Geflüchtete Syrer: Gekommen um zu bleiben?
Aktuelle Stunde . 04.11.2025. 43:19 Min.. UT. Verfügbar bis 04.11.2027. WDR. Von Andrea Moos.
"Alles zerstört": Wie Syrer in NRW auf die Abschiebedebatte schauen
Stand:
In der Debatte um die Rückkehr syrischer Flüchtlinge fordert der Kanzler mehr freiwillige Ausreisen. Was sagen Syrer in NRW dazu?
Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich für eine Rückkehr syrischer Flüchtlinge in ihre Heimat ausgesprochen. "Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet. Es gibt jetzt keinerlei Gründe mehr für Asyl in Deutschland und deswegen können wir auch mit Rückführungen beginnen", sagte der CDU-Vorsitzende bereits am Montag.
Er setze allerdings darauf, dass ein großer Teil der Flüchtlinge von sich aus in das Land zurückkehren und am Wiederaufbau teilnehmen würden. Ohne diese Menschen sei der Wiederaufbau Syriens nicht möglich. "Diejenigen, die sich dann in Deutschland weigern, in das Land zurückzukehren, die können wir selbstverständlich auch in Zukunft abschieben". Was sagen Syrer in NRW dazu?
Ahmad Shipley, Apotheker aus Essen
Ahmad Shipley ist 2015 nach Deutschland gekommen. Mittlerweile betreibt der 35-Jährige eine Apotheke in Essen und hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Es sei gut, dass Syrien nun frei sei. Und vom Prinzip her sei es auch richtig, was Friedrich Merz sage. Aber die Art und Weise, wie die Debatte in den Medien und Sozialen Netzwerken geführt werde, sei deprimierend.
"Da fehlt mir die Differenzierung zwischen der Minderheit, die Straftäter werden, und der großen Mehrheit, die versucht hat, sich zu integrieren. Die hier lebt, arbeitet, Steuern zahlt. Das macht mich traurig, dass alle über einen Kamm geschert werden."
Syrer in NRW: Mehr Wertschätzung und Differenzierung
Shipley wünscht sich mehr Wertschätzung für die, die sich gut integriert hätten - und mehr Differenzierung. "Straftäter sollten abgeschoben werden, wenn das Land sicher ist. Aber für eine große Rückkehr ist das Land noch nicht stabil. Das wird nicht von heute auf morgen gehen." Er hofft dabei auch auf Hilfe aus Deutschland.
Houzaifa Al-Youssef lebt in Gelsenkirchen. Auch er sagt uns heute, dass die Lage in Syrien noch sehr schwierig sei. "Es gibt Menschen, die gar kein Zuhause mehr in Syrien haben. Die haben ihre Häuser und Eigentum da verloren. Wenn sie jetzt zurückkehren würden, hätten sie da gar nichts zum Leben - keine Wohnung, kein Einkommen, kein Vermögen."
Merz' Vorstoß "richtig und falsch"
Abd Al-Kader Abdullah
Abd Al-Kader Abdullah, ebenfalls aus Gelsenkirchen, findet den Vorstoß des Bundeskanzlers richtig und falsch. "Ich find’s richtig, dass die Straftäter zurück müssen. Aber wenn man nichts Strafbares und Illegales gemacht hat, finde ich es nicht gerechtfertigt". Außenminister Johann Wadephul sei selbst in Syrien gewesen und habe die Zerstörung gesehen.
Es gibt Orte, wo gar nichts mehr da ist, alles komplett zerstört ist. Wo soll man hin, wenn man abgeschoben wird? Wo soll man leben, wenn man keine Wohnung hat und alles auf dem Boden liegt? Al-Kader Abdullah, Flüchtling aus Syrien
Wieviele Syrer leben in NRW? Und wo?
Infolge des langen und blutigen Bürgerkriegs in ihrem Heimatland hat sich die Zahl der in NRW lebenden Syrer seit 2015 stark erhöht. Aktuell sind laut Statistischem Landesamt 287.940 in Nordrhein-Westfalen gemeldet, davon 168.230 Männer und 119.710 Frauen.
Mehr als 40 Prozent leben im Ruhrgebiet, die meisten dabei in Essen (18.970), Dortmund (14.600) und im Kreis Recklinghausen (13.610). Auf der anderen Seite haben sich im gesamten Kreis Olpe nur 885 Syrer und Syrerinnen angesiedelt - das Schlusslicht in NRW.
Wieviele Syrer haben einen deutschen Pass?
Syrerinnen und Syrer stellen seit 2021 die größte Gruppe bei den Einbürgerungen in Nordrhein-Westfalen. Seit 2021 seien im bevölkerungsreichsten Bundesland 66.366 syrische Staatsangehörige eingebürgert worden, teilte das Statistische Landesamt im September mit.
Allein 2024 waren es demnach 24.349. Die Zahl der Einbürgerungen sei seit 2021 merklich angestiegen, weil immer mehr der zwischen 2014 und 2016 eingereisten syrischen Schutzsuchenden die formellen Voraussetzungen für eine Einbürgerung erfüllt hätten, hieß es.
Welchen Aufenthaltsstatus haben die Syrer? Wie viele sind ausreisepflichtig?
Die Mehrheit der rund 290.000 Syrer und Syrerinnen in NRW hat laut Statistischem Bundesamt eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Den meisten Antragstellern wurde dieser Status aus humanitären Erwägungen zugesprochen, an zweiter Stelle folgen Aufenthaltserlaubnisse aus familiären Gründen. Jeweils einige Hundert Personen haben den Titel erhalten, weil sie eine Ausbildung absolvieren oder einer Erwerbstätigkeit nachgehen.
Nur 11.675 verfügen weder über einen Aufenthaltstitel noch eine Duldung oder Gestattung. Diese Menschen wären theoretisch sofort ausreisepflichtig, sobald eine entsprechende Vereinbarung mit der neuen syrischen Regierung geschlossen wurde.
Nach Informationen des "Mediendienst Integration" handelt es sich teilweise aber um sogenannte "Dublin-Fälle". Das heißt, dass die Menschen auf der Flucht zunächst in einem anderen EU-Land registriert wurden und deshalb eigentlich dorthin zurückgeführt werden sollen - also nicht nach Syrien. Von den ausreisepflichtigen Menschen wisse man außerdem oft nicht, ob sie sich überhaupt noch in Deutschland aufhalten.
Wieviele Syrer sind freiwillig zurückgekehrt?
Aktuelle Zahlen zu dieser Frage liegen nicht vor. Eine Recherche der ARD-Sendung "Panorama" im August 2025 war zu dem Ergebnis gekommen, dass seit dem Machtwechsel in Syrien 4.000 syrische Staatsangehörige aus Deutschland in ihr Heimatland zurückgekehrt sind.
995 von ihnen haben die Möglichkeit genutzt, ihre Ausreise durch Bund und Länder bezuschussen zu lassen. Für Teilnehmer des Programms wurden die Reisekosten übernommen und sie erhielten eine finanzielle Starthilfe in Höhe von 1.000 Euro pro Person. Fast zwei Drittel verließen Deutschland ohne Förderung.
Wieviele von den Syrern in NRW arbeiten?
Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit gingen im April 2025 in NRW 86.870 Syrer und Syrerinnen einer Beschäftigung nach. Bei 71.900 Arbeitsverhältnissen ging es um sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen, hinzu kamen 14.790 geringfügig Beschäftigte - also zum Beispiel Minijobber.
Stand Oktober 2025 waren 46.560 der Syrerinnen und Syrer arbeitslos gemeldet, 79.960 waren als "arbeitssuchend" registriert, weil ihr Beschäftigungsverhältnis in absehbarer Zeit endet.
Heißt im Umkehrschluss, dass zumindest bei den syrischen Männern in NRW rund 76 Prozent einer Arbeit nachgehen: laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vorwiegend in Verkehrs- und Logistikberufen (22 Prozent), im Lebensmittel- und Gastgewerbe (14 Prozent), im Gesundheitswesen (11 Prozent) oder im Baugewerbe (9 Prozent).
Syrische Frauen arbeiten vor allem in "sozialen und kulturellen Dienstleistungen" - etwa als Erzieherinnen (28 Prozent) oder im Gesundheitswesen (18 Prozent).
Bundesweit sind aktuell etwa 7.000 Mediziner aus Syrien in Deutschland beschäftigt.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Ahmad Shipley
- WDR-Umfrage in Gelsenkirchen
- Bundesagentur für Arbeit
- Statistisches Bundesamt
- Statistisches Landesamt
- ARD-Sendung "Panorama"
- Mediendienst Integration