Die Sehnsucht nach der alten Heimat: Für viele Muslime in Deutschland erfüllt sich der Traum von einer Rückkehr erst nach dem Tod. Immer noch sei es üblich, dass ein gläubiger Muslim nach dem Tod für die Beerdigung in das Herkunftsland seiner Familie überführt werde, heißt es beim Zentralrat der Muslime (ZMD). Doch auch muslimische Bestattungen auf deutschen Friedhöfen sind längst keine Ausnahme mehr.
Die letzte Ruhestätte als Integrationsfrage
"Ältere Muslime stehen jetzt vor der Entscheidung, bei den Eltern oder in der Nähe der Kinder und Enkel begraben zu sein", sagt Haci Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung.
Wo die letzte Ruhestätte sein soll, sei aber auch eine der wichtigsten Integrationsfragen.
"Die Tatsache, dass viele Deutschland als letzte Heimat für immer sehen, ist ein Zeichen dafür, dass es auch die neue Heimat der ersten Generation ist." Haci Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung
Zahlen steigen seit Jahren
In Duisburg hat sich die Zahl muslimischer Bestattungen auf den kommunalen Friedhöfen in den vergangenen zehn Jahren etwa verfünffacht – so die Stadt: 2024 wurden dort 99 Beerdigungen gezählt. In Dortmund stieg die Zahl von 26 im Jahr 2014 auf 81 zehn Jahre später. In Hagen stieg die Zahl muslimischer Beisetzungen von 19 auf 70, in Hamm von 20 auf 49. Auch Bielefeld meldet einen Anstieg von 31 im Jahr 2014 auf 53 zuletzt. In Köln gab es im vergangenen Jahr 185 muslimische Beerdigungen, etwa doppelt so viele als noch vor zehn Jahren.
Nach einer Zählung der Uni Frankfurt gibt es bundesweit mindestens 327 islamische Grabfelder, mit 91 liegen die meisten davon in Nordrhein-Westfalen, wo auch knapp ein Drittel aller deutschen Muslime zuhause ist. Mehrere NRW-Städte haben inzwischen auf die steigende Nachfrage reagiert und die muslimischen Grabfelder auf ihren Friedhöfen erweitert.
Eine wachsende Zahl der Muslime denke inzwischen über eine Bestattung in Deutschland nach, sagt auch ZMD-Landesvorsitzender Samir Bouaissa: "Viele haben ja keinen oder noch wenig Bezug in die alte Heimat." Das gelte besonders für Muslime der dritten oder vierten Generation. Allerdings seien auch sie darauf bedacht, dass die islamischen Riten auch bei einer Beisetzung im Ruhrgebiet eingehalten werden.
Das bedeutet zum Beispiel, dass muslimische Gräber grundsätzlich gen Mekka ausgerichtet werden müssen. Eine grundsätzliche Sargpflicht besteht in NRW seit einigen Jahren nicht mehr, sodass in der Regel auch eine Bestattung im traditionellen Leinentuch möglich ist. Viele Friedhöfe haben außerdem inzwischen Räume für die rituelle Waschung der Toten eingerichtet, die ein wichtiger Teil der muslimischen Beerdigungsriten ist.
Problem: Kein "Ewigkeitsrecht" auf deutschen Friedhöfen
Wirklich ausnahmslos alle Riten einzuhalten, ist in Deutschland hingegen oft nicht möglich: So schreibt der Islam eigentlich die Beerdigung noch am Tag des Todes vor. Hierzulande hat der Gesetzgeber beschlossen, dass die Beisetzung frühestens nach einer Frist von 24 Stunden stattfinden darf. Es gibt aber auch Ausnahmefälle, wenn entsprechende Anträge gestellt werden. Auch das sogenannte "Ewigkeitsrecht", nach dem die Totenruhe nicht gestört werden darf, ist auf deutschen Friedhöfen schwer umzusetzen. Hier wird die Grabstelle in der Regel nach 20 bis 30 Jahren neu belegt.
Seit einer Reform des nordrhein-westfälischen Bestattungsgesetzes könnten nun auch Friedhöfe in muslimischer Trägerschaft entstehen. In Wuppertal laufen die Planungen dafür schon seit Jahren, inzwischen liegt zumindest ein entsprechender Bauantrag vor. Für Bouaissa, der das Projekt seit Jahren vorantreibt, ist eine letzte Ruhestätte nur für deutsche Muslime seit Jahren überfällig: "Heimat ist da, wo die Ahnen bestattet sind."
Unsere Quellen:
- Interview mit Haci Halil Uslucan im WDR 5 Morgenecho am 06.08.2025
- Nachrichtenagentur dpa
- Bundesverband Deutscher Bestatter
- Stadt Köln
- Zentralrat der Muslime
- recht.nrw.de
Hinweis der Redaktion vom 7. August 2025, 14.04 Uhr:
In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass eine Beisetzung erst nach 48 Stunden stattfinden darf. Diese Information ist so nicht richtig. Die Beisetzung darf frühestens nach einer Frist von 24 Stunden stattfinden und es gibt Ausnahmefälle, wenn entsprechende Anträge gestellt werden.