Sexualisierte Übergriffe bei Pfadfindern - Was Lina erlebt hat

Lokalzeit aus Düsseldorf 05.02.2026 01:34 Min. Verfügbar bis 05.02.2028 WDR Von David Zajonz

Sexualisierte Übergriffe bei Pfadfindern - Was Lina erlebt hat

Stand:

Lina ist seit ihrem zwölften Lebensjahr bei den katholischen Pfadfindern. Mit 19 Jahren erlebte sie einen sexualisierten Übergriff. Wie Lina damit umgeht.

Viel Zeit in der Natur, Lagerleben, Geländespiele - Lina aus dem Münsterland liebte es, bei der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG) ihre Freizeit zu verbringen. Pfadfinder sind klassischerweise in Stämmen organisiert, die als lokale Ortsgruppen fungieren.

Als sie 19 Jahre alt und Hilfsleiterin eines Stammes war, wurde sie Opfer eines sexualisierten Übergriffs von einem Stammesvorstand eines befreundeten Stamms. Jahrelang hatte sie dies zunächst verdrängt. Als ihr die Sache bewusst wurde, war nichts mehr so wie es einmal war.

Lina ist inzwischen 26 Jahre alt. Ihre Geschichte erzählte sie am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Köln, bei der das Ergebnis eines Forschungsprojekts zur Aufarbeitung sexualisierter und spiritueller Gewalt in der DPSG vorgestellt wurde. Demnach hat jede beziehungsweise jeder fünfte von knapp 400 befragten Pfadfinderinnen und Pfadfindern schon einmal körperliche sexualisierte Gewalt in den eigenen Reihen erlebt. Besonders gefährdet seien Kinder und Jugendliche bei Gemeinschaftsaktivitäten wie Zeltlagern.

Zum Übergriff kam es im Beisein von anderen

Bei Lina war es anders. Sie wurde unter Alkoholeinfluss Opfer des Übergriffs in der Privatwohnung des Stammesvorstands. "Er war so circa sechs bis sieben Jahre älter als ich", sagte sie bei der Pressekonferenz. Und: Der Vorfall ereignete sich im Beisein anderer Pfadfinderinnen und Pfadfinder. "Eine ebenfalls anwesende Freundin von mir hat die Situation erkannt", erzählte Lina später dem WDR. Die Freundin habe eingegriffen und Lina aus ihrer misslichen Lage herausgeholt. Auf die Art des Übergriffs möchte Lina nicht eingehen. In der Zeit danach ging es ihr nach eigenen Angaben sehr schlecht.

Ich habe unglaublich viel Schuld auf mich selbst geschoben, ich habe mich geschämt. Lina, Opfer eines sexuellen Übergriffs durch einen Stammesvorstand bei der DPSG
Lina (27), Opfer von sexualisierter Gewalt bei der Deutschand Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG), im Interview

Lina im WDR-Interview

Nicht zuletzt wegen des Alkoholeinflusses, sagte Lina. Sie habe sich selbst eingeredet, sie hätte weniger trinken sollen. Wenig später habe sie das Erlebte komplett für mehrere Jahre verdrängt. Durch eine zufällige Unterhaltung mit einer Freundin, der mit dem gleichen Stammesvorstand ähnliches widerfahren war, kam bei Lina wieder die Erinnerung hoch. Und die beiden Frauen stellten fest: "Wir sind kein Einzelfall. Er macht das scheinbar bei mehr als bei einer Person", so Lina gegenüber dem WDR.

Viele Gespräche und Vernehmungen

Die beiden Frauen sprachen daraufhin über das Erlebte mit dem damaligen Bezirksvorstand bei der DPSG. Das war im Herbst 2023. Der Bezirksvorstand nahm die Vorfälle sehr ernst, es folgten viele weitere Gespräche. Zeitgleich erstattete Lina Anzeige bei der Polizei, bei der sie mehrere Vernehmungen hatte. Auch die Leute, die bei dem Übergriff dabei waren, wurden vernommen. "Emotional war das alles unglaublich belastend", erzählte Lina.

"Was ich vor allem sehr anstrengend fand, war, dass wir unsere Geschichte immer und immer wieder in jedem Gespräch erzählen mussten. Wir hatten es uns dann irgendwann auf Zetteln aufgeschrieben und von anderen Personen vorlesen lassen." Es sei eine Zeit gewesen, "die sich für uns sehr gezogen hat und die schwer war", so Lina.

Für mich selbst hat es sich angefühlt, als wäre da durchgehend diese dunkle Wolke, die einen nahezu immer verfolgt hat. Lina

Forderung nach klarem und transparentem Verfahren und konkreten Ansprechpartnern

Der beschuldigte Stammesvorstand wurde laut Lina juristisch freigesprochen - wegen mangelnder Beweise. Allerdings schloss die DPSG ihn aus ihren Reihen aus.

Und Lina? Sie ist immer noch Pfadfinderin und engagiert sich derzeit vor allem in der Betroffenenvertretung. Die Konsequenzen, die aus Sicht von Lina zu ziehen sind: Es müsste ein klares und transparentes Verfahren und es müssten konkrete Ansprechpersonen bei der DPSG geben, wenn jemand Opfer von sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen wurde. "Keine Person sollte sich mehr schämen müssen, wenn ihr etwas zustößt, sondern sie sollte einfach gehört werden."

Unsere Quellen:

  • Lina bei der Pressekonferenz der Pfadfinderschaft DPSG
  • Lina gegenüber dem WDR

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 05.02.2026, 18:45 Uhr

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