Peter Hölscher aus Düsseldorf: Queer im Rollstuhl

WDR 03:17 Min. Verfügbar bis 05.05.2028

Düsseldorfer macht Mut "Aufgeben ist für mich keine Option"

Stand:

Peter Hölscher hat als Kind seine Eltern verloren. Er outete sich, als Homosexualität noch ein Tabu war. Seit einem schweren Unfall sitzt er im Rollstuhl. Trotz aller Schicksalsschläge ist seine Lebenslust ungebrochen. Er kämpft gegen Barrieren und Vorurteile.

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Christoph Wegener

Wenige Zentimeter reichen, um Peter Hölscher auszubremsen. Neben ihm steigen Menschen in die Straßenbahn ein, schauen dabei auf ihr Handy oder reden miteinander. Für sie ist es eine kleine Stufe, für Hölscher ein unüberwindbares Hindernis.

Ein Mann mit Rollstuhl wartet am Bahnsteig auf eine Straßenbahn. Sie fährt gerade ein

Peter Hölscher kann nicht alleine in die Bahn einsteigen, weil die Haltestelle nicht barrierefrei ist.

Die Bahn hält hier an der Hoffeldstraße meterweit vom Bahnsteig entfernt, deswegen ist Hölscher auf Hilfe angewiesen. Zwei Männer zögern nicht lange. Sie heben seinen Rollstuhl an und setzen ihn vorsichtig im Wagen wieder ab.

Ohne Unterstützung kommt der 72-Jährige kaum durch die Stadt. "Es gibt noch zu viele Hürden im Alltag", sagt Hölscher mit ernstem Blick. "Dabei hat jeder das Recht auf Teilhabe am Leben." Für dieses Recht kämpft er seit Jahren.

Zu resignieren, ist noch nie sein Ding gewesen. Egal, ob es um barrierefreie Haltestellen geht - oder ob die Gesellschaft ihn dafür verurteilt, wen er liebt.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Seine Wohnung ist voller Erinnerungen. Wie die Tapete im Schlafzimmer aussieht, lässt sich nur erahnen, weil überall Poster von Konzerten und Aufführungen hängen, an denen Hölscher beteiligt war. Bei allen Veranstaltungen geht es um Vielfalt, Liebe, das bunte Leben.

Auf einem Tisch steht das Modell eines Rheinbahn-Busses, den Regenbogenfarben überziehen. Über das Projekt "Queer im Alter" der AWO und Aidshilfe Düsseldorf wurde organisiert, dass der Bus auf der CSD-Parade zum Einsatz kommt. Durch ihn können Menschen, die im Rollstuhl sitzen, an der Parade teilnehmen.

Auch Hölscher war beteiligt. "Menschen wie Bernd Plöger von der AWO und andere haben da wirklich großartige Arbeit geleistet", betont er. "Solche Erfolge machen Mut."

Ein Mann im Rollstuhl holt mit Hilfe eines Greifarms eine Dose aus einem Schrank.

Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist Peter Hölscher wichtig.

Über die Vergangenheit spricht der 72-Jährige selten, sein Blick ist nach vorne gerichtet. Deswegen engagiert er sich unter anderem im Verein "queerhandicap".

In seinem Wohnzimmer liegen Armbänder mit der Aufschrift "Wir zeigen uns", es stapeln sich Flyer, die über die Vereinsarbeit informieren. Ziele sind "gelebte Teilhabe in der Gesellschaft" und der "Abbau von Ausgrenzung". Die Flyer gibt es auch in Blindenschrift.

Ein schwerer Start ins Leben

Bis sich wirklich etwas verändert, braucht es Durchhaltevermögen. Das hat Hölscher über die Jahrzehnte gelernt. Auf Demonstrationen, bei politischen Sitzungen, in Gesprächen mit der Stadtverwaltung.

"Wir müssen immer wieder auf Probleme aufmerksam machen, laut und präsent sein", sagt Hölscher. "Kurzfristige Erfolge gibt es kaum und Rückschläge gehören dazu. Aufgeben ist für mich einfach keine Option."

Dass er nie den Mut verliert, immer weiter macht, hängt auch mit seiner bewegten Vergangenheit zusammen.

Eine schwarz-weiß Aufnahme von einem kleinen Jungen, der in einem Garten steht.

Als Kind verlor Hölscher beide Eltern.

Als Hölscher neun Jahre alt war, starb sein Vater an einem Herzinfarkt. Neun Monate später verlor er seine Mutter, sie hatte einen Hirntumor. Er und seine Schwester wuchsen von da an bei einer Tante auf.

Hölscher erzählt mit brüchiger Stimme von dieser Zeit, der Schmerz hat sich tief in die Seele gebrannt. Aber der 72-Jährige fängt sich schnell wieder.

"Ich habe früh gelernt, dass es Dinge im Leben gibt, an denen ich nichts ändern kann und die ich akzeptieren muss. Gleichzeitig bleiben mir so viele Möglichkeiten, Veränderungen anzustoßen und Menschen zu helfen. Das will ich nutzen." Peter Hölscher

Als Einzelkämpfer ist so etwas aber kaum machbar. Hölscher hatte in seinem Leben immer Menschen, die für ihn da waren. Die in schwierigen Zeiten zuhörten, Halt und Orientierung gaben.

Outing in den 1970er-Jahren

Seine erste Beziehung führte er mit einer jungen Frau, aber eigentlich fühlte er sich zu Männern hingezogen. Es waren die 1970er-Jahre. Homosexualität unter Minderjährigen war nach Paragraph 175 des Strafgesetzbuches noch immer verboten und gleichgeschlechtliche Liebe ein gesellschaftliches Tabu.

Seine Freundin verstand, dass die Beziehung für Hölscher nicht funktionierte. Die beiden sind bis heute gut befreundet. Doch er wollte sich auch vor seiner Tante, die er liebevoll seine "alte Dame" nannte, outen. Vor dem Gespräch war er ziemlich nervös.

Hölschers Sorge war jedoch unbegründet: Sie akzeptierte nicht nur seine Sexualität, sondern ermutigte ihn auch, dazu zu stehen. Seitdem hat sich Hölscher nie wieder versteckt.

Wenn ihn jemand damals in einer Kneipe schief anguckte, ging er auf ihn zu und suchte das Gespräch.

"Diese Offenheit hat immer geholfen, Vorurteile abzubauen. Jeder hat sofort gemerkt: Ich bin ein ganz normaler Mensch." Peter Hölscher

Zusammenhalt macht Mut

Weil er weiß, wie viel Kraft ein einziges Gespräch entfalten kann, hat Hölscher für andere Menschen in Düsseldorf immer ein offenes Ohr. Das gilt auch für Ralf Powalowski, mit dem er sich immer gerne auf einen Kaffee trifft.

Ein Mann mit Blindenstock und ein Rollstuhlfahrer sind in der Stadt unterwegs.

Ralf Powalowski (l.) und Peter Hölscher unterstützen sich gegenseitig.

Der 60-Jährige erblindete vor sechs Jahren fast vollständig. Vor der Erkrankung war er nie auf Hilfe angewiesen, nun kommt er ohne nicht mehr durch den Alltag. Das fällt ihm oft schwer. "Ich habe mich erst nicht getraut, um Unterstützung zu bitten und musste auch meinen Stolz überwinden", sagt er. Peter Hölscher kennt das Problem nur zu gut.

Ein Unfall verändert alles

Zeit seines Lebens blieb er immer in Bewegung, war Mitinhaber eines Geschäfts für Outdoorbekleidung und zog regelmäßig im Schwimmbad seine Bahnen. Doch dann hatte er zu Hause einen Schwächeanfall, stürzte schwer und ist seitdem teilweise gelähmt. Plötzlich eingeschränkt zu sein, war für Hölscher ein Schock.

Er lernte mit der Zeit, was es braucht, um Hürden im Alltag zu überwinden. "Dazu gehört Mut, um den eigenen Stolz zu überwinden und um Hilfe zu bitten. Und es ist wichtig, sich gegenseitig zu ermutigen. Zu wissen, dass man nicht alleine ist, kann viel verändern", sagt Hölscher.

Ein sicherer Ort für queere Menschen mit Behinderung

Alleine muss in der Gruppe "Ungehindert Queer" niemand sein. Hölscher, Powalowski und die anderen Mitglieder treffen sich regelmäßig im Zentrum Plus der AWO, wo sie Bernd Plöger von der AWO und René Kirchhoff von der Aidshilfe Düsseldorf unterstützen.

Zwei Männer sind in ein Gespräch vertieft

Bernd Plöger (l.) und Peter Hölscher tauschen sich regelmäßig aus.

An diesem Nachmittag planen sie Aktionen für den Christopher-Street-Day und sprechen über ihre Sorgen. Es wird viel gelacht und diskutiert.

Sich anderen zu öffnen, fällt gerade älteren Menschen, die homosexuell und behindert sind, aber oft schwer, weil sie in ihrem Leben immer wieder diskriminiert wurden.

Ein Mann, der einen Pullover trägt, schaut in die Kamera

René Kirchhoff arbeitet für die Aidshilfe Düsseldorf.

"Die AIDS-Krise in den 80er-Jahren ist dafür ein gutes Beispiel", sagt René Kirchhoff. "Da haben Bundespolitiker gefordert, dass Lager für AIDS-Kranke eingerichtet werden sollen. So etwas steckt tief drin in den Menschen."

"Queer im Alter" wurden Mittel gekürzt

Umso wertvoller ist die Gruppe für ihre Mitglieder, hier fühlen sie sich verstanden. Ob die Treffen weiter stattfinden können, ist aber ungewiss. Der Düsseldorfer Sozialetat wurde gekürzt und die Beratungsstelle "Queer im Alter", aus der die Treffen hervorgegangen sind, ist davon stark betroffen.

Egal, was die Zukunft bringt, ist aber eins klar: Peter Hölscher findet weiter Wege, um anderen Menschen zu helfen. Hürden und Schicksalsschläge konnten ihn noch nie stoppen.

"Ich liebe das Leben und kann gar nicht genug davon bekommen", sagt Hölscher. "Es ist wie eine Achterbahnfahrt. Mal geht es steil nach unten, aber es kommen genauso sicher wieder schöne Momente."

Unsere Quellen:

  • WDR Gespräch mit Peter Hölscher und anderen Düsseldorfern
  • Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort

SendungWDR.de, Peter Hölscher aus Düsseldorf: Queer im Rollstuhl, 05.05.2026, 16:18 Uhr 

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