Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht: Reporter Marc Sense berichtet aus Waltrop

Aktuelle Stunde 09.11.2025 39:33 Min. UT Verfügbar bis 09.11.2027 WDR

Als die Synagogen brannten: NRW erinnert an die Reichspogromnacht

Stand:

An vielen Orten in NRW haben die Menschen am Sonntag und Montag der Opfer der Reichspogromnacht am 9. November 1938 gedacht. Damals brannten Synagogen. Geschäfte und Wohnungen von Juden wurden zerstört.

Von Katja Goebel

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zogen organisierte Schlägertrupps, angestachelt vom damaligen Propagandaminister Joseph Goebbels, im nationalsozialistischen Deutschland durch die Straßen. Sie zertrümmerten jüdische Geschäfte, setzten Synagogen in Brand und zerstörten Wohnungen, in denen Juden lebten.

Gewalttaten gegen Juden - vom Staat unterstützt

Passanten vor einer zerstörten Fensterfront eines jüdischen Geschäfts.

Passanten 1938 vor einer zerstörten Fensterfront eines jüdischen Geschäfts

Die Gewalt beschränkte sich nicht auf eine Nacht. Tausende Jüdinnen und Juden wurden misshandelt, verhaftet oder getötet, 30.000 Menschen verschleppt. "Spätestens nun konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell geworden waren", erklärt die Landeszentrale für politische Bildung.

Das Wort "Pogrom" stammt aus dem Russischen und bedeutet "Verwüstung". Doch der Novemberpogrom ist noch viel mehr, als ein Tag der Verwüstung. Er war der Beginn der systematischen Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums - der Anfang des Holocaust. 

"Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in der Geschichte." Landeszentrale für politische Bildung

Gedenkveranstaltungen in vielen NRW-Städten

Auch in NRW erinnerten und erinnern viele Städte mit Gedenkveranstaltungen an die November-Pogrome und NS-Verbrechen - zum Beispiel in Kleve, Bochum, Düren oder Siegen.

Schüler putzen Stolpersteine

In Dülmen hatten sich Schüler der Hermann-Leeser-Realschule etwas Besonderes zum Gedenken überlegt. Sie putzten Stolpersteine und erinnerten damit an jüdische Bürger der Stadt, die von Nazis verschleppt und ermordet wurden.

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig: Seit Mitte der Neunzigerjahre verlegen er und Delegierte in Europas Straßen kleine Gedenktafeln aus Messing. Jeder Stein erinnert an einen Menschen, den das nationalsozialistische Regime verfolgt, deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben hat. Anhand einer WDR-App können Interessierte sich zu den Steinen in ganz NRW leiten lassen und etwas über die Schicksale dahinter erfahren:

Schüler gedanken mit Schildern an die Progromnacht

In Solingen hatte das Bündnis für Toleranz und Zivilcourage am Montag eine Gedenkveranstaltung auf dem Gelände der früheren Solinger Synagoge organisiert. Heute steht dort ein Gymnasium. Den Organisatoren war es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler beim Gedenken dabei sind. Auch Solingens Oberbürgermeister Daniel Flemm und Leonid Goldberg, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde in Solingen, nahmen teil.

Ausstellung im Landtag

Der Landtag in NRW zeichnet mit der Ausstellung "Kristallnacht" die damaligen Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung nach. Im Mittelpunkt stehen historische Fotoserien. "Die Reichspogromnacht war ein schreckliches Signal des Hasses, getragen von Menschen, die wegsahen, mitliefen oder selbst zu Tätern wurden. Diese Ausstellung zeigt uns eindringlich, dass Demokratie, Toleranz und Menschlichkeit keine Selbstverständlichkeit sind", sagte Landtagspräsident André Kuper bei der Eröffnung.

Konzert im Bonner Opernhaus

In Bonn gedachte man unter anderem mit einem öffentlichen Konzert im Opernhausfoyer der Opfer. Sängerinnen des Bonner Opernensembles sangen "Aus jiddischer Volkspoesie" von Dmitri Schostakowitsch und Lieder der weitgehend in Vergessenheit geratenen Komponistin Rosy Wertheim und des Komponisten Erwin Schulhoff.

Marl radelt gegen Hass

In Marl luden Veranstalter zu einer Fahrrad-Gedenkfahrt ein. Gemeinsam mit Patinnen und Paten der Stolpersteine konnte man Orte der Erinnerung besuchen. Auf der Route durch die Stadt hielten die Teilnehmer an sieben Stolpersteinen und gedachten der Opfer des Nationalsozialismus. Später las der Schriftsteller Hans van Ooyen auf dem Brasserter Marktplatz eine Kurzgeschichte vor.

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