Geburtenrate niedrig: NRW fehlen die Kinder

Aktuelle Stunde 17.07.2025 20:35 Min. Verfügbar bis 17.07.2027 WDR Von Per Quast

Weniger Geburten, wachsende Weltbevölkerung: Wie passt das zusammen?

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Die Geburtenrate in Deutschland geht seit Jahren zurück. Die Weltbevölkerung wächst dagegen rasant. Wie passt das zusammen?

Es gibt Statistiken, die verursachen seltsame Bilder im Kopf. 1,35 Kinder bekommt jede Frau durchschnittlich in Deutschland. Das hat das Statistische Bundesamt am Donnerstag bekanntgegeben.

Für die sogenannte Geburtenziffer berechnen die Statistiker, wie viele Kinder eine Frau im Laufe ihres Lebens bekäme, wenn ihr Geburtenverhalten so wäre wie das aller Frauen zwischen 15 und 49 Jahren im vergangenen Jahr. Diese Zahl ist zuletzt gesunken.

Die Weltbevölkerung wächst dagegen seit Jahren. Etwa 8,3 Milliarden Menschen leben derzeit auf der Erde. Vor hundert Jahren waren es knapp zwei Milliarden. Wir haben uns gefragt: Wie kann das sein?

Wie entwickelt sich die Weltbevölkerung?

Das kommt darauf an, wen man fragt. Die UN rechnet mit 10,3 Milliarden Menschen bis 2080. Das Wiener Wittgenstein Center geht bereits 2060 von zehn Milliarden Menschen aus. Wieder andere sehen das Wachstum bei etwa neun Milliarden beendet.

"Einig sind sich aber alle Demographen darin, dass die Weltbevölkerung dann schrumpfen wird. Zunächst langsam bis zum Ende des Jahrhunderts, danach schneller", sagt Sven Kästner aus der ARD-Wissenschaftsredaktion.

In China hat das schon angefangen. Fachleute rechnen mit einer Halbierung der Bevölkerung bis zum Jahr 2.100 von heute 1,4 Milliarden auf 600 Millionen Chinesen. Auch in Indien – dem bevölkerungsreichsten Land der Erde - ist ein Ende des Bevölkerungswachstums absehbar.

Nur in den afrikanischen Ländern, vor allem südlich der Sahara, wird die Bevölkerung noch länger wachsen, sagen Wissenschaftler. Die Ursachen sehen sie vor allem in mangelhafter Bildung und in fehlender sexueller Selbstbestimmung.

Wie ist das in Europa?

In Europa leben offiziell fast 450 Millionen Menschen, so viele wie noch nie. Das Statistikamt der EU (Eurostat) schätzt, dass die Zahl nächstes Jahr nochmal steigt, dann aber bis zum Jahr 2100 auf rund 419,5 Millionen sinken wird.

Das liege zum einen an der alternden Bevölkerung und zum anderen an der niedrigen Geburtenrate, sagt Eurostat. Sie lag 2023 EU-weit im Schnitt bei 1,38 Kindern je Frau. Zehn Jahre zuvor waren es noch 1,51. 

Wo steht Deutschland?

Deutschland liegt mit 1,35 Kindern im Durchschnitt - mehr sind es beispielsweise in Bulgarien, weniger in Spanien. "1,35 Kinder pro Frau sind sehr wenig. Die langfristigen Auswirkungen einer so niedrigen Geburtenrate werden leider vielfach noch unterschätzt", sagt Martin Bujard, Forschungsdirektor beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung im Interview mit WDR 5.

Forschungsdirektor Prof. Dr. Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Die Kinder, die heute nicht geboren werden, könnten in 20, 30 Jahren nicht auf den Arbeitsmarkt gehen, nicht in die Sozialkassen einzahlen, keine Steuern zahlen. "Das kostet enorm viel Wohlstand", sagt Bujard. Er plädiert für mehr Investitionen in die Kinderbetreuung, die Eltern in den vergangenen Jahren oft als nicht mehr verlässlich erlebten. Denn tatsächlich wünschten sich die Menschen Kinder: Bei 1,8 Kindern liege dieser Wert Untersuchungen zufolge bei Frauen und Männern.

Damit der Kinderwunsch nicht aufgeschoben, sondern umgesetzt werde, brauche es vor allem eine gesellschaftliche Atmosphäre, die Mut mache und ein positives Bild von Familie vermittele, sagt Bojard. 

Was heißt das für unsere Bevölkerung?

Auch hier kommt wieder darauf an, wen man fragt. Die UN rechnet im Mittel damit, dass bis 2100 nur noch 70,9 Milllionen Menschen in Deutschland leben.

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mit Sitz in Bonn prognostiziert beispielsweise, dass die Bevölkerung in Deutschland bis zum Jahr 2045 auf 85,5 Milionen Menschen steigen wird.

Und das Statische Bundesamt hat verschiedene Modelle mit diversen Annahmen und Variablen entwickelt. Die Spannweite reicht da von 73,5 bis 90,9 Millionen Menschen in Deutschland im Jahr 2070.

"Bei einer moderaten Entwicklung der Geburtenhäufigkeit und der Lebenserwartung sowie einer moderaten Nettozuwanderung von durchschnittlich 290.000 Personen pro Jahr würde die Bevölkerung bis 2031 auf 85 Millionen Menschen anwachsen und dann bis 2070 auf 83 Millionen zurückgehen", schreibt Destatis.

Wie sieht es in NRW aus?

Ende 2024 lebten in Nordrhein-Westfalen mehr als 18 Millionen Menschen – fast 17.000 mehr als zum Jahresende 2023.

Das liegt laut IT.NRW vor allem an der Zuwanderung - und eben nicht an der Geburtenrate. Denn die sinkt in NRW seit Jahren und liegt aktuell bei 1,38 Kindern - so niedrig wie seit 13 Jahren.

Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit bekommen im Durchschnitt mehr Kinder als deutsche Frauen - allerdings gehen beide Zahlen seit mehreren Jahren zurück.

Dabei gibt es durchaus Regionen, in denen die Geburtenzahl gestiegen ist, zum Beispiel im Rheinisch-Bergischen Kreis und in Paderborn. Dagegen war in Duisburg oder Mülheim an der Ruhr auf den Geburtsstationen weniger los als im Jahr davor.

2021 hat das Statische Landesamt berechnet, dass die Einwohnerzahl NRWs bis zum Jahr 2050 im Schnitt um 0,1 Prozent pro Jahr sinken wird. Demnach würden 2050 "nur noch" rund 17,6 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen leben.

Gibt es eine kritische Grenze bei der Weltbevölkerung?

"In der Wissenschaft hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass die Erde zehn Milliarden Menschen ernähren könnte, wenn weniger Lebensmittel verschwendet und wenn die vorhandenen besser verteilt würden", sagt Wissenschaftsjournalist Sven Kästner. Generell sei nicht das Wachstum das Problem, sondern der ungezügelte Konsum.

Auf dem derzeitigen Level bräuchten wir eigentlich zwei Erden. Sven Kästner, ARD-Wissenschaftsredaktion

Die zehn reichsten Prozent der Menschheit seien für 50 Prozent des ökologischen Fußabdrucks verantwortlich, während die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung nur zehn Prozent verursache.

Auch die Menschen in den Schwellenländern strebten bei wachsendem Wohlstand nach westlichem Lebensstandard. "Das heißt, dass auch dort der Ressourcenverbrauch steigt", sagt Kästner.

Fazit: Sämtliche Prognosen und Annahmen zu Bevölkerungsentwicklungen erfolgen auf Basis aktueller Statistiken und Erkenntnisse. Dazu gehört auch die Geburtenrate. Sie ist aber nur ein Baustein. Dazu kommen noch andere Variablen wie die Sterberate oder Migrationsbewegungen. Sie können sich jederzeit in die eine oder andere Richtung entwickeln – abhängig von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen.

Sinkende Geburtenzahlen: "Brauchen positive Narrative"

WDR 5 Morgenecho - Interview 18.07.2025 06:13 Min. Verfügbar bis 18.07.2026 WDR 5

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