalb brauchen wir entschlossenes Handeln: Klimaschutz, um die Erderwärmung zu bremsen, und gleichzeitig Anpassung, um die Folgen besser bewältigen zu können."
Der ARD-Meteorologe Sven Plöger warnte auf dem Kongress davor, trotz der schlechten Nachrichten den Mut und die Zuversicht zu verlieren. "Denn die Hoffnung aufgeben, ist die schlechteste Lösung." Gesellschaften seien dann besonders anpassungsfähig, wenn sie sich nicht von Angst, sondern von Zuversicht leiten ließen. "Nicht aufgeben, bevor man richtig angefangen hat!"
Was können wir persönlich tun und was nicht?
Als Verbraucherinnen und Verbraucher können wir klimafreundliche Konsumentscheidungen treffen. Dabei lässt sich der individuelle CO2-Fußabdruck redzuzieren.
Wie groß der überhaupt ist, kann man online beim Umweltbundesamt mit einem CO2-Rechner erfahren. Daraus lässt sich ableiten, in welchen Bereichen beim persönlichen Umweltverhalten möglicherweise noch Luft nach oben ist.
Zur Orientierung: Bei einem durchschnittlichen Konsumverhalten kann nach Angaben des Umweltbundesamtes eine Person in Deutschland ihren Fußabdruck um die Hälfte reduzieren, wenn sie diese Punkte beachtet:
- Sparduschkopf verwenden
- auf Flüge verzichten
- Wohnraum gut dämmen
- Vornehmlich pflanzlich ernähren
- Ökostrom nutzen
- Weniger Auto fahren
- Bewusster konsumieren
Mit dem persönlichen Verhalten alleine kann das Klima allerdings nicht gerettet werden. Was wir konsumieren und wen wir wählen - das beeinflusst zwar Wirtschaft und Politik. Aber ob Probleme gelöst werden, hängt auch vom gemeinsamen Handeln vieler und wesentlich von politischen Rahmenbedingungen ab.
"Deshalb sind klare gesetzliche Regelungen notwendig, um Individuen klimafreundliches Handeln zu erleichtern", schreibt der Deutsche Ethikrat 2024 in seiner Stellungnahme zur Klimagerechtigkeit. Ein Blick auf die Treibhaus-Emissionen in Deutschland im vergangenen Jahr zeigt, für welche Sektoren solche Regelungen sinnvoll sind. Das reicht von der Industrie bis zum Verkehr.
Um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Rolle politische Rahmenbedingungen für die CO2-Bilanz der Gesamtbevölkerung spielen, hat das Umweltbundesamt auch ein Tool ins Netz gestellt, das zeigt, wie sich die persönlich favorisierte Klimapolitik gesellschaftlich auswirken könnte.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagentur DPA
- Gespräch mit Frank Böttcher, Vorsitzender der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft
- Gespräch mit ARD-Meteorologe Karsten Schwanke
- Gespräch mit Bjorn Stevens vom Max-Planck-Institut für Meteorologie
- Artikel von tagesschau.de vom 25.09.2025
- Information des Umweltbundesamtes
- Stellungnahme des Deutschen Ethikrates vom 13.03.2024