Der Blick aus dem Fenster des "Shamrock" verheißt nichts Gutes - es gießt aus Kübeln. Carsten Baumgart weiß: Wenn’s regnet, bleiben die Lenneper gern mal zuhause. "Aber wir warten mal ab", sagt er und schraubt das Mikrofon noch einen Ticken höher. In einer halben Stunde soll’s losgehen.
Der Gottesdienst im irischen Pub in der Lenneper Altstadt ist eine Premiere - und ein Test. Denn Carsten Baumgart ist noch Vikar und in der Ausbildung. Der Gottesdienst sei Teil der praktischen Prüfung, erklärt er: "Wir müssen als Vikarinnen und Vikare ein Projekt installieren, was es so in der Gemeinde noch nicht gegeben hat. Da dachte ich mir, der Kneipengottesdienst ist ne tolle Sache."
Beten beim Bier
Die Idee ist nicht neu. In vielen Gemeinden deutschlandweit gibt es solche Gottesdienste schon: "Beten beim Bier" oder "Amen und Prost" - das Konzept kommt an. Shamrock-Chefin Annabelle Krauß fand die Idee von Anfang an toll. "Ein Pub ist eine Begegnungsstätte, genau wie Kirche auch."
Presbyterien Corinna Hindrichs ist eine der ersten, die mit tropfendem Schirm die Kneipe betritt. Sie ist sich sicher, dass viele kommen. Und nicht nur Gemeindemitglieder: "Wenn die Menschen nicht mehr in die Kirche kommen, dann muss die Kirche eben zu den Menschen."
Und die Kneipe füllt sich. Einige wollen nur auf ein Getränk, oder haben sich mit Freuden verabredet. Aber sie bleiben. "Ist mal was anderes, Bier statt Messwein", murmelt jemand hinter vorgehaltener Hand.
Ein Prosit der Gemütlichkeit
Ob die Kirche im Pub wiederholt wird, steht noch nicht fest
Carsten Baumgart hat Unterstützung für die Premiere - Kantor Thilo Ratai spielt Akkordeon statt Orgel. Und während sich die letzten am Tresen noch ein Getränk bestellen, begrüßt der Vikar die Gäste in der rappelvollen Kneipe: Früher hätten Pfarrer die Menschen aus den Kneipen geholt, weil das kein guter Ort für sie sei. "Ich sehe das ganz anders", sagt er, hebt sein Glas und stimmt "Ein Prosit der Gemütlichkeit" an.
Die Zeit vergeht wie im Flug. Irische Segenslieder, Kneipen-Kalauer und biblische Geschichten wechseln sich ab. Prädikant Werner Brück mimt den jüdischen Milchmann Tevje aus dem Musical "Anatevka" - und die Kneipe steht Kopf.
Bierdeckel als Beichtstuhl
Zwischendurch wird es auch still. Baumgart lädt die Besucher ein, ihre Herzensthemen anonym auf Bierdeckel zu schreiben und auf den improvisierten Altar zu legen: "Jeder von uns schleppt ja was mit sich herum, das er vielleicht gern loswerden möchte."
Mit einem typischen Kneipenlied und einem Segen für alle endet der erste Gottesdienst - und Carsten Baumgart strahlt: "Mögen die Wände dieser Kneipe nie Risse bekommen - Amen und Prost." Denn das war sicher nicht der letzte Kneipengottesdienst.
Unsere Quellen:
- Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
- Vikar Carsten Baumgart
- Besucherinnen und Besucher im "Shamrock"
Sendung: WDR.de, "Wie Kirche in die Kneipe kommt", 07.05.2026, 5:52 Uhr