Abschiebung nach Syrien: Debatte voll entfacht | Aktuelle Stunde

Aktuelle Stunde 03.11.2025 38:34 Min. UT Verfügbar bis 03.11.2027 WDR Von Julius Hilfenhaus

Diskussion um Syrien-Rückkehrer: "Wer zurückkommt, erlebt einen Schock"

Stand:

Einige Politiker fordern, dass geflüchtete Syrer in ihre Heimat zurückkehren sollen. WDR-Journalist Borhan Akid war in Syrien. Was er sah: Trümmer, Obdachlose, keine Jobs. Aber es gibt auch Hoffnung.

"Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben". Das hat Außenminister Johann Wadephul (CDU) bei seinem Besuch in Syrien gesagt. Er ist skeptisch, dass viele Flüchtlinge freiwillig zurückgehen. Aus der Union wird er nun kritisiert. Günter Krings, der Fraktionsvize der CDU, etwa sagte der Bild-Zeitung unter anderem: "Wer soll ein zerstörtes Land wieder aufbauen, wenn das nicht seine eigenen Staatsbürger und Staatsbürgerinnen tun?"

Wie ist die Situation in Syrien nach Ende des Bürgerkrieges? Wir haben darüber mit dem WDR-Journalist Borhan Akid gesprochen, der selbst aus Syrien stammt. Seine Flucht begann 2012 kurz bevor Panzer in seine Heimatstadt rollten. Damals war er noch Student. Seit 2015 ist er in Deutschland. Für die Doku "Wieder zurück in Syrien" war er nach Kriegsende zurück in seiner Heimat.

WDR: Deutsche Politiker fordern die Rückkehr von Syrern zum Wiederaufbau des Landes. Was haben sie übersehen?

Borhan Akid

Borhan Akid

Borhan Akid: Wenn Politiker in Deutschland sagen, jetzt können ja alle Syrer zurückkehren, denn das Land hat Sicherheit, das Land hat eine neue Regierung und alles sieht gut aus, dann haben sie vor allem übersehen, wie es dort aussieht. Wir haben Zerstörung. Häuser, in denen früher Menschen gelebt haben, sind heute nur noch Trümmer. Wo es einst Cafés gab und Leben stattfand, sieht es heute teilweise so verlassen aus wie in einem Horrorfilm. Wir reden von ganzen Orten zum Beispiel um die Stadt Damaskus, die fast komplett zerstört sind.

WDR: Der oberste Repräsentant des Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Syrien sagte der Süddeutschen Zeitung, Syrien sei schon jetzt am Limit, was die Zahl der Rückkehrer angeht. Möglichst viele Rückkehrer hält er für gar keine gute Idee.

Akid: Nach Zahlen der Flüchtlingswerke kehrten allein in diesem Jahr eine Million Flüchtlinge nach Syrien heim. Für 2026 wird eine weitere Million erwartet. Die meisten von ihnen waren in Nachbarländer geflohen, nach Jordanien, Libanon und in die Türkei. Jetzt kommen sie zurück in ein zerstörtes Land, das am Limit ist. Die Aufnahmekapazität sind jetzt schon erschöpft. Wenn jetzt nochmal Leute aus Europa kämen, würde das das Land komplett überfordern. Vor allem, wenn Menschen zurückkehren, die wenig Geld haben. Es braucht aber viel Geld, um ein Haus oder eine Wohnung wieder aufzubauen, eine Immobilie zu kaufen oder erst mal etwas zu mieten. Die Mieten sind aktuell extrem hoch, das Einkommen ist aber gering. Wenn man die Mieten etwa in Damaskus ins Verhältnis setzt, fragt man sich: Ist das Tokio, London oder New York?

WDR: Wenn es zu wenig Wohnungen gibt und die Mieten hoch sind, gibt es viel Obdachlosigkeit?

Einwohner von Damaskus stehen am Straßenrand

Syrische Kinder in den Straßen von Damaskus

Akid: Obdachlosigkeit sieht man vor allem in den Straßen von Damaskus. Es gibt diese Kinder, von denen man oft nicht weiß, haben sie ein Zuhause, wohin sie zurückgehen am Ende des Tages, oder leben sie auf der Straße? Es sind teils ganze Familien, die auf der Straße leben. Es gibt aber auch viele Menschen, die versuchen zu helfen. Menschen, die ein kleines Zimmer vermieten für kleines Geld oder einfach erst mal einen Menschen aufnehmen. In Deutschland haben wir einen Sozialstaat, der sich um sowas kümmert. In Syrien gibt es das nicht.

WDR: Was meint Außenminister Wadephul, wenn er sagt: "Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben"?

zerbombte Häuser in Damaskus

Zerbombte Straßen in Damaskus

Akid: Wadephul hat den Realitätscheck gemacht. Er war selbst vor Ort, hat sich einen von vielen zerstörten Stadtteilen von Damaskus angeschaut. Er hat gemerkt, wie groß die Zerstörung in Syrien gerade ist. Es geht nicht nur um Häuser, die wieder aufgebaut werden müssen, sondern auch viel um Infrastruktur. Es gibt die Probleme mit der Strom- und Wasserversorgung. Dazu kommt, dass viele Schulen zerstört sind. Viele Syrer, die in Europa leben, haben aber Kinder und fragen sich: Wie steht es dann um die Bildung meiner Kinder? Gibt es Platz für sie in der Schule in Syrien? Die Antwort ist oft nein. Es gibt zu wenig staatliche Schulen und private Schulen sind extrem teuer.

WDR: Etwa 4.000 Syrer sind aus Deutschland zurückgekehrt – von einer Million. Was erleben sie, wenn sie ankommen?

Akid: Es sind in den letzten Monaten sehr viele Menschen nach Syrien gereist, um ihre Heimat wieder zu sehen nach langen Jahren. Genauso wie ich. Und das Erste, was man machen will, ist den Ort zu checken, wo man früher gelebt hat, die eigene Wohnung. In der Regel ist das ein Schock. Wenn man Glück hat, dann steht die Wohnung noch, auch wenn Soldaten des Assad-Regimes alles geplündert haben. Persönliche Dinge, Möbel, Wasserhähne, selbst die Wasserrohre, Stromkabel, Fliesen - alles ist weg. Die meisten Wohnungen sind zerstört, Häuser einsturzgefährdet. Wer mit dem Auto durch die Orte fährt, sieht vor allem ausgebrannte Fassaden: Unten findet das Leben statt. Man sieht sehr viele Menschen, Busse, Frauen, Kinder, Schulkinder - dann schaut man nach oben und sieht diese ausgebrannten Fassaden.

WDR: Wie verdienen die Menschen dort Geld zum Überleben? Gibt es Jobs, eine funktionierende Wirtschaft?

Akid: Es gibt bei Weitem nicht genug Jobs. Die Arbeitslosigkeit ist immer noch sehr hoch. Deswegen denken auch immer noch viele junge Leute darüber nach auszuwandern. Viele gehen in die Golfstaaten, etwa nach Dubai. Einer meiner Freunde ist jetzt in Ägypten und versucht da einen Job zu finden. Ein anderer geht jetzt nach Oman.

WDR: Wie steht es um die Sicherheit? Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Syrien, es gibt die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg.

Akid: Es kommt drauf an, wo man lebt. Wer in Damaskus lebt, bekommt vermutlich weniger davon mit. Wer in Suwayda im Süden lebt, mehr. Dort gibt es viele Drusen. Drusen sind eine Minderheit in Syrien. Sie sind nicht ganz zufrieden mit der aktuellen Regierung. Es gibt auch Stimmen, die eine Autonomie fordern. Sie wollen einen Staat für sich und nicht zu Syrien gehören. Deshalb gibt es Konflikte und Auseinandersetzungen. Es wurden Soldaten von der neuen Regierung getötet. Es wurden aber auch Drusen getötet. Die Lage ist komplex, die Sorge ist da, dass Dinge, die im Moment am Rande passieren, größer werden und wieder zu einem Bürgerkrieg führen. Alles könnte jede Minute wackeln. Sicherheit und Stabilität brauchen auf jeden Fall Zeit.

WDR: Mit Blick auf die nähere Zukunft - was ist die größte Sorge, was die größte Hoffnung?

Syriens Übergangspräsident al-Scharaa

Syriens Präsident al-Scharaa

Akid: Meine größte Sorge ist, dass ein Bürgerkrieg ausbricht und das Land wieder in einen Konflikt gerät, durch den Menschen wieder fliehen müssen, vielleicht noch mehr Menschen als zuvor. Die größte Hoffnung ist, dass die Situation gerade extrem dynamisch ist. Jeden Tag passieren sehr viele Dinge. Wir haben eine neue Regierung, wir haben ein neues Parlament. Es gibt zwar Kritik, wie das Parlament gewählt wurde und daran, dass der Präsident sich selbst zum Präsidenten ernannt hat, obwohl er zuvor Führer einer Rebellengruppe war. Aber das hätte auch nicht anders sein können im Moment. Ich sehe im Moment viele positive Signale. Ich sehe, dass es einen großen Willen gibt, Korruption zu bekämpfen, auch von dieser Regierung. Ich sehe, dass, wenn Menschen etwas sagen, wenn etwas kritisiert wird, dass das auch gehört wird, dass die Regierung zuhört und versucht, alles besser zu machen. 

"Das Beste, was Syrien passieren kann, ist, dass das, was jetzt passiert, weiter so geht, dass dieses neue, demokratische, freie Syrien entsteht, von dem alle träumen." Borhan Akid, WDR-Journalist aus Syrien

WDR: Auch wenn der Wiederaufbau gut läuft - viele Syrer sind in der Deutschland integriert, haben Jobs, Familie und Freunde.

Akid: Menschen, die jetzt zehn Jahre hier gelebt haben, haben auch in Deutschland eine Heimat gefunden. Wir haben auch Familienkonstellationen, die nicht mehr so aussehen wie früher. Meine Familie ist nicht in Syrien. Meine Freunde haben ein neues Leben im Ausland angefangen. So geht es vielen - und das macht es schwer, über eine Rückkehr nachzudenken. Auch ist es keine einfache Entscheidung, dieses neue Leben, wofür man sehr hart gearbeitet hat, mal eben einfach da stehen zu lassen und zu sagen: "Okay, ich gehe jetzt zurück und fange von vorne wieder an." Was vielleicht bei einer Rückkehr helfen würde, wäre ein System, an dem die Menschen beteiligt sind. Wir neigen immer dazu, über Menschen zu reden, wir reden aber nicht mit ihnen und fragen, was braucht ihr eigentlich, um zurückzukehren? 

Das Interview führte Sabine Schmitt.

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