Diskussion um Aufnahme von Kindern aus dem Gazastreifen

Lokalzeit aus Düsseldorf 04.08.2025 02:37 Min. Verfügbar bis 04.08.2027 WDR Von Andreas Turnsek

Aufnahme von Kindern aus Gaza? Auswärtiges Amt lehnt Initiative ab

Stand:

Mehrere deutsche Städte, wie zum Beispiel auch Düsseldorf, wollten Kinder aus dem Gazastreifen und Israel aufnehmen, die schutzbedürftig oder traumatisiert sind. Das Auswärtige Amt lehnt die Initiative der Städte allerdings ab.

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Das Auswärtige Amt hat die Initiative deutscher Städte abgelehnt, verletzte oder traumatisierte Kinder aus dem Gaza-Streifen und Israel aufnehmen zu wollen. "Diese Idee ist nett für den Wahlkampf oder um damit punkten zu wollen, den Menschen selbst hilft sie aber nicht", sagte Staatsministerin Serap Güler (CDU) dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Viel wichtiger und hilfreicher sei es, Länder in der Region zur Aufnahme zu motivieren. Hier sei Deutschland bereits aktiv.

Auch Düsseldorf und Bonn wollten Kinder aufnehmen

Mehrere deutsche Städte hatten in den vergangenen Tagen angekündigt, Kinder aufnehmen zu wollen. Auch der Düsseldorfer Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) hatte zusammen mit Lokalpolitikern von SPD und Grünen angeregt, traumatisierte Kinder aus dem Gazastreifen und Israel in der Stadt aufnehmen. Damit schloss sich Düsseldorf einer Initiative aus Hannover an: Die Stadt wollte sich um bis zu 20 Kinder kümmern. Nach Düsseldorf haben sich auch Leipzig, Kiel und Bonn bereit erklärt, Minderjährige aus der Kriegsregion aufzunehmen

Appell an Bundesministerien

In einem gemeinsamen Appell forderten die beteiligten Oberbürgermeister das Bundesinnen- und das Bundesaußenministerium auf, die rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen für die humanitäre Initiative zu schaffen.

In dem Papier heißt es, den Kommunen sei es ein Anliegen, Leid zu lindern und ein Zeichen der Hilfsbereitschaft zu setzen: "Die dramatische Lage in Gaza und Israel beschäftigt nicht nur die internationale Öffentlichkeit, sie ist auch ein Thema, das unsere Städte und Gemeinden seit dem schrecklichen Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und seinen andauernden Folgen tief bewegt."

"Wir können keine Außenpolitik machen, aber wir können vielleicht ein wenig Leid lindern." Stephan Keller, Oberbürgermeister in Düsseldorf

Die Umsetzbarkeit solcher Initiativen hänge entscheidend von der Sicherheitslage, der Möglichkeit der Ausreise und weiteren Faktoren ab, erklärte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums am Montag. Derzeit stünden "die Ausweitung der medizinischen Hilfe vor Ort und in regionaler Nähe im Hauptfokus".

Mangelernährte Kinder mit schweren Verletzungen

Das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF befürchtet, dass Hunderttausende Kinder im Gazastreifen von akuter Mangelernährung bedroht sind. "Die medizinische Infrastruktur in Gaza ist weitgehend zerstört. Viele Krankenhäuser wurden beschädigt oder sind wegen Treibstoff-, Personal- und Materialmangels nicht mehr arbeitsfähig", erklärt Lara Dovifat, Leiterin der politischen Abteilung von "Ärzte ohne Grenzen", dem WDR.

Betteln um Nahrungsmittel: Kinder in Gaza (Mai 2025) | Bildquelle: dpa/Moaz Abu Taha

Viele Kinder in Gaza seien aktuell mit einer Kombination aus schwerer akuter Mangelernährung und Kriegsverletzungen konfrontiert. "Hinzu kommen schwere Verletzungen durch Explosionswaffen - darunter großflächige Brandwunden, Splitterverletzungen, offene Frakturen. Unsere Teams behandeln regelmäßig Kinder mit Verbrennungen, die bis zu 50 bis 70 Prozent der Körperoberfläche betreffen."

"Diese Kombination aus Hunger, schweren körperlichen Verletzungen und psychischer Belastung ist lebensbedrohlich."

Lara Dovifat, Leiterin der politischen Abteilung von Ärzte ohne Grenzen

Für viele Kinder sei ein Transport nach Deutschland die einzige Überlebenschance. Sie könnten in Gaza nicht behandelt werden. "Unsere Teams arbeiten unter extremen Bedingungen - häufig ohne Strom, ohne Schmerzmittel und mit sehr eingeschränkten Operationsmöglichkeiten. Deutschland verfügt über die medizinischen Mittel, um diesen Kindern zu helfen: mit Ernährungstherapie, chirurgischer Versorgung, Nachsorge und psychologischer Betreuung", so Lara Doviat von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Medizinische Evakuierungen sei kein Ersatz für einen umfassenden humanitären Zugang, "aber sie können Leben retten".

Friedensdorf: "Wer übernimmt die Verantwortung?"

Am Wochenende hatte auch das Friedensdorf, eine Hilfseinrichtung, die häufig verletzte oder kranke Kinder aus Kriegsgebieten zur medizinischen Versorgung nach Deutschland holt, Bedenken an der Idee der Städte geäußert.

Claudia Peppmüller vom Friedensdorf International | Bildquelle: WDR

Prinzipiell sei es zwar denkbar, Kinder aus Gaza herauszuholen, sagt Claudia Peppmüller vom Friedensdorf International. Doch stelle sich die Frage, welche Kinder kommen sollen. Und noch etwas gäbe es zu bedenken: "Hat man vor Ort Ansprechpartner, die das koordiniert bekommen?"

Man müsse sich auch darüber im Klaren sein, dass nicht nur die Kinder ausreisen, sondern auch Begleitpersonen. Und wer übernehme dann die Verantwortung für die Menschen hier?

"Alle müssen einer Ausreise zustimmen - also Hamas, Israel und auch andere Länder." Claudia Peppmüller vom Friedensdorf International

Das Friedensdorf müsse beispielsweise bei der Aufnahme von Kindern eine Garantieerklärungen unterschreiben. "Garantieerklärung heißt, dass man auch dafür gerade steht, dass auch wieder die Ausreise erfolgt." Das Ausreiseland müsse genehmigen, dass auch die Rückreise erfolgen darf.

"Kommt es hier zu einem Asylfall, hätte das bedeutet, dass wir fünf Jahre lang für alles zahlen. Das ist für ein spendenfinanziertes Unternehmen unmöglich."

Flüchtlingshelfer sehen gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Hilfe

Die Düsseldorfer Flüchtlingshilfeorganisation "Refugees Welcome" dagegen hatte die Pläne der Düsseldorfer Kommunalpolitiker generell begrüßt. "Die Voraussetzungen dafür sind in der Landeshauptstadt gut", sagt Ansgar Drücker von "Refugees Welcome". "Es gibt eine Uniklinik hier, es gibt viele Angebote der psychosozialen und medizinischen Unterstützung." Drücker betont, gerade die psychosozialen Angebote seien wichtig, um Kinder und Jugendliche zu betreuen, die durch den Krieg traumatisiert wurden. 

Hilfe für Kinder: Düsseldorf wendet sich an das Auswärtige Amt

WDR Studios NRW 04.08.2025 00:42 Min. Verfügbar bis 04.08.2027 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Interview mit Claudia Peppmüller, Aktuelle Stunde vom 03.08.2025
  • Interview mit Stephan Keller, Aktuelle Stunde vom 03.08.2025
  • Interview mit Lara Dovifat, Ärzte ohne Grenzen
  • Deutsche Presse Agentur
  • Stadt Düsseldorf

Kommentare zum Thema

  • Elisabeth S 29.04.2026, 08:35 Uhr

    Oh was für eine traurige Situation! Kein Kind (oder Mensch) der Welt sollte solchen Schmerz und solche Angst erleben. Deutschland VERDIENT an diesem Krieg durch Waffenlieferung und supportet nebenbei in ALLEN Aspekten ein Land, dass völkerrechtswidrig agiert…..ach diese Doppelmoral… es bedarf einer dauerhaften tragfähigen Lösung!

  • GREG 07.08.2025, 09:34 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

  • Bea 06.08.2025, 18:42 Uhr

    Kriegen die Verantwortlichen Gutmenschen eigentlich nicht in die Birne,dass wir Deutschen nicht die ganze Welt retten können und das,während zur gleichen Zeit für Deutsche in Deutschland kein Geld mehr da ist ,Deutschland nur noch eine kaputte Infrastruktur,dafür aber Schulden für Ur-Ur-Urenkel vorzuweisen hat.Kein normaler Mensch würde doch seine eigenen Kinder hungern und darben lassen um die Kinder der Nachbarn zu versorgen…offensichtlich ist das nur in Deutschland möglich!