Marianne Limburg muss sichtlich mit den Tränen kämpfen. In einem Onlinevideo verkündet sie Mitte März das Aus ihrer Dorfdisco Himmerich in Heinsberg. Am Samstagabend öffnet die Großraumdisco ein letztes Mal ihre Pforten für das "Closing Finale". Dann ist Schluss mit Feiern und Tanzen - nach 75 Jahren.
"Ein Ort für unvergessliche Nächte, Begegnungen, erste Dates, Freundschaften und ganz besondere Erinnerungen", beschreibt die Geschäftsführerin ihren Laden in einer Danksagung an Gäste, Mitarbeiter und Künstler. 25 Millionen Besucher seien durch die Räumlichkeiten getanzt - doch jetzt ist alles vorbei.
"Wir hatten eine gute gemeinsame Zeit" erinnert sich Marianne Limburg und die Stimme bricht. Doch die Zeiten hätten sich geändert - und das Himmerich ist nicht die einzige ehemalige Kultdisko, die dabei auf der Strecke bleibt.
NRW: Clubsterben auf dem Land - und in der Stadt
Auch im 60 Kilometer entfernten Simmerath ging 2023 eine Ära zu Ende, als mit dem "San Diego" die dortige letzte Dorfdisco für immer schloss. Dort gab es einen emotionalen Abschied für die Betreiberfamilie - nach mehr als 40 Jahren. Für das "Sunny" fand sich einfach kein Nachfolger.
Aber nicht nur auf dem Land schließen Diskotheken, auch manche Clubs in den Städten trifft es - so wie das "Starfish" in Aachen, das nach 20 Jahren aufgeben musste, das "Pulp" in Duisburg, dessen Tanzfläche sich seit Corona nicht mehr füllen wollte oder der Club "Untergrund" in Bochum, der in diesem Monat für immer dicht macht.
Zahl der Diskotheken gesunken
Ein Blick in die Statistik zeigt: Die Zahl der Diskotheken hat sich in den letzten knapp zehn Jahren tatsächlich halbiert. Gab es laut Branchenverband Dehoga 2015 noch 1.630 Discos deutschlandweit, waren es 2024 laut statistischem Bundesamt nur noch 1.070.
Der Bundesverband der Musikspielstätten LiveKomm hatte bereits 2024 alarmierende Zahlen einer Erhebung veröffentlicht. Dabei hatte mehr als die Hälfte der befragten Clubs angegeben, mehr Fördergelder zu brauchen, um den Veranstaltungsbetrieb aufrechtzuerhalten. Das Clubsterben sei "ein schleichender Prozess".
Abschied für immer: Himmericher Kultclub schließt
WDR. 30.05.2026. 00:34 Min.. Verfügbar bis 29.05.2028. WDR Online.
Clubsterben: Feiern verlernt?
Die Gründe sind vielfältig: So hat zum Beispiel Corona das Ausgehverhalten von jetzt auf gleich verändert. Wer während der Pandemie gerade ins Ausgehalter kam, musste sich andere Freizeitaktivitäten suchen. Junge Menschen hätten das Feiern ein bisschen "verlernt" und eine Generation sei nicht nachgerückt, mutmaßt zum Beispiel DJ Stinson, der lange im Bochumer Untergrund aufgelegt hat.
Clubsterben in NRW: Auch Spotify und Tinder als Gründe?
War die Disco früher der Ort, um neueste Musik zu hören und Leute kennenzulernen, sind heute Spotify und Tinder quasi Mitkonkurrenten auf dem Markt. Um jemanden für ein Date zu finden oder frische Tracks zu hören, kann man auch einfach auf dem Sofa daheim hocken bleiben. Viele junge Leute treffen sich zuhause oder besuchen Festivals.
Und auch die Preise steigen - nicht nur für Gäste: Clubs zahlen mehr für Personal, Getränke, Security, Gagen von Künstlerinnen und Künstlern oder Energiekosten.
Petition für das Himmerich gestartet
Zurück zum Himmerich in Heinsberg. Kommentare zur Schließung ließen auf Facebook nicht lange auf sich warten. "30 Jahre mein Wohnzimmer - wir haben so viele tolle, legendäre Nächte zusammen gefeiert. Das kann uns keiner mehr nehmen", schreibt dort jemand: Und ein anderer fragt: "Wie kann das sein? Was macht die Jugend von heute?"
Übrigens, während man es in der Disco am Samstag ein letztes Mal richtig krachen lassen will, haben Himmerich-Fans im Netz noch eine Petition gestartet: Die Schließung würde "ein Stück unserer Seele zerstören. Der Himmerich ist für uns mehr als ein Gebäude - er ist ein lebendiger Teil unseres Lebens, ein Anker im Sturm des Alltags", heißt es da. Bis Ende Mai hatten 1.775 Menschen unterschrieben.
Gebracht hat es nichts. Seit dem vergangenen Wochenende finden im Himmerich die "Closing Partys" statt. So sollen alle Fans die Möglichkeit haben, sich von der Disco gebührend zu verabschieden und "noch mal richtig Vollgas zu geben", wie es auf der Instagram-Seite des Clubs heißt. Die Chance, dass dann nicht nur bei Marianne Limburg Tränen fließen, ist ziemlich groß.
Hinweis der Redaktion, 28.03.2026, 17:40 Uhr:
In einer früheren Version des Textes hieß es, 2015 habe es deutschlandweit noch 2.042 Diskotheken gegeben. Laut dem Branchenverband Dehoga waren es in diesem Jahr nur 1.630. Die Zahl der Diskotheken ist demnach zwar stark zurückgegangen, hat sich aber nicht halbiert. Wir haben das entsprechend geändert.
Unsere Quellen:
- Statistisches Bundesamt
- Bundesverband Dehoga
- Statista
- Bundesverband der Musikspielstätten LiveKomm
- Petition zur Schließung der Diskothek Himmerich
Sendung: WDR 2, WDR aktuell, 30.05.2026, 17 Uhr
Kommentare zum Thema
Warum darf man nur noch bei absoluten Lulli-Themen mit diskutieren? Wann geht Impuls zum Mitdiskutieren weiter? War immer interessant zu erfahren, welche Meinungen sich bei den Journalisten des WDR gebildet haben.
Daumen hoch für mehr Möglichkeiten zum Mitdiskutieren.
Warum bleibt denn der Sonntagstanz in Himmerich erhalten? Fazit: Die Nacht ist zu gefährlich geworden. Viel zu viele aggressive Männergruppen sind nachts unterwegs. Bei Abweisung an der Tür keimt aber der Rassismusvorwurf. In Wahrheit sind es aber verhaltensbedingte Abweisungen. Auch in Köln ist das Geschehen auf der Straße und das Mitführen von Waffen für Clubs die größte Herausforderung. Am grundsätzlichen Bedürfnis junger Menschen zu feiern, zu tanzen, Leute kennenlernen, hat sich nämlich nichts geändert. Also sollte sich auch der WDR den eigentlichen Gründen des Clubsterbens stellen und auch die Probleme benennen
Na jetzt mal ruhig werden, Gewalt im Nachtleben gab es schon immer. Tätergruppe früher wie heute junge Männer, Gründe früher wie heute, Alkohol, Drogen, eskalierender Streit, toxische Männlichkeit, verletzter Stolz, Krawallorientierung. Ganz ganz früher nannte man das Halbstarke. Der Unterschied zu früher ist, dass junge Frauen dazu keine Lust haben und wegbleiben, was dazu führt, dass auch mehr junge Männer wegbleiben.
Schon vor vielen Jahren stimmte es nicht. Jahrelang nur xy-Musik, die der DJ toll fand. Total am Publikum vorbei, dass sich bekanntes/bewährtes gewünscht hat. Dann Öffnungszeiten ab 22 Uhr (voll erst um 1Uhr), Türsteher, die einen abweisen, nicht zu vergessen der zu bezahlende Eintritt. Die Liste ließe sich fortsetzen ... Die Abgeschreckten sind dann nicht wiedergekommen ... und der Abwärtstrend geht immer weiter.