Schwere Angriffe auf Kiew: Auch ARD-Studio getroffen

Aktuelle Stunde 24.05.2026 42:25 Min. UT Verfügbar bis 24.05.2028 WDR Von Marius-Antonius Brüning

"Schock sitzt tief" ARD-Reporterin erlebt russischen Angriff auf Kyjiw

Stand:

Bei massiven russischen Angriffen auf die ukrainische Hauptstadt wird auch das ARD-Studio getroffen. Eindrücke von ARD-Korrespondentin Petersohn.

Es war eine Nacht, wie man sie sich kaum vorstellen mag. Russland attackierte die Ukraine mit hunderten Drohnen und Raketen. In der Hauptstadt Kyjiw wurde von einer Druckwelle auch das ARD-Studio getroffen, für das der WDR die Verantwortung trägt.

Fenster und Einrichtung sind weitgehend zerstört, verletzt wurde im Studio glücklicherweise niemand. Doch am Morgen danach, am Pfingstsonntag, steht ARD-Korrespondentin Susanne Petersohn die Anspannung und Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. "Es geht uns gut, aber der Schock sitzt natürlich tief", sagt die Journalistin im Gespräch mit der "Tagesschau".

Korrespondentin Susanne Petersohn berichtet aus Kiew

Aktuelle Stunde 24.05.2026 39:11 Min. UT Verfügbar bis 24.05.2028 WDR

Russische Raketen auf Kyjiw: Eine Angriffswelle jagt die nächste

Dabei war der Tag vor der Nacht so verheißungsvoll, erzählt Petersohn. Auch in Kyjiw ist das Wetter frühsommerlich, manche nutzten die warmen Temperaturen, um im Fluss zu baden. Doch auf die unbeschwerten Minuten folgten Stunden voller Schrecken.

Susanne Petersohn

Susanne Petersohn

Erst war laut Petersohn in Kyjiw eine Explosion zu vernehmen. Und dann jagte eine Angriffswelle die nächste. "Wir sind selber auch in die U-Bahn gerannt zwischen zwei Angriffswellen, die kürzer waren als gedacht", erzählt Petersohn. Man habe viele Leute auf die Straße rennen sehen, die U-Bahnen - sie bieten ein stückweit Sicherheit - waren voll. "Das war schon eine beängstigende Nacht vom Ausmaß der Angriffe her", so Petersohn.

Auch Oreschnik-Hyperschall-Raketen kamen zum Einsatz

Es dürfte einer der größte Angriffe Russlands auf die Ukraine seit dem vergangenen Sommer gewesen sein. Laut der ukrainischen Luftwaffe gab es 690 Angriffe hauptsächlich auf Kyjiw - mit 600 Drohnen und 90 Raketen. Es sollen auch zwei Oreschnik-Hyperschall-Raketen abgefeuert worden sein, erstmals nahe der ukrainischen Hauptstadt. Das russische Verteidigungsministerium bestätigte dies. In Kyjiw starben mindestens zwei Menschen, etwa 70 weitere wurden verletzt.

Die Mittelstreckenraketen vom Typ Oreschnik sind wegen ihrer Zerstörungskraft besonders gefürchtet. Sie können sowohl konventionelle als auch atomare Sprengköpfe tragen. Ihre extrem hohe Geschwindigkeit von bis zu 12.000 Kilometern pro Stunde und ihre Reichweite von bis zu 5.000 Kilometern machen sie zu einer potenziellen Gefahr für den gesamten europäischen Kontinent.

Zumal sie angeblich nicht von westlichen Abwehrsystemen abgefangen werden können, wie der Politologe Gerhard Mangott dem WDR sagte. Dass Russland die Oreschnik-Raketen im Ukraine-Krieg das inzwischen dritte Mal einsetzt, ist aus Sicht von Mangott ein Signal, dass der Kreml den Konflikt gegen die Zivilbevölkerung brutalisieren und eskalieren könnte. Es solle der Ukraine zeigen, dass dies passieren könne, wenn sie ihre Angriffe auf russische Ölhäfen, Verladestationen und Raffinerien fortsetze.

An vielen Orten in Kyjiw gibt es Zerstörungen

Das Ausmaß der nächtlichen Angriffe ist in Kyjiw deutlich zu sehen. "Es ist auffällig, an wie vielen Orten es aktuell Zerstörungen gibt", sagt ARD-Korrespondentin Petersohn. Die in der Ukraine lebenden Menschen seien seit Beginn der russischen Angriffe einiges gewöhnt. Aber in der zurückliegenden Nacht habe es Angriffe in einem Ausmaß gegeben, dass man "nicht einfach in den Betten geblieben ist oder man versucht hat, seine sonstigen Routinen durchzuziehen". Petersohn betont: "Ich glaube, in der vergangenen Nacht hat in Kyjiw niemand geschlafen."

Ich glaube, in der vergangenen Nacht hat in Kyjiw niemand geschlafen. Susanne Petersohn

Nicht ausgeschlossen sei, dass es bald wieder eine solche Nacht mit unzähligen Angriffen geben könnte. Vorhersagen seien schwierig, sagt Petersohn. "Immer, wenn man denkt, man hat eine Regel gefunden, dann wird die Taktik wieder verändert", so die ARD-Korrespondentin.

Berichterstattung aus Kyjiw wird fortgesetzt

Trotz der starken Schäden am ARD-Studio geht die Berichterstattung aus der Ukraine weiter. "Wir haben ein paar Sachen zusammengepackt und werden in ein Hotel gehen", sagt Petersohn. Dort gebe es einen relativ sicheren Bunker. "Wir werden weiter berichten" - auch am Pfingstsonntag mit Live-Schalten in die WDR-Nachrichtensendungen.

Vassili Golod, ARD-Studioleiter in Kyjiw sagt: "Ich habe riesigen Respekt vor unserem Team, das sich von dieser Aggression nicht einschüchtern lässt und sich mit vollem Einsatz auf das fokussiert, was unsere Aufgabe ist: zu berichten, was ist."

Dafür bedankt sich auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf dem Netzwerk X: "Ich danke allen Reportern, die unter ständiger Bedrohung arbeiten, um der Welt die Wahrheit zu berichten. Das hilft uns, das Leben zu verteidigen. Ich danke dem Ersten Deutschen Fernsehen ARD und allen deutschen Medien, die vor Ort in der Ukraine präsent sind, für ihre engagierte Arbeit und faktenbasierte Berichterstattung."

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Unsere Quellen:

  • ARD-Korrespondentin Susanne Petersohn gegenüber der "Tagesschau"
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Politologe Prof. Gerhard Mangott gegenüber dem WDR
  • Wolodymyr Selenskyj auf X

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 24.05.2026, 18:45 Uhr

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