Am Dienstag war es still und andächtig vor dem alten Rathaus in Bielefeld. Die Blicke der Menschen waren auf den Boden gerichtet oder auf die Rednerinnen und Redner. Nur deren Stimme war auf dem Rathausplatz zu hören, während sie über fünf Stunden Namen verlasen. So lange braucht es, bis die Holocaust-Todesopfer verlesen wurden.
Die jüdische Kultusgemeinde in Bielefeld hat zum gemeinsamen Gedenken anlässlich des Jom haSchoa eingeladen. Der jüdische Gedenktag wurde 1951 in Israel eingeführt und erinnert weltweit an die mehr als sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die im Nationalsozialismus ermordet wurden.
Namen vorlesen durften alle
Auch in Bielefeld werden dazu die Namen, das Geburtsdatum und das Alter, in dem sie ermordert wurden, der über 2.000 jüdischen Menschen vorgelesen, die aus Bielefeld deportiert wurden. Vorlesen konnten alle die wollten, so auch Kinder die den Religionsunterricht der jüdischen Kultusgemeinde besuchen. Um 15 Uhr eröffnete die Bielefelder Oberbürgermeisterin Christiana Bauer die Veranstaltung mit einer Rede und begann im Anschluss mit den ersten Namen.
Oberbürgermeisterin Christiana Bauer eröffnete die Veranstaltung und verlas die ersten Namen.
47 Familienangehörige während Schoah verloren
Die Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde, Irith Michelsohn, hat selbst 47 Familienangehörige aus Deutschland und Polen während der Schoah verloren. Sie betont, dass es wichtig ist, die Namen der Opfer zu benennen.
"Jede Ermordete, jeder Ermordete hat einen Namen und wenn man die Namen hört heute, hört man auch, dass ganze Familien ausgelöscht wurden." Irith Michelsohn, Vorsitzende Jüdische Kultusgemeinde Bielefeld
Fünf Stunden lang werden die Namen verlesen
Die Erinnerung und das Geschehen im Nationalsozialismus könnten nicht einfach abgehakt werden, auch wenn heute viele Menschen nicht mehr daran erinnert werden möchten, so Michelsohn. "Erinnerung ist Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder geschehen darf", sagte die Vorsitzende.
Über Jüdinnen und Juden in Deutschland und Europa hinaus mahnt sie: Menschen dürften nicht wegen ihrer Konfession, Aussehen, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer politischen Meinung verfolgt und ermordet werden. Um 20 Uhr endet die Veranstaltung vor dem Bielefelder Rathaus. Würde man die Namen aller sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden vorlesen bräuchte es 1.680 Stunden am Stück, also 70 Tage, ohne Pause.
Unsere Quellen:
- Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
- Interview mit Irith Michelsohn, Vorsitzende Jüdische Kultusgemeinde Bielefeld e.V.
- Website der Sächsischen Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus
- Website der Elon University in North Carolina, USA
Sendung: WDR2 Ostwestfalen-Lippe, Lokalzeit, 14.04.2026, 16:31 Uhr