KI-Videos fluten Social Media: Wenn die Realität verschwimmt
04:27 Min.. Verfügbar bis 09.10.2027.
KI-Videos mit Sora 2: Warum wir unseren Augen nicht mehr trauen können
Stand:
Von digitalen Meerjungfrauen bis zu tanzenden Politikern: Mit KI-Tools wie dem neuen Sora 2 von OpenAI erzeugte Videos erobern Instagram, TikTok und Co. WDR-Digitalexperte Jörg Schieb erklärt, was das für unseren Umgang mit Bewegtbildern im Netz bedeutet.
Von
Jörg Schieb
Die Social Media-Netzwerke werden gerade überflutet mit Videos, die nicht echt sind - erstellt mit den unterschiedlichsten KI-Modellen, die auf Knopfdruck bewegte Bilder erzeugen. Ein Astronaut schwebt durch einen Ozean aus Quallen. Eine Frau verwandelt sich in einen Schwarm Schmetterlinge. Sam Altman, der Chef von OpenAI, nickt freundlich in die Kamera - allerdings hat er das in Wirklichkeit nie getan.
Willkommen in der neuen Ära der KI-Videos, die gerade Social Media überrollt.
Was vor wenigen Monaten noch nach Science-Fiction klang, gehört mittlerweile zum Alltag auf Instagram und TikTok: Videos, die komplett von künstlicher Intelligenz (KI) erschaffen wurden. Tools wie Veo 3 von Google, Kling aus China oder Midjourney produzieren mittlerweile Clips, die auf den ersten Blick kaum noch von echten Aufnahmen zu unterscheiden sind. Man muss schon zwei Mal hinschauen.
Sora 2 von Open AI setzt neue Maßstäbe
Der jüngste Paukenschlag kommt von OpenAI, dem Anbieter von ChatGPT: Sora 2, die zweite Generation des Video-Generators, hat die Messlatte noch einmal deutlich höher gelegt. Das System erstellt aus simplen Textbeschreibungen Videos, die bis zu 20 Sekunden lang sind - mit beeindruckender Detailtreue und flüssigen Bewegungen, an denen frühere Modelle noch scheiterten.
Die Sora 2 App ist bislang nur in den USA verfügbar - und will ein eigenes Social Netzwork werden
Das Besondere: Sora 2 beherrscht jetzt auch sogenannte "Cameos". Nutzer können damit reale Personen in KI-Videos einbauen - vorausgesetzt, diese haben zugestimmt. Sam Altman persönlich hat seine Zustimmung bereits gegeben, weshalb er derzeit in unzähligen KI-generierten Clips auftaucht. Andere Personen ohne explizite Erlaubnis zu animieren, blockiert das System allerdings konsequent.
In Deutschland bleibt Sora 2 vorerst allerdings Zukunftsmusik. Offiziell lässt sich das Tool hierzulande bislang nicht nutzen, der "AI Act" der EU erschwert den zeitnahen Zugang zu neuen KI-Angeboten in der EU. Ungeklärt sind noch rechtliche Fragen rund um Datenschutz und Urheberrecht.
Wer trotzdem experimentieren will, weicht auf die zahlreichen Drittanbieter aus: Plattformen wie Higgsfield, Freepik oder HeyGen haben Sora 2 bereits in ihre Dienste integriert und bieten den Zugang über ihre Schnittstellen an.
Die Flut von künstlichen Videos hat begonnen
An diesem Logo sind Video von Sora 2 oft erkennbar.
Doch auch ohne direkten Sora-Zugang schwemmt eine Welle von KI-Videos durch die sozialen Netzwerke. Creator nutzen die Tools für spektakuläre Effekte, Werbetreibende für kostengünstige Produktionen, manche einfach zum Experimentieren. Das Ergebnis: eine zunehmend verschwimmende Grenze zwischen Realität und digitaler Fiktion.
"Die Qualität hat einen Sprung gemacht, der viele überrascht", erklärt Digitalexperte Marcus Weber von der Universität Köln. "Was vor einem Jahr noch nach billiger Animation aussah, wirkt heute täuschend echt. Das verändert fundamental, wie wir mit Bewegtbildern umgehen müssen."
Woran erkennt man KI-Videos noch?
Wer genau hinschaut, findet noch Anhaltspunkte. Hände bleiben eine Schwachstelle vieler KI-Modelle - zusätzliche Finger, merkwürdige Winkel der Gelenke oder Finger, die ineinander verschwimmen, verraten den digitalen Ursprung. Auch Reflektionen und Schatten stimmen häufig nicht mit der Lichtquelle überein.
Besonders auffällig: die Mimik. Zwar schaffen es die Systeme mittlerweile, grundlegende Gesichtsausdrücke überzeugend darzustellen, doch bei subtilen Emotionen oder schnellen Übergängen entstehen oft unnatürliche Bewegungen. Die Augen wirken manchmal zu starr, das Blinzeln erfolgt nicht im richtigen Rhythmus.
Textelemente entlarven KI-Generatoren ebenfalls häufig. Schriftzüge auf T-Shirts oder Schildern sehen zwar auf den ersten Blick plausibel aus, ergeben bei näherem Hinsehen aber keinen Sinn - die Buchstaben ähneln echten Schriftzeichen, bilden jedoch keine lesbaren Wörter.
Auch die physikalischen Gesetze bereiten den Algorithmen noch Schwierigkeiten. Wasser verhält sich manchmal merkwürdig, Haare bewegen sich nicht synchron zur restlichen Bewegung, Objekte erscheinen oder verschwinden zwischen einzelnen Frames.
Jeder kann mit Sora 2 von OpenAI Videos mit Open AI-CEO Sam Altman darin machen
Nur eine Frage der Zeit, bis KI-Videos komplett natürlich aussehen
Doch Experten warnen: Diese Erkennungsmerkmale haben ein Ablaufdatum. Mit jeder neuen Generation verschwinden die verräterischen Details. Was heute noch als eindeutiges Zeichen für KI gilt, könnte in sechs Monaten bereits Geschichte sein.
Die Entwicklung verläuft exponentiell. Während frühe KI-Videos vor zwei Jahren noch an wackeligen Bewegungen und verschwommenen Gesichtern scheiterten, produzieren aktuelle Modelle Clips, die selbst Profis ins Grübeln bringen. Die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern.
Einige Plattformen reagieren bereits: Instagram und TikTok arbeiten an Kennzeichnungspflichten für KI-generierte Inhalte. Auch technische Lösungen wie digitale Wasserzeichen, die für menschliche Augen unsichtbar bleiben, werden erprobt. Doch ob sich solche Maßnahmen durchsetzen und wie lange sie wirksam bleiben, ist offen.
Polo auf dem Mond: Bei manchen Videos ist klar, dass sie künstlich erzeugt wurden.
Die zentrale Frage bleibt: Wie gehen wir damit um, wenn Videos nicht mehr automatisch Realität bedeuten? Wir brauchen eine neue Form der Medienkompetenz. Die Annahme, dass Bewegtbilder automatisch glaubwürdig sind - das klassische: "Ich glaube nur, was ich mit eigenen Augen sehe!" -, müssen wir endgültig aufgeben.
Die Technik lässt sich nicht zurückdrehen. KI-Videos werden bleiben, ihre Qualität wird weiter zunehmen. Was bleibt, ist die Herausforderung, einen kritischeren Blick zu entwickeln - und Videos nicht mehr blind zu vertrauen.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagentur dpa
- OpenAI
- Gespräch mit Marcus Weber von der Universität Köln