Mit einem Koffer voller Geld Schwarzfahrer in Dortmund freigekauft
Lokalzeit aus Dortmund. 01.09.2025. 03:19 Min.. Verfügbar bis 01.09.2027. WDR. Von Katja Leistenschneider, Alexander Brauer.
Mit einem Koffer voller Geld Schwarzfahrer in Dortmund freigekauft
Stand:
Ein Geldkoffer voller Fünf- und Zehn-Euro-Scheine - soviel brauchte es heute in Dortmund, um zwei Schwarzfahrer freizukaufen.
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Jetzt mitdiskutierenUm kurz vor 11 Uhr geht die rote Gefängnistür auf und Nico Schween tritt auf den Bürgersteig.
Er winkt, denn vor der JVA in Dortmund stehen Kamerateams und warten auf ihn. "Ich bin frei", ruft der 36-jährige und strahlt über das ganze Gesicht. Acht Tage lang hat er in einer Viererzelle gesessen. Da tritt man sich ständig auf die Füße erzählt er und sagt immer wieder, wie froh er ist, jetzt raus zu sein.
Freigekauft vom "Freiheitsfonds"
Ein paar Meter weiter steht Leo Ihßen. Er ist der Mann mit dem Koffer. Einem silbernen, schmalen Koffer, gefüllt mit Fünf- und Zehn-Euro-Scheinen. Knapp tausend Euro hat er mitgebracht, um nicht nur Nico sondern auch noch einen weiteren Mann freizukaufen. "Damit verhindern wir zwei Monate Haft", sagt er.
Er hätte das Geld natürlich überweisen können. Aber so gibt es gute Bilder für die Presse, die reichlich erschienen ist. Und diese Bilder braucht Leo Ihßen. Denn er kommt von der Berliner Initiative "Freiheitsfonds". Die will, dass Schwarzfahren keine Straftat mehr ist.
"Vor 90 Jahren von den Nazis eingeführt"
"Dieses Gesetz darf kein Jahr älter werden", ist ein Satz, den der 29-jährige Student immer wieder in die Mikrofone spricht. Am Montag ist der 90. Jahrestag der Einführung der Strafbarkeit für Schwarzfahren. Und Ihßen ärgert es, denn jeder wisse, dass vor allem arme Menschen, Drogenabhängige oder psychische Kranke wegen Schwarzfahrens ins Gefängnis müssen.
Er fummelt einen Fahrschein aus der Hosentasche und hält ihn hoch. "Wegen 3,60 Euro sitzen hier Menschen im Gefängnis."
Nicht alle Verkehrsbetriebe stellen Anzeige
Nico Schween ist von der Initiative "Freiheitsfonds" freigekauft worden.
Eigentlich natürlich wegen mehr. Jedes Mal wenn jemand schwarz fährt, erschleicht er sich laut Gesetz eine Dienstleistung. Die meisten Verkehrsbetriebe berechnen dafür ein 'erhöhtes Beförderungsentgelt' von 60 Euro. Wer also öfter kein Geld für den Fahrschein hat, hat schnell mehrere hundert Euro auf der Uhr.
Wer dann nicht zahlt, wird von vielen Verkehrsunternehmen angezeigt. Nicht von allen. Die Verkehrsbetriebe in Düsseldorf zeigen nicht mehr an, die DSW21 in Dortmund gibt an, 2023 insgesamt 5.456 Strafanträge gestellt zu haben. Grundsätzlich sind die Verkehrsverbünde nicht für eine Abschaffung der Strafbarkeit - aus Fairness den zahlenden Fahrgästen gegenüber.
Schwarzfahren Straftat nicht Ordnungswidrigkeit
Anders als zum Beispiel Falschparken ist Schwarzfahren eine Straftat und kann mit Geld- oder Freiheitsstrafen geahndet werden. Wer das Geld nicht aufbringen kann bekommt eine Ersatzfreiheitsstrafe. In Dortmund waren das von August 2024 bis August 2025 insgesamt 134 Fälle. Mal müssen die Betroffenen zwei Wochen in Haft, mal vier. Jeder Tag kostet gut 200 Euro. Nicht nur der "Freiheitsfonds" fordert, das zu ändern.
NRWs Justizminister Benjamin Limbach sagt auf Anfrage des WDR: "Jeder ersparte Tag einer Ersatzfreiheitsstrafe ist ein Gewinn für das Land, die betroffenen Menschen und den Steuerzahler. (...) Die Strafbarkeit beim Fahren ohne Fahrschein gehört abgeschafft - besser heute als morgen."
Sozialarbeiterinnen unzufrieden mit der Situation
Vor der JVA in Dortmund stehen an diesem Morgen auch Daniela Engelbracht und Miriam Squarra. Sie sind Sozialarbeiterinnen in der JVA und stellen die Anträge zum Freikauf beim "Freiheitsfonds". Sie sehen die Freiheitsstrafen für das Schwarzfahren kritisch. Häufig kämen die Menschen sowieso aus prekären Verhältnissen, seien psychisch krank, obdachlos oder drogenabhängig.
Und dann müsse man sie wegen der Haftstrafe von allen Leistungen abmelden. "Manchmal melden wir die Gefangenen Montag ab und Donnerstag wieder an, damit das hinterher auch alles wieder klappt", sagt Daniela Engelbracht.
Insgesamt 100 Menschen kauft die Initiative "Freiheitsfonds" in ganz Deutschland rund um diesen Jahrestag, den 1.9., den Freedom Day, frei. In Dortmund sind es sieben. Einer von ihnen, Nico Schween, läuft nach dem ganzen Medienrummel beschwingt die Straße runter. Auf dem Weg zur U-Bahn, er will seine Freundin überraschen. Und einen Fahrschein kaufen. Vielleicht gleich eine Tageskarte.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporterin vor Ort
- Ministerium der Justiz des Landes NRW
- DSW21
- Bayerischer Rundfunk
13 Kommentare
Kommentar 13: Oberlehrer schreibt am 03.09.2025, 10:42 Uhr :
"Vor 90 Jahren von den Nazis eingeführt" Und heute noch veurteilen Richter in deutschland auf Grundlage dieses Nazigesetztes, abscheulich!
Antwort von Contrageber , geschrieben am 03.09.2025, 12:05 Uhr :
Wenn Gesetze Sinn machen, ist es völlig egal, wer sie erlassen hat.
Kommentar 12: Gerechtigkeit schreibt am 03.09.2025, 09:38 Uhr :
Dann aber bitte gleiches Recht für alle. Freie Fahrt
Kommentar 11: Thomas Blaha schreibt am 03.09.2025, 08:42 Uhr :
Wer arbeiten geht, seine Rechnungen bzw. Fahrscheine kauft ist wie immer der Doofe. Sollen diese Initiativen doch für die sogenannten Bedürftigen anstatt Strafen zu bezahlen, Deutschlandtickets kaufen. Damit würde man allen helfen.
Antwort von Kevin , geschrieben am 03.09.2025, 14:12 Uhr :
Ach Thomas, was soll man sagen? Werfen Sie doch nicht immer mit sogenannten Unwissen um sich!
Kommentar 10: Lisa schreibt am 03.09.2025, 08:05 Uhr :
Es geht doch nicht darum es legal zu machen aber man soll dafür nicht mehr ins Gefängnis müssen. Warum ist Schwarzfahren ein Erschleichen von Dienstleistungen aber Falschparken nicht? Macht wirklich keinen Sinn und hilft niemandem die Leute ins Gefängnis zu stecken. Also Alternative könnte man sie auch mit Sozialstunden bestrafen. Das kostet weniger und würde der Gesellschaft nutzen statt zusätzliche Kosten zu verursachen.
Kommentar 9: Keiner schreibt am 03.09.2025, 03:35 Uhr :
Es ist beschämend, für alle,die dieses Land,finanzieren und jeden Tag,zur Arbeit fahren. Dabei werden wir noch kontrolliert, ob wir auch einen gültigen Fahrschein,besitzen. Wehe nicht..... Hier läuft gewaltig was schief!!!!
Antwort von Rainer , geschrieben am 03.09.2025, 14:13 Uhr :
So viele Buchstaben und so wenig Inhalt! Chapeu!
Kommentar 8: Moin schreibt am 02.09.2025, 20:51 Uhr :
@Serialchiller Nach Ihrer Logik, kann man sich ja dann alles (umsonst) nehmen was man möchte. Warum sollte ich dann noch etwas bezahlen ? Also sind alle zurückgeblieben, die bezahlen. Tolle Logik, darauf muss man erstmal kommen. Hut ab !
Antwort von Abend , geschrieben am 03.09.2025, 10:49 Uhr :
Ziemlich egal ob Sie mit Ticket im Bud sitzen oder veurteilt im Knast. Beides(!) kostet sen Steuerzahler Geld, beides is Subventioniert und trägt sich nicht selbst (z. B. durch den Ticketverkauf). Es gibt ehrliche Projekte, da ist der öffentliche Nahverkehr nicht mit extra Kosten für die Fahrgäste verbunden.
Kommentar 7: Hannes schreibt am 02.09.2025, 17:57 Uhr :
Verstehe ich als jemand der seit 36 Jahren arbeitet zunehmend weniger.
Antwort von Johannes , geschrieben am 03.09.2025, 14:15 Uhr :
Hallo Hannes, wo hackt es denn bei dein Verständnis? War etwas unklar im Artikel? Hast du auch schon versucht dich zum gleichen Thema aus verschieden Quellen zu informieren? Vielleicht hilft es ja! Viel Glück!
Kommentar 6: Monika B. schreibt am 02.09.2025, 09:29 Uhr :
Ehrlich währt am längsten? Nein. Es sind die Dreisten, die bekommen was sie wollen. Wer ehrlich und anständig ist, über den wird gelacht. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich diese verkommene Gesellschaft mittlerweile anwidert.
Antwort von Bianca M. , geschrieben am 03.09.2025, 10:32 Uhr :
Dreistigkeit siegt, schaut euch doch mal die Bankster an, die gönnen sich alles, inklusive cum-ex/cum-cum und andere Schreinereien. Der größte Steuerraub der Geschichte und im Knast hocken nur ein paar Strohmenschen, die Profiteure laufen noch frei rum oder sind Kanzler. Und Monika macht sich sorgen um Ulf, weil dieser seine 3,60€ für den Bus nicht bezahlt hat?
Kommentar 5: Moin schreibt am 02.09.2025, 08:55 Uhr :
@Hmmm Ihrer Meinung nach, passiert nichts, wenn Falschparker nicht bezahlen ? Gibt es nicht so etwas wie Erzwingungshaft ?
Antwort von Theoretisch , geschrieben am 03.09.2025, 10:51 Uhr :
Allerdings kommt es bei Falschparkern meist soweit nicht, die sind selten mittellos. Sprich hier kann man pfänden, sprich Karre einziehen und veräußern. Danach kann auch nicht mehr so leicht falsch geparkt werden. WIN WIN!
Kommentar 4: Bernd Parker schreibt am 01.09.2025, 20:56 Uhr :
In diesem Land sind die, die arbeiten gehen, Rechnungen und Steuern bezahlen und ehrlich leben die Dummen und werden oft von den „Arbeitsunwilligen und Bürgergeldempfängern ausgelacht, für mich ist der Freikauf idiotisch, besser wäre es, Schuldner arbeiten zu lassen, unsere Städte sehen schlimm aus, da gäbe es ein großes Batätigungsfeld für z.B. Schwarzfahrer und wer seine Sache gut macht soll meinetwegen auch noch ne Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel bekommen.
Antwort von Georg aus Köln , geschrieben am 02.09.2025, 06:09 Uhr :
finde ich eine gute Idee!
Antwort von pack M.? , geschrieben am 03.09.2025, 10:37 Uhr :
"Schuldner arbeiten zu lassen", wie genau stellt sich Herr Parker das vor? Arbeitslager hatten wir bereite in der Vergangenheit (wurden nicht so gut angenommen). Haben Sie auch noch Vorschläge die kompatibel mit dem Grundgesetz (Menschenwürde) sind?
Kommentar 3: Mausi schreibt am 01.09.2025, 19:22 Uhr :
wo fängt ein Verbrechen an und hört ein Kavaliersdelikt auf ? Wenn das so weiter geht, frage ich mich wo das hingehen soll. Verbrecher und Betrüger werden geschützt und zahlende Bürger bestraft. ohje ohje
Antwort von Hmmm , geschrieben am 01.09.2025, 21:04 Uhr :
Wurden Sie schonmal wegen Falschparken ins Gefängnis gesteckt? Nicht? Wäre aber quasi die gleiche Kategorie von Vergehen.
Antwort von Schatzi , geschrieben am 03.09.2025, 10:38 Uhr :
Ohje Mausi, mein Beileid! Ich hoffe Sie kommen über diese Schlimme Zeit hinweg! Alles gute!