Es sind 30 Grad im Bielefelder Bürgerpark, als ich "Chris" treffe. Ein groß gewachsener Mann kommt mir in kurzer Hose und mit dunkler Sonnenbrille entgegen. Sein Gang ist langsam, aber normal, er humpelt nicht mehr. Am rechten Unterschenkel trägt er einen Thrombosestrumpf. Er kommt gerade aus einer fünfwöchigen Reha.
"Ich kann mich wieder einigermaßen normal bewegen und auch mit dem Tennisspielen habe ich wieder angefangen." Chris, Opfer des Anschlags von Bielefeld
Fast wäre er gestorben
Auf seinem Handy zeigt er mir Bilder von seinem Bein, kurz nach der Notoperation. Lange Wund-Nähte ziehen sich Unter- und Oberschenkel hoch. 55 Klammern halten die Schnittverletzungen verschlossen. Andere Bilder zeigen vernähte Einstiche am Oberkörper.
Nur verschwommene Erinnerungen an die Tatnacht
An den frühen Morgen vor einem Jahr kann er sich nur schemenhaft erinnern. Nach der Meisterschaft in der 3. Liga und Aufstieg seines Herzensvereins Arminia Bielefeld hatte er mit seinen Freunden wild gefeiert. Als er vor dem "Cutie" Frauen laut schreien hörte, wollte er helfen.
"Ich habe mit einem kleinen Mann gekämpft. Die Messerstiche habe ich irgendwie gar nicht gespürt. Erst als sich mein T-Shirt schwer anfühlte, sah ich das ganze Blut, meine weißen Schuhe waren rot. Dann bin ich auch schon umgekippt." Chris
Chris verdankt mutigen Ersthelfern sein Leben. Ein Bundeswehr-Soldat band sein Bein so ab, dass die Blutung gestoppt wurde. Andere Party-Gäste verdanken wohl Chris ihre körperliche Unversehrtheit, denn sein Einsatz stoppte den Angreifer und verhinderte, dass er weitere Menschen verletzen oder gar töten konnte.
"Als ich im Krankenhaus aufwachte, sagte der Arzt zu mir, dass ich keine 300 Milliliter Blut mehr hätte verlieren dürfen. Ich wäre sonst gestorben." Chris
Chris leidet bis heute unter den Folgen des Angriffs
Sein Lebensplan wurde durch die Tat radikal zerstört. Er ist immer noch krankgeschrieben, auch sein Studium der Lebensmittel-Technologie ruht weiterhin. Menschenmassen meidet er, wenn jemand hinter ihm steht, fühlt er sich unwohl, in Passanten sieht er potenzielle Angreifer. Er ist weiter in psychologischer Behandlung.
Opfer spricht über den Messerangriff in Bielefeld
WDR. 31.05.2026. 00:43 Min.. Verfügbar bis 30.05.2028.
Vor Gericht hat er als Zeuge ausgesagt, zu dem mutmaßlichen Täter hat er nur kurz herübergeblickt. Seine Hoffnung, dass der Mann, der ihm fast das Leben nahm, die Höchststrafe bekommt, ist in Erfüllung gegangen: lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung, so wie es von der Bundesanwaltschaft gefordert wurde. Mehr Infos zum Urteil und zu den Hintergründen der Tat gibt es hier:
"Ich habe die vielen Grüße und Botschaften an mich wahrgenommen. Dort werde ich als Held bezeichnet, so ganz realisiert habe ich das noch nicht." Chris
Unsere Quellen:
- Interview mit Terror-Opfer Chris
- Opfer-Anwalt David Volke
- Polizei und Bundesanwaltschaft
Sendung: WDR.de, Opfer spricht über den Messerangriff in Bielefeld, 01.06.2026, 5:01 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell 01.06.2026 , 16:00 Uhr