Neue Studie zu Femiziden in Deutschland

Aktuelle Stunde 20.11.2025 15:19 Min. UT Verfügbar bis 20.11.2027 WDR Von Alexa Schulz

Tödliche Gewalt gegen Frauen: Was genau ist ein Femizid?

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Wenn Frauen getötet werden, spricht man auch von Femizid. Was ist das genau? Antworten liefert eine neue Studie.

Wie viele der Frauentötungen in Deutschland können als Femizide bezeichnet werden? Diese Frage stellte sich ein Forschungsprojekt des Instituts für Kriminologie der Universität Tübingen und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Am Donnerstag wurden die Ergebnisse veröffentlicht.

Strafverfahrensakten ausgewertet

Die Forscher untersuchten zu 292 Fällen Vernehmungsprotokolle, Sachverständigengutachten, Anklageschriften und Urteile, die als versuchte oder vollendete Tötungen von Frauen in fünf Bundesländern im Jahr 2017 in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) eingegangen sind.

Einbezogen wurden Baden-Württemberg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Teile Nordrhein-Westfalens, auf die ein Drittel der bundesweit polizeilich registrierten Tötungsdelikte an Frauen in diesem Jahr entfiel. 197 aller 292 analysierten Fälle erwiesen sich tatsächlich als versuchte oder vollendete Tötungsdelikte an Frauen.

"Wir haben das Jahr 2017 ausgewählt, um sicherzustellen, dass die Strafverfahren zu Beginn der Auswertung im Jahr 2022 tatsächlich abgeschlossen waren", sagt Jörg Kinzig, Direktor des Instituts für Kriminologie der Universität Tübingen und einer der Leiter der Studie. 

Neue Studie zu Femiziden

WDR Studios NRW 20.11.2025 00:57 Min. Verfügbar bis 20.11.2027 WDR Online

Femizide sind "geschlechtsbezogen"

Da es keine einheitliche Definition von Femizid gibt, haben die Forscher vor ihrer Analyse zuerst festgelegt, was sie unter diesem Delikt verstehen. Laut der Studie handelt es sich - kurz gesagt - um "geschlechtsbezogene Tötungsdelikte an Frauen".

Das bedeutet: Femizide sind demnach vorsätzliche Tötungsdelikte gegen Frauen, "die unter anderem darauf zurückzuführen sind, dass das Opfer weiblich" ist. Entscheidend für die Frage, ob eine Frauentötung einen Femizid darstellt, ist also, ob eine Frau gezielt aufgrund ihres Geschlechts getötet wurde - und nicht zufällig zum Opfer wurde.

Faktoren: Sexismus und gesellschaftliche Rolle

Die Forscher haben für Femizide eine zweistufige Definition entwickelt: Der Geschlechtsbezug könne sich einerseits aus einem sexistischen Motiv der Tatperson ergeben (enger Femizid-Begriff). Andererseits könne er daraus resultieren, dass Frauen aufgrund ihrer Stellung in der Gesellschaft Opfer von Tötungsdelikten werden könnten (weiter Femizid-Begriff).

Bei den 197 Tötungsdelikten an Frauen handele es sich bei zwei Dritteln (133) um Femizide im weiteren Sinne. In 74 dieser 133 Fälle stellten die Forschenden ein sexistisches Motiv des Täters fest. Diese Taten könne man als Femizide in einem engeren Sinn bezeichnen. Beim restlichen Drittel der 197 Tötungsdelikte spielte das Geschlecht der Frau keine prägende Rolle für die Tat.

Nur etwa die Hälfte der 292 untersuchten, polizeilich registrierten Fälle waren somit Femizide in einem weiteren und etwa ein Viertel Femizide in einem engeren Sinn. "Die Angaben in der Polizeilichen Kriminalstatistik sind daher für sich genommen nicht geeignet, um die Zahl der Femizide in Deutschland zu bestimmen", sagte der an der Studie beteiligte Jurist und Kriminologe Florian Rebmann.

Unterschiedliche Femizid-Definitionen

Tatsächlich basiert zum Beispiel eine Sonderauswertung des Landeskriminalamtes NRW für die Jahre 2014 bis 2023 auf einer anderen Definition von Femizid. Dabei wurden 1.666 vollendete und versuchte Tötungsdelikte an Frauen in drei Kategorien eingeteilt. Als Femizid galten dabei Taten, die sich als Beziehungstat, Sexualdelikt mit Todesfolge, Tötung von Sexarbeiterinnen, "Ehrenmorde" oder erweiterte Suizide einordnen ließen, bei denen keine Anhaltspunkte vorlagen, dass die Geschädigte tatsächlich sterben wollte.

Im Fall, dass ein geschlechtsbezogenes Motiv möglich war, andere Motive aber nicht ausgeschlossen werden konnten, wurde die Tat als "möglicher Femizid" gewertet. "Kein Femizid" lag laut LKA vor bei Tatverdächtigen, bei denen zum Beispiel eine psychische Erkrankung wahrscheinlich war, oder bei der Tötung Dritter, um sich an einer (Ex-)Partnerin zu rächen. Aber auch, wenn es sich um fahrlässige Tötung oder Raubüberfälle handelte.

Forderung: Mehr Frauenhäuser, mehr Gleichstellung

Laut der am Donnerstag veröffentlichten Studie sind Partnerinnen-Femizide im Zusammenhang mit Trennung oder Eifersucht mit Abstand die häufigste Form von Femiziden in Deutschland. Einflussfaktoren für die Tötung von Frauen und Mädchen können demnach sein: Sexismus, die strukturelle Benachteiligung von Frauen, psychische Erkrankungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie eine angespannte finanzielle Lage.

Als Konsequenz aus der Studie empfehlen die Wissenschaftler, die Zahl der Plätze in Frauenhäusern zu erhöhen und die Versorgung psychisch erkrankter Menschen zu verbessern. Zudem sollten Behörden und Gerichte geschlechtsbezogene Gewalt genauer betrachten. Wichtig sei es außerdem, allgemein sexistische Denk- und Verhaltensmuster abzubauen und so eine tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter zu ermöglichen.

Mädchen und Frauen, die Gewalt erleben oder bedroht werden, können sich an das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" wenden. Unter der Nummer 116 016 und per Online-Beratung bekommen sie Unterstützung. Das Angebot ist anonym, kostenlos und barrierefrei. Er richtet sich an Menschen jeglicher Nationalität und berät auch Angehörige, Freunde oder Fachkräfte.

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