Hände

Sexualisierte Gewalt - Wenn Frauen zu Täterinnen werden

Sexualisierte Gewalt Wenn Frauen zu Täterinnen werden

Stand:

Es sind fast immer Männer, die sexualisierte Gewalt ausüben. Warum weibliche Täterinnen möglicherweise übersehen werden.

Von Hanna Sperber

Der Fall wühlt auf: An einer Grundschule in Wuppertal wurden möglicherweise mehrere Kinder Opfer sexualisierter Gewalt. Die Staatsanwaltschaft erklärt, dass sie in mindestens einem Fall ermittelt. Unter Tatverdacht steht eine Frau. Die mutmaßliche Täterin soll bislang Mitarbeiterin des Betreuungsvereins gewesen sein.

Zu sehen ist: Dr. Claudia Nikodem.

Dr. Claudia Nikodem

Für viele ist genau das überraschend, weil sexualisierte Gewalt vor allem mit männlichen Tätern verbunden wird. Darüber sprechen wir mit Dr. Claudia Nikodem von der Universität zu Köln. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung unter anderem mit sexualisierter Gewalt, Geschlechterrollen in diesem Kontext sowie gesellschaftlichen Vorstellungen davon, wie Täter und Täterinnen wahrgenommen werden.

Viele Menschen sind schockiert, wenn eine Frau im Verdacht steht. Woran liegt das?

Dr. Claudia Nikodem: Das passt für viele nicht in das gesellschaftliche Bild von Frauen. Weiblichkeit wird nach wie vor stark mit Mütterlichkeit, Fürsorge, Wärme und Behutsamkeit verbunden. Gewalt - insbesondere sexualisierte Gewalt - wird gesellschaftlich eher mit Männern in Verbindung gebracht. Deshalb werden Frauen als mögliche Täterinnen oft gar nicht mitgedacht.

Hinzu kommt, dass es in diesem Bereich vergleichsweise wenig Forschung gibt. Die Zahlen, die wir haben, gehen davon aus, dass in etwa 90 Prozent der bekannten Fälle Männer Täter sind. Gleichzeitig ist die Dunkelziffer bei sexualisierter Gewalt sehr hoch. Es fehlen also vor allem aussagekräftige Hellfeld-Studien, also Untersuchungen auf Basis tatsächlich bekannt gewordener Fälle.

Werden Hinweise auf sexualisierte Gewalt durch Frauen deshalb eher übersehen?

Nikodem: Ja, das ist durchaus möglich. Wenn man Frauen eine solche Tat grundsätzlich weniger zutraut, kann das dazu führen, dass Warnsignale anders interpretiert oder gar nicht erkannt werden.

Dabei wissen wir aus der Forschung, dass Täterinnen und Täter oft sehr strategisch vorgehen. Sie suchen sich bewusst Strukturen, in denen sie Zugang zu Kindern haben - etwa Schulen, Nachmittagsbetreuungen, Sportvereine oder andere Einrichtungen. Besonders problematisch sind Situationen, in denen Kinder allein mit Erwachsenen sind oder besonders vulnerabel sind.

Wie sollte man sexualisierte Gewalt in solchen Fällen einordnen?

Nikodem: Wichtig ist, sexualisierte Gewalt nicht vorschnell als Ausdruck eines vermeintlich sexuellen Impulses zu verstehen. In vielen Fällen geht es vor allem um Machtmissbrauch. Es geht um ein Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern, in dem Grenzen verletzt und Selbstbestimmung massiv eingeschränkt wird.

Deshalb ist mir auch der Begriff sexualisierte Gewalt wichtig: Er macht deutlich, dass es sich in erster Linie um Gewalt handelt, die sich der Sexualität bedient.

Gibt es typische Formen weiblicher Täterschaft?

Nikodem: In der Fachliteratur wird häufig zwischen unterschiedlichen Konstellationen unterschieden. Ein Bereich sind Frauen, die im familiären Kontext sexualisierte Gewalt durch andere dulden oder ermöglichen - etwa wenn Übergriffe durch Partner oder andere Familienmitglieder nicht verhindert werden.

Es gibt aber auch Frauen, die selbst übergriffig werden. Aus der Ferne lässt sich nie sagen, welche Motive in einem konkreten Fall eine Rolle spielen.

Melden Kinder Übergriffe durch Frauen anders als durch Männer?

Nikodem: Für Kinder ist es grundsätzlich sehr schwer, sexualisierte Gewalt zu benennen - unabhängig vom Geschlecht der übergriffigen Person. Viele Kinder erkennen zunächst gar nicht, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Denn Übergriffe beginnen oft nicht mit einer klaren Grenzüberschreitung, sondern mit einer längeren Annäherung: nette Worte, besondere Aufmerksamkeit, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Körperliche Übergriffe sind oft erst ein späterer Schritt.

Bei Frauen kann es zusätzlich schwieriger sein, weil bestimmte Nähe gesellschaftlich eher als normal wahrgenommen wird. Wenn eine Lehrerin ein Kind tröstet oder in den Arm nimmt, wirkt das zunächst nicht auffällig - und genau das kann es schwerer machen, Grenzüberschreitungen zu erkennen.

Spielt auch die Angst eine Rolle, dass einem nicht geglaubt wird?

Nikodem: Ja, absolut. Das ist für Kinder ein enormes Hemmnis. Es gibt Schätzungen, dass Kinder im Durchschnitt sieben mal mit Erwachsenen sprechen müssen, bevor ihnen geglaubt wird.

Wenn die übergriffige Person eine Frau ist, könnte diese Hürde noch größer sein, weil die gesellschaftliche Vorstellung von Frauen als fürsorglich und schützend so stark verankert ist.

Liegt bei weiblichen Täterinnen oft stärker der Fokus auf dem "Warum" als auf der Tat selbst?

Nikodem: Ja, das würde ich schon sagen. Gerade im familiären Kontext sieht man das häufig - etwa bei der Frage: Warum hat die Mutter weggesehen?

Diese Frage kann wichtig sein, aber sie darf nicht davon ablenken, den Blick auf die Tat selbst und auf Schutzmechanismen zu richten. Statt nur zu fragen, wie so etwas passieren konnte, sollten wir stärker darauf schauen, welche Strukturen Übergriffe ermöglichen.

Was bedeutet das für die Betroffenen und für Schutzkonzepte?

Nikodem: Institutionen müssen sich aktiv mit dem Thema auseinandersetzen. Dazu gehören Fragen wie: Liegen Führungszeugnisse vor? Wird sexualisierte Gewalt bereits in Bewerbungsgesprächen thematisiert? Gibt es Wissen über Prävention? Wissen Mitarbeitende, worauf sie achten müssen?

Manche Einrichtungen machen auch öffentlich deutlich, dass Kinderschutz für sie ein zentrales Thema ist und sie sich präventiv gegen sexualisierte Gewalt einsetzen. Auch das kann abschreckend wirken.

Am Ende liegt die Verantwortung nicht bei den Kindern. Erwachsene und Institutionen müssen Strukturen schaffen, die Kinder schützen - und sich bewusst machen, dass Täter und Täterinnen gezielt Orte suchen, an denen Übergriffe möglich sind.

Das Interview wurde geführt von WDR-Reporterin Hanna Sperber.

Sexualisierte Gewalt: Interview mit Dr. Claudia Nikodem

WDR Studios NRW 02:24 Min. Verfügbar bis 16.05.2028 WDR Online

Unsere Quellen:

  • WDR-Gespräch mit Dr. Claudia Nikodem
  • Staatsanwaltschaft Wuppertal

Sendung: WDR.de, Sexualisierte Gewalt: Frauen als Täterinnen, Interview mit Dr. Claudia Nikodem, 16.05.2026, 5:02 Uhr

Weitere Beiträge aus Wuppertal

1 / 2