Solinger Terror-Prozess: Letzter Verhandlungstag vor Sommerpause

Lokalzeit Bergisches Land 11.07.2025 02:31 Min. Verfügbar bis 11.07.2027 WDR Von René Rabenschlag

Terrorprozess Solingen: Tat wohl nicht langfristig vom IS organisiert

Stand:

Im Prozess um den Terroranschlag auf einem Stadtfest in Solingen hat heute eine Islamwissenschaftler ausgesagt. Er gehe nicht davon aus, dass die Tat langfristig vom IS organisiert wurde.

Von Wolfram Lumpe

Drei Menschen kamen im August 2024 bei der Messer-Attacke auf dem Solinger Stadtfest ums Leben, acht erlitten schwere Verletzungen. Der geständige Täter Issa Al H. muss sich dafür vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht verantworten. Dass die Tat langfristig vom IS vorab organisiert worden sei, davon geht ein Islamwissenschaftler nicht aus. Er berichtete im Prozess, dass er in Chats und Unterlagen keine detaillierten Anleitungen erkennen könne. Demnach dürfte der 27-jährige syrische Asylbewerber vor allem durch jihadistische Propaganda im Internet zu dem Anschlag inspiriert worden sein.

Direkter Austausch wohl erst wenige Stunden vor Anschlag

Der Angeklagte hätte seit dem Tag vor der Tat seine Mitteilungen an seine Kontaktleute verschlüsselt verschickt. So habe er den Anschlag gegenüber einem Administrator einer mutmaßlich zum IS gehörenden Telegram-Gruppe angekündigt. Die Texte habe er handschriftlich auf dem Handydisplay auf beliebige Fotos geschrieben. Der Täter hat im Prozess ausgesagt, dass er das gemacht habe, damit Polizei oder Geheimdienste diese Texte nicht mitlesen könnten.

Die Dateien hatten die Ermittler auf einem Handy rekonstruiert, das erst vor wenigen Wochen in Solingen nach einem Hinweis des Täters gefunden worden war.

Schwerste Messer-Verletzungen 

Auch eine Rechtsmedizinerin hat in dem Prozess schon ausgesagt. Demnach trafen die Stiche die acht Verletzten fast ausnahmslos in der Halsregion. Dort gebe es "lebenswichtige Strukturen auf engem Raum", sagte die Rechtsmedizinerin der Uni-Klinik Düsseldorf. Denn dort verliefen unter anderem die Halsschlagader und viele wichtige Nervenbahnen. Die Medizinerin hatte die Schwerverletzten nach der Messerattacke untersucht.

Ein solches Ausmaß an Messer-Verletzungen habe sie bisher noch nicht gesehen, sagte die 33-jährige Medizinerin. Vom vorsitzenden Richter nach "typischen" Verletzungen bei Messerstechereien gefragt, sagte sie, überwiegend seien Verletzungen im Bauch- und Brustbereich typisch - weniger am Hals. Untersuche sie Messer-Verletzungen dieser Schwere, dann meist auf dem Obduktionstisch.

Die im Prozess gezeigten Fotos der acht Verletzten machten auch deutlich, dass der geständige Angreifer offenbar bewusst genau auf die Halsregion gezielt hatte. Die meisten Opfer erlitten durch die Stiche hohen Blutverlust oder mussten durch Notoperationen gerettet werden. Es wurde am Ende klar: Die Zahl der Toten hätte durchaus höher ausfallen können. 

Keine Chance für den Arm?

Bärbel V. und ihre Tochter

Bärbel V. kann seit dem Messerangriff ihren rechten Arm kaum mehr bewegen oder benutzen.

Ein weiterer Gutachter beschäftigte sich mit den Folgen der Tat für Bärbel V. Auch ihre erlittenen Stichverletzungen im Hals hatte die Rechtsmedizinerin als "konkret lebensgefährlich" eingestuft. Bärbel V. kann seit dem Messerangriff ihren rechten Arm praktisch nicht mehr bewegen oder benutzen.

Sie selbst hatte noch vor drei Wochen bei ihrer Aussage im Prozess von einer 70-prozentigen Heilungschance für ihren Arm gesprochen. Die sah der Gutachter, ein Neurologe, in seiner Aussage jetzt nicht. Er hatte die 63-Jährige vor kurzem erneut untersucht. "Das Regenerationspotenzial ist gering, sonst hätten wir bis heute etwas sehen müssen", so seine Aussage: "Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass dieser Zustand bleiben wird."

Tat wohl nicht langfristig vom IS organisiert

WDR Studios NRW 11.07.2025 00:52 Min. Verfügbar bis 11.07.2027 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen des WDR-Reporters im Prozess
  • Oberlandesgericht Düsseldorf

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