Ein Praktikant bei der Tischlerei Hillebran schneidet ein Stück Holz

Vier Berufe in zwölf Monaten Freiwilliges Handwerksjahr hilft bei Berufswahl

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Vier Handwerksberufe in einem Jahr ausprobieren: Das Freiwillige Handwerksjahr bietet Berufsorientierung. Was dahinter steckt.

Von Sabine Meuter

Sägen, hobeln, schleifen: Jakob Kind ist in seinem Element. Der 22-Jährige lernt in der Tischlerei Hillebrand in Bielefeld, wie man mit Holz umgeht, Furniere verarbeitet und Oberflächen behandelt. Er fertigt Fenster, Treppen und Türen an - und bei Bedarf auch einzelne Möbelstücke. "Es ist schön, mit Holz zu arbeiten und daneben viel Kontakt mit Kunden zu haben", sagt der junge Mann im Gespräch mit dem WDR.

Der 22-Jährige ist kein klassischer Auszubildender. Jedenfalls noch nicht. Aktuell ist er Teilnehmer beim Freiwilligen HandwerksjahrPlus (FHJ+), das die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe seit Juni 2025 als Pilotprojekt in NRW anbietet. Das FHJ+ ist ein freiwilliges Berufsorientierungsangebot. "Teilnehmende können innerhalb eines Jahres bis zu vier verschiedene Handwerksberufe beziehungsweise Ausbildungsberufe praktisch kennenlernen", sagt Jan Banze, Pressesprecher der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe.

Fundierte Berufswahl über praktische Erfahrung

Das FHJ+ soll helfen, eine fundierte Berufswahl zu treffen. Auch bei Jakob Kind war das gar nicht so einfach. Nach dem Abitur hatte er zunächst in Bielefeld Informatik studiert. "Aber schon im ersten Semester habe ich gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich war", erzählt er. Statt Studium überlegte er, eine handwerkliche Ausbildung anzufangen. Aber in welchem Beruf genau, wusste er zunächst nicht.

Freiwilliges Handwerksjahr: Was ist das?

WDR 05.06.2026 00:25 Min. Verfügbar bis 04.06.2028 WDR Online

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Porträt vom Timo Hillebrand, Betriebsleiter bei der Tischlerei Hillebrand

Timo Hillebrand

Als er vom FHJ+ hörte, bewarb er sich - und lernte auf seiner ersten Praktikumsstation die Arbeit in der Tischlerei Hillebrand kennen. "Ich bin jetzt seit zwei Monaten dabei und inzwischen steht mein Berufswunsch fest - ich möchte eine Tischler-Ausbildung beginnen", sagt Jakob Kind. Sein Vorgesetzter, Betriebsleiter Timo Hillebrand, findet das Projekt gut: "Wir sehen das FHJ+ als eine Art Probezeit, sowohl für Ausbildungsinteressierte als auch für Arbeitgeber, in der beide Seiten ausloten können, ob es passt."

Freiwilliges Handwerksjahr: Was bringt es?

WDR 05.06.2026 00:28 Min. Verfügbar bis 04.06.2028 WDR Online

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Freiwilliges Handwerksjahr lohnt sich auch für Betriebe

Aus Sicht des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) ist ein Freiwilliges Handwerksjahr für die Betriebe ein neues Instrument, um motivierten Nachwuchs zu finden: Sie bekommen so Auszubildende, die wissen, auf was sie sich einlassen - und die Abbrecherquote sinkt. Allein in NRW wurden nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) im Jahr 2024 insgesamt über 30 Prozent der begonnenen Ausbildungsverträge vorzeitig beendet - den höchsten Anteil hat das Handwerk mit knapp 40 Prozent.

Freiwilliges Handwerksjahr in den Anfängen

Das Projekt gibt es in NRW bisher nur als Pilotprojekt. Auch in vielen anderen Bundesländern ist es noch nicht Standard. Ihren Ursprung hatte die Idee in Baden-Württemberg: Der Elektrotechnikbetrieb EB-Gruppe in Holzgerlingen bietet seit 2022 ein Langzeitpraktikum für Abiturientinnen und Abiturienten ein.

Wachsendes Interesse

Nach Angaben des ZDH bieten inzwischen mehrere Kammern das freiwillige Jahr im Handwerk an: Im Raum Böblingen als "Freiwilliges Berufsorientierungsjahr", in Lübeck als "Freiwilliges Handwerksjahr", in der Nordpfalz als "Berufsorientierungszeit" oder eben das Pilotprojekt in Ostwestfalen-Lippe.

Freiwilliges Handwerksjahr: Für wen geeignet?

WDR 05.06.2026 00:27 Min. Verfügbar bis 04.06.2028 WDR Online

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Porträt von Dirk Palige

Dirk Palige

"Weitere Kreishandwerkerschaften und Handwerkskammern sind an einer Einführung des Freiwilligen Handwerksjahrs interessiert", sagt ZDH-Geschäftsführer Dirk Palige. Auch die Nachfragen von jungen Menschen und ihren Eltern bei Handwerkskammern, Kreishandwerkerschaften und dem Zentralverband nehmen zu.

Angebot auch für Schülerinnen und Schüler unter 18

Porträt von Jan Banze

Jan Banze

Konkrete Zahlen gibt es von der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe. Dort haben sich seit Einführung des FHJ+ im Juni 2025 über 150 Interessierte gemeldet. "Insgesamt konnten rund 20 FHJ+-Praktika in verschiedenen Bereichen starten", sagt Sprecher Jan Banze. Mit dem Ende des aktuellen Schuljahres dürfte diese Zahl noch einmal deutlich steigen, da zum Sommer viele Interessierte mit ihrer ersten Station starten möchten. Eine Anmeldung sei jedoch jederzeit möglich.

"Grundsätzlich richtet sich das FHJ+ vor allem an Menschen, die berufliche Orientierung suchen, in der Regel Volljährige oder Personen mit erfüllter Schulpflicht", sagt der Sprecher der Handwerkskammer. Auch noch nicht volljährige Schülerinnen und Schüler können sich anmelden.

450 Euro monatliches Taschengeld

Wer das FHJ+ absolviert, muss laut Banze gesetzlich oder privat krankenversichert sein. Und es muss ein Haftpflichtschutz bestehen. In der Regel ist das über die Eltern möglich. Die Unfallversicherung bei Arbeits- und Wegeunfällen läuft über den jeweiligen Betrieb beziehungsweise die Berufsgenossenschaft. Bei Vollzeit erhalten Teilnehmende ein monatliches Taschengeld von 450 Euro.

Das Freiwillige HandwerksjahrPlus der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe wird mit vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziell gefördert. Aus Sicht der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe wäre ein Angebot für ganz NRW sinnvoll. Dafür bräuchte es einen landesweiten Rahmen - mit Details zur Finanzierung sowie rechtlichen und Sozialversicherungsfragen. "Das OWL-Projekt kann dafür wichtige Erfahrungen aus der Praxis liefern", sagt Jan Banze.

Vom Praktikant zum Meister?

Jakob Kind das das Freiwillige Handwerksjahr jedenfalls viel gebracht. Er hofft, bald eine Ausbildung als Tischer beginnen zu können. Bis dahin sammelt er weiter praktische Erfahrungen - verlegt Parkettböden, montiert Einbaumöbel und oder repariert Möbelstücke. Nach der Ausbildung möchte er erst einmal als Geselle arbeiten. Und vielleicht macht er ja auch eines Tages seinen Meister. "Aber ob das wirklich so kommt, steht für mich noch nicht fest", sagt er und lacht.

Quellen:

  • WDR-Gespräch mit Jakob Kind, Praktikant bei der Tischlerei Hillebrand in Bielefeld
  • WDR-Gespräch mit Timo Hillebrand, Betriebsleiter der Tischlerei Hillebrand in Bielefeld
  • WDR-Gespräch mit Jan Banze, Pressesprecher der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe
  • WDR-Gespräch mit dem Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Dirk Palige
  • Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Sendung: WDR.de, Freiwilliges Handwerksjahr: Was ist das?, 05.06.2026, 14:13 Uhr