Das Video einer Lehrerin in Afrika geht viral: In einem mit lautstarker Stimme vorgetragenen Lied zeigt sie Kindern, welche Intimbereiche geschützt sind und niemand anfassen darf. Und sollte es doch jemand wagen, sollen die Kinder ihren Eltern oder ihren Lehrern davon erzählen. In den Kommentaren zu dem Video gibt es viel Zuspruch für diese Art von Aufklärung. Aber es hagelt auch Kritik: Die Lehrerin trete zu aggressiv auf, heißt es.
Weiter hohe Fallzahlen in Sachen Kindesmissbrauch
Egal, ob man die gezeigte Art von Aufklärung gut findet oder nicht: Die Frage, wie man Kinder für sexualisierte Gewalt sensibilisiert und sie schützt, geht uns alle an. Denn die Fallzahlen in Sachen Kindesmissbrauch sind hoch.
Allein in Deutschland hat die Polizei im vergangenen Jahr fast 18.000 Fälle von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen registriert. Das geht aus dem Lagebericht des Bundeskriminalamtes (BKA) hervor. In NRW wurden laut der Polizeilichen Kriminalstatistik 2024 rund 4.400 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern erfasst. Das waren gut zwölf Prozent weniger Fälle als im Vorjahr. Bei Jugendlichen waren es rund 9.000 Fälle und damit 16 Prozent weniger als 2023.
Kinder vor sexualisierter Gewalt wappnen: vier Ratschläge
Doch auch wenn es zuletzt weniger polizeilich registrierte Fälle von Kindesmissbrauch gab: Jeder Fall ist einer zuviel. Aber wie kann man Kinder vor sexualisierter Gewalt wappnen? Der Arbeitsstab der Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen rät Folgendes:
- Niemand darf einen einfach anfassen: Auf der Website des Arbeitsstabs heißt es: "Mädchen und Jungen sollen wissen und erleben, dass sie selbst über ihren Körper bestimmen können und andere sie nicht einfach ungefragt anfassen dürfen - auch dann nicht, wenn es 'nur nett gemeint' ist." Das müssten Eltern, aber auch etwa Lehrkräfte Kindern frühzeitig in Gesprächen vermitteln.
- Über Geheimnisse, die sich schlecht anfühlen, reden: Bei solchen Gesprächen muss auch klargemacht werden: Oft will ein Täter oder eine Täterin ein kindliches Opfer zur Geheimhaltung eines bestimmten Vorfalls zwingen. Eltern und Fachkräfte sollten Kindern schon früh vermitteln, dass man über "schlechte" Geheimnisse - also Geheimnisse, die sich schlecht anfühlen - reden darf. Das sei kein Petzen und kein Verrat. Diese Botschaft ist auch für ältere Kinder und Jugendliche wesentlich.
- Vertrauensvolles Miteinander pflegen: Kinder und Jugendliche brauchen die grundlegende Erfahrung, dass sich Eltern, andere private Bezugspersonen, aber auch Fachkräfte für ihre Sorgen und Nöte interessieren - nur dann können sich Missbrauchte jemandem anvertrauen. Das Wissen, dass Bezugspersonen Wege der Hilfe kennen, macht es wahrscheinlicher, dass sie sich jemandem anvertrauen. Kinder und Jugendliche, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, sollte auch klargemacht werden, dass sie niemals Schuld haben.
- Laut und deutlich "Nein" sagen: Kinder sollten von Eltern und Fachkräften dazu ermuntert werden, laut und deutlich "Nein" zu sagen, wenn sie im Kontakt mit einer anderen Person in eine Situation geraten, die sich für sie unangenehm anfühlt. Durch ihr Lautwerden können Opfer womöglich andere auf sich aufmerksam machen. Das ist auch eine der Botschaften des Theaterstücks "Mein Körper gehört mir", eine Initiative der tpw theaterpädagogische werkstatt GmbH.
Sich professionelle Hilfe suchen
Kinder und Jugendliche, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, aber auch Angehörige oder Fachkräfte, die sich um deren Wohl sorgen, haben ein Recht auf Hilfe. Diese wird vor allem durch regionale Fachberatungsstellen sichergestellt. Einen Überblick gibt es hier:
Schutz vor digitalisierter Gewalt in der digitalen Welt
Mit der digitalen Welt hat sich aus Sicht von Kerstin Claus, Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, das Risiko deutlich verschärft, dass Minderjährige Opfer sexualisierter Gewalt werden.
Das können Eltern tun:
- Geräte und Apps kindersicher einrichten: Viele Gerätehersteller und Streamingdienste bieten an, dass Erwachsene für ihren Nachwuchs sogenannte Kinderprofile einrichten. "Die Benutzung ist dann eingeschränkt, es können also nicht alle Inhalte gesehen werden ", sagt Michaela Hansert vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Möglicherweise sei auch die Bildschirmzeit auf eine bestimmte Zeit beschränkt. Wie man Geräte, Betriebssysteme & Co. kindersicher einrichtet, ist auf der Website www.medien-kindersicher.de nachzulesen.
- Accounts sollten wenig Persönliches preisgeben: Die digitalen Accounts von Kindern sollten so eingestellt sein, dass dort möglichst wenig Persönliches preisgegeben wird. Zum Beispiel sollte man solche Accounts so einstellen, dass nicht jeder auf geteilte Bilder zugreifen kann, rät Martin Bregenzer von der EU-Initiative klicksafe.
- Erziehungsmethode "Handyentzug" überdenken: Manche Eltern setzen auf die Erziehungsmethode "Entzug des Handys", wenn das Kind ein Fehlverhalten gezeigt hat. Bregenzer rät Eltern dazu, diese Methode zu überdenken. Denn sie könne dazu führen, dass ein Kind nicht zu den Eltern kommt, wenn ihm etwas im Netz zugestoßen ist - aus Angst, dass es dann eine Woche aufs Handy verzichten muss.
Unsere Quellen:
- Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen
- Initiative der tpw theaterpädagogische werkstatt GmbH
- Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)