Seit Tagen kennen die Spritpreise nur eine Richtung: nach oben, so scheint es. Noch am 1. März hatte der Preis für einen Liter Diesel bei 1,73 Euro gelegen, heute um 10 Uhr lag er deutschlandweit bei 2,19 Euro - 46 Cent mehr. An NRW-Tankstellen ärgern sich die Kunden. Der Vorwurf lautet: "Abzocke".
Nicht nur bei Diesel, auch bei Super E5 und Super E10 gab es innerhalb von wenigen Tagen Preissprünge, wie unsere Analyse hier zeigt.
Die Ölkonzerne begründen den Preissprung mit dem gestiegenen Ölpreis. Der Preis für die Rohölsorte Brent schnellte nach Beginn des Krieges im Nahen Osten zeitweise auf fast 120 Dollar. So hoch waren die Ölpreise zuletzt 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Allerdings sank er jetzt zwischenzeitlich wieder auf unter 90 US-Dollar pro Barrel, nachdem US-Präsident Donald Trump ein baldiges Kriegsende im Iran in Aussicht stellte.
Warum merken wir das nicht an der Tankstelle? Was muss passieren, dass Benzin und Diesel wieder billiger werden? Auf politischer Ebene gibt es durchaus Möglichkeiten, kurzfristig auf den Preis einzuwirken, damit es an der Tankstelle schnell günstiger wird.
Hier sind vier verschiedene Optionen - von den ersten beiden will die Bundesregierung nun offenbar Gebrauch zu machen:
An der Tanke nur noch einmal am Tag den Preis erhöhen
Tankstellen legen den Preis nicht selbst fest. Das tun die Mineralölkonzerne - und das mehrmals am Tag. Die Tankstellen selbst regen daher ein aus Österreich bekanntes Modell an: "Die Regierung kann wie in Österreich eine Regel erlassen, dass die Konzerne nur noch einmal am Tag den Preis erhöhen dürfen und danach nur noch absenken dürfen", sagte Herbert Rabl, Sprecher des Tankstellen-Interessenverbands, der Rheinischen Post. In Österreich liege der Spritpreis aktuell nur bei 1,70 Euro.
Nun will Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) genau das angehen. Spritpreiserhöhungen an Tankstellen sollen so rasch wie möglich nur noch einmal täglich erlaubt sein. "Dagegen sind Preissenkungen jederzeit zulässig", sagte Reiche am Mittwoch. Der sogenannte Rakete-und-Feder-Mechanismus, den wir unten ausführlich erklären, solle "durchbrochen" werden. Wann die Regelung in Kraft tritt, ist allerdings offen. Nötig sei dafür eine Änderung des Kartellrechts, so Reiche.
Was das Kartellamt machen kann
Der CDU-Politiker Sepp Müller verlangt derweil, dass das Kartellamt im Umgang mit den Mineralölkonzernen direkt eingreift. Das Kartellamt könne auf Basis des Paragrafen 32f des Wettbewerbsrechts Strafzahlungen verhängen - "weil das, was hier passiert, ist maximal unverhältnismäßig", sagte Müller. Es gebe eine "freche Preisabzocke an unseren Zapfsäulen". Deshalb werde man die Chefs der Mineralölkonzerne und das Kartellamt in die Arbeitsgruppe einladen: "Und dann werden wir über die Werkzeuge reden."
Bundeskartellamtschef Andreas Mundt dämpfte derweil Hoffnungen auf eine mögliche rasche Abhilfe gegen die stark gestiegenen Spritpreise. "Sollten sich Hinweise auf kartellrechtswidriges Verhalten der Mineralölkonzerne zeigen, würden wir konsequent dagegen vorgehen", erklärte er der Nachrichtenagentur AFP. "Ich möchte aber auch deutlich machen, dass es kein Instrumentarium gibt, um geopolitisch getriebene Preissteigerungen quasi auf Knopfdruck zu verhindern."
CSU-Parteichef Markus Söder forderte zudem, das Kartellrecht müsse endlich schärfer werden. "Es reicht aus meiner Sicht nicht, nur zu sagen, man darf nur einmal am Tag erhöhen, weil dann wird das einfach höher erhöht", sagte er den Sendern RTL und ntv. Es müsse auch "gegen mögliche Preisabzocke etwas getan werden".
Strategische Ölreserve anzapfen
Ein weiterer Schritt, mit dem die Bundesregierung auf die gestiegenen Öl- und Spritpreise reagieren will, ist die teilweise Freigabe der nationalen Ölreserven. Das hat offenbar ein Sondertreffen der G7-Staaten ergeben, wie am Mittwoch bekannt wurde. Zuletzt war diese Maßnahme 2022 nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine eingesetzt worden.
Samina Sultan, Expertin für europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, hatte dieses Mittel bereits zuvor im WDR-Interview als "ein probates Instrument" eingeordnet. Es könnte ein Preissignal sein, das auch hierzulande wirken könnte.
Ihre strategischen Ölreserven geben Volkswirtschaften jeweils in Krisensituationen frei, um den Ölmarkt zu stabilisieren oder auf Versorgungsengpässe zu reagieren. Zu diesem Mittel wird selten gegriffen.
Tankrabatt wieder einführen
Die Bundesregierung könnte die Spritpreise auch mit einem Tankrabatt drücken. Einen solchen Rabatt hatte im Juni 2022 die damalige Ampel-Regierung in der Energiekrise nach Beginn des russischen Angriffs beschlossen: Sie senkte die Energiesteuer auf Kraftstoffe für drei Monate auf das in der EU erlaubte Mindestmaß.
Inklusive Mehrwertsteuer sank damals die Steuer für Diesel um 16,7 Cent pro Liter, für Superbenzin um 35,2 Cent pro Liter. Dies wurde laut einer Untersuchung des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung im Juni auch "im Wesentlichen" von den Konzernen an die Autofahrer weitergegeben.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wollte sich am Montag nicht darauf festlegen, ob es zu einer Neuauflage des Tankrabatts kommen könnte. Die Regierung beobachte die Preise "sehr intensiv", sagte er. Das Bundeswirtschaftsministerium und Bundeskartellamt seien auch "in eine Prüfung eingetreten". Er wolle dem Ergebnis dieser Prüfung nicht vorgreifen.
Öl und Gas aus Russland kaufen
Angesichts drastisch gestiegener Ölpreise erwägt US-Präsident Trump Insidern zufolge auch eine Lockerung der Ölsanktionen gegen Russland. Russland zeigt sich derweil auch offen für Öl- und Gaslieferungen an europäische Länder.
Voraussetzung sei aber eine "langfristige und stabile" Zusammenarbeit, bei der "kein politischer Druck" auf Moskau ausgeübt werde, sagte Kreml-Chef Wladimir Putin am Montag. Er äußerte sich während einer im Fernsehen übertragenen Kabinettssitzung. "Wir sind bereit, mit den Europäern zusammenzuarbeiten, aber wir brauchen Signale von ihnen, dass sie dazu bereit und willens sind."
Allerdings wäre so ein Handel mit Russland für Europa eine Gratwanderung - bisher hatten sich europäische Länder von Russlands Öl und Gas nach dem Angriff auf die Ukraine abgekehrt und sich mühsam neue Lieferanten gesucht. Die EU brachte erst vorigen Monat ein neues Sanktionspaket gegen Russland auf den Weg. Die neuen Maßnahmen nehmen vor allem Tanker mit russischem Rohöl ins Visier - mit dem Ziel, Russlands Öleinnahmen weiter zu senken.
Der Rakete-und-Feder-Effekt
Dass die Tankpreise in den vergangenen Tagen so rasch gestiegen sind und Verbraucher tiefer in die Tasche greifen mussten, begründete Alexander von Gersdorff vom Wirtschaftsverband Fuels und Energie in der vorigen in Woche im WDR-Interview so: Die Tankstellen müssten mit ihren Preisen leider hochgehen, "um das Geld zu haben, um nachzukaufen". Da helfe es auch nichts, dass bislang noch günstigeres Benzin und Diesel in den Tanks gewesen sei.
In die andere Richtung allerdings dauert es länger. In der Ökonomie ist auch die Rede von einem Raketen-Feder-Effekt. Bei steigenden Einkaufskosten steigen die Verbraucherpreise extrem schnell - wie eine Rakete. Aber bei sinkenden Einkaufskosten fallen sie nur langsam - wie eine Feder.
Nach dem Preisfall beim Rohöl haben wir Alexander von Gersdorff jetzt noch einmal nach dem Effekt gefragt. Er sagt: Es dauere, bis sich die Märkte nach einem Preisschock erholen.
"Die Tanker stecken wegen der Blockade der Straße von Hormus fest, die Fördermengen sind gedrosselt." Alexander von Gersdorff, Wirtschaftsverband Fuels und Energie
Entscheidend für die Tankstellenpreise seien zudem die Produktpreise für Benzin und Diesel - und nicht nur der Rohölpreis.
WDR-Wirtschaftsredakteur Wolfgang Landmesser erklärt den Unterschied: "Benzin kommt fast komplett aus heimischen Raffinerien - da dürften Einkaufspreise in Rotterdam so schnell keine Rolle spielen. Bei Diesel ist das etwas anders, der wird zum Teil importiert."
Sobald die Produktpreise für Benzin und Diesel sinken, "macht sich das an den Tankstellen bemerkbar", sagte von Gersdorff weiter. Wie es jetzt an den Tankstellen weitergeht, hänge derzeit vor allem vom Fortgang des Konflikts im Nahen Osten ab, so von Gersdorff.
Sperrung der Straße von Hormus führt zu Engpass
Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei Straße von Hormus. Sie ist seit Beginn der Angriffe auf den Iran durch die USA und Israel gesperrt. Das verkündete die Iranische Revolutionsgarde. Man werde jedes Schiff unter Beschuss nehmen. Durch diese Bedrohung wird der Ölhandel empfindlich getroffen.
Die Straße von Hormus ist ein zentraler Schifffahrtsweg, über den normalerweise gut ein Fünftel des weltweiten Rohöls transportiert wird.
Ölpreis: "Die Stimmung schwankt extrem". WDR 5 Morgenecho - Interview. 10.03.2026. 04:59 Min.. Verfügbar bis 10.03.2027. WDR 5.
Wie lange der Krieg im Nahen Osten und damit die Sperrung der Straße von Hormus dauert, ist derzeit unklar. Auch wenn US-Präsident Trump sagt, er halte den Iran-Krieg für "so gut wie beendet", gibt es viele offene Fragen - etwa: Erklären auch die Israelis den Krieg damit für beendet? Hebt die Iranische Revolutionsgarde die Sperrung der Straße von Hormus auf, wenn das Land nicht weiter angegriffen wird? Auch sagte Trump, der Iran-Krieg werde nicht in dieser Woche enden.
Bei zwei Euro Spritkosten sind fast die Hälfte Steuern
Erstmal müssen Autofahrer die Preissteigerungen an den Zapfsäulen momentan noch hinnehmen. Allerdings gibt es auch Unterschiede nach Ländern - in Belgien etwa ist Tanken deutlich günstiger als bei uns. Das liegt daran, dass staatliche Abgaben wie Steuern dort niedriger sind als hierzulande.
In Deutschland setzt sich der Spritpreis aus vier Bestandteilen zusammen: Kosten und Gewinn, Energiesteuer, Mehrwertsteuer und CO2-Abgabe.
Bei einem Preis von etwa zwei Euro pro Liter Sprit landet etwa die Hälfte in der Staatskasse, so die Analyse des ADAC. Das bedeutet, dass automatisch mehr pro Liter in die Staatskasse fließt, obwohl sich die festen Abgaben nicht verändern.
Unsere Quellen:
- Interview mit Alexander von Gersdorff vom Wirtschaftsverband Fuels und Energie am 05.03.2026 und am 10.03.2026
- Nachrichtenagenturen dpa, AFP, Reuters
- Interview mit Sven Sperlich, Chef einer Sanitär & Heizungsfirma in Erkrath
- Website des Dienstleisters Tecson
- Interview mit Samina Sultan, Handelsexpertin beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln
- ADAC
- Herbert Rabl, Sprecher des Tankstellen-Interessenverbands, in der Rheinischen Post
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 09.03.2026, 18.45 Uhr