Bielefelderin ist beste deutsche Poetry-Slamerin
Lokalzeit OWL. 03.11.2025. 00:47 Min.. Verfügbar bis 03.11.2027. WDR. Von Tim Belke.
Vier Tage lang war Chemnitz, Europas Kulturhauptstadt 2025, Treffpunkt der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene. Beim diesjährigen Wettbewerb setzte sich die 26-jährige Ayse Irem gegen 80 Konkurrentinnen und Konkurrenten im Einzelwettbewerb durch und bekam am Ende Standing Ovations von den rund 1.800 Zuhörern in der Chemnitzer Stadthalle. Nach WDR-Informationen ist sie damit die erste Person aus Ostwestfalen, die jemals die deutschsprachige Slam-Meisterschaft gewonnen hat.
Angetreten ist Ayse Irem für "I,Slam" - ein Netzwerk muslimischer Poetry Slammer. Platz zwei und drei hinter Irem belegten Julius Althoetmar aus Bayern und Lia Hartl aus Österreich.
„Kannst du dir vorstellen auszuwandern?“
Ayse Irems finaler Auftritt startet mit einem fiktiven Dialog. Sie beschreibt, dass sie von ihrem Gegenüber gefragt wird: "Kannst du dir vorstellen auszuwandern?" Ihr Gesprächspartner würde gerne auswandern, erklärt sie - um beispielsweise "schöne Orte zu sehen, die du noch nie erblickt hast".
Daraufhin denkt Irem über vieles nach. Unter anderem darüber, dass es in der Schule verboten war, auf dem Pausenhof Türkisch zu sprechen. Sie denkt an Solingen, an Oury Jalloh und an den Anschlag in Hanau. Sie denkt an die Wohnungen und Arbeitsplätze, die sie "aufgrund ihrer Namen nicht bekommen haben" - "weil wir einfach nicht weiß genug waren". Sie denkt daran, dass sie in der Türkei versucht ihren deutschen Akzent zu verstecken, und in Deutschland sagt sie "kann mich auch meine fließende Sprache nicht retten, denn ihr seht ja, dass ich mich bedecke."
„Möchte ich auswandern, denke ich mir, oder muss ich das irgendwann?“ Ayse Irem, deutschsprachige Meisterin im Poetry Slam
Zum Ende hin wird sie von ihrem fiktiven Gesprächspartner erneut gefragt, ob sie denn noch nie darüber nachgedacht habe auszuwandern. "Doch habe ich", antwortet sie und sagt: "Du lächelst. Du glaubst, wir würden beide ans Auswandern denken. Du glaubst auch, es wäre aus denselben Gründen".
Duo aus Berlin gewinnt dritten Team-Titel
Die Meisterschaft wurde zum 29. Mal ausgetragen. Die Teilnehmer kamen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Belgien, Liechtenstein und Luxemburg. Poetry Slams haben im deutschsprachigen Raum eine große Fangemeinde, vor allem in großen Städten werden regelmäßig solche Wettkämpfe ausgetragen. Zu bisherigen Finalisten der deutschsprachigen Meisterschaft gehören bekannte Namen wie Hazel Brugger und Marc-Uwe Kling.
Mikrofon steht in der Chemnitzer Stadthalle auf der Bühne
Der moderne Dichterwettstreit wurde in einem Einzel- und einem Team-Wettbewerb ausgetragen. Im Team-Finale hatte sich am Freitagabend das Duo Wortwin & Slamson aus Berlin unter acht Finalisten durchgesetzt. Laut den Veranstaltern sicherte sich das Duo seinen dritten Team-Titel durch sprachliche Originalität, präzises Timing und mitreißende Bühnenpräsenz.
Große Poetry-Slam-Szene in Deutschland
Die Poetry-Slam-Kultur wurde aus den USA nach Deutschland importiert und hat sich schnell in deutschen Großstädten etabliert. Laut der deutschen UNESCO-Kommission ist die deutschsprachige Poetry-Slam-Szene heute größer und vielfältiger als in den USA. Seit 2016 ist Poetry Slam immaterielles Kulturerbe.
Derzeit finden in jeder größeren und kleineren Stadt, sowie jüngst auch in ländlichen Regionen im gesamten deutschsprachigen Raum regelmäßig Poetry-Slam-Veranstaltungen statt. Die Publikumszahlen belaufen sich auf zwischen 50 und 800 Zuschauerinnen und Zuschauer.
Jeder kann mitmachen, jede Textform ist erlaubt
Bei einem Poetry Slam tragen Autoren und Autorinnen selbst verfasste Texte auf einer Bühne vor und stellen sich dem Urteil des Publikums. In einem festgelegten Zeitlimit dürfen selbst verfasste Texte jeglicher Textform vorgetragen werden - alles, was mit Sprache und Stimme möglich ist, ist erlaubt. Die Texte können kritisch, lustig, politisch und auch persönlich sein. Es darf jedoch nicht (überwiegend) gesungen werden und Requisiten sind nicht erlaubt.
Generell darf uneingeschränkt jeder an einem Poetry Slam teilnehmen. Außer bei Meisterschaften: Hier muss man durch ein Qualifizierungsverfahren zugelassen werden. Das Publikum bildet die Jury und entscheidet wer den Wettbewerb gewinnt - beispielsweise via Applaus.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagentur DPA
- Website der der deutschen UNESCO-Kommission
- Instagram-Account von i.slamartists
- WDR-Informationen