Luftraumverletzung: Estland beantragt Nato-Beratungen
Aktuelle Stunde . 20.09.2025. 38:55 Min.. Verfügbar bis 20.09.2027. WDR. Von Raphael Markert.
Neue russische Luftraumverletzungen: Wie reagieren die NATO-Länder?
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Immer wieder melden NATO-Länder Luftraumverletzungen durch Russland. Wie reagiert das Bündnis auf die Vorfälle? Eine Übersicht.
Die Lage an der NATO-Ostflanke ist angespannt: Mehrere Luftraumverletzungen durch Russland innerhalb weniger Tage sorgen zunehmend für Unruhe unter den NATO-Verbündeten in Europa. Am Freitag meldeten Estland und Polen weitere Vorkommnisse.
Die Vorfälle stehen im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Beteiligt an den Luftraumverletzungen sind sowohl Drohnen als auch Kampfflugzeuge aus Russland.
Um welche Vorfälle geht es?
Abgeschossene Drohne in Polen
In den vergangenen Wochen hat das NATO-Land Polen immer wieder beobachtet, das Drohnen aus dem Osten in seinen Luftraum eingedrungen sind. Als in der Nacht auf den 10. September - während einer russischen Angriffswelle auf die Ukraine - eine größere Zahl von Drohnen den polnischen Luftraum verletzte, hat die polnische Luftwaffe zum ersten Mal mehrere der unbemannten Flugkörper abgeschossen.
Später kam es zu weiteren Vorfällen, bei denen mutmaßlich gezielt russische Drohnen über Polen und Rumänien gelenkt wurden.
Nahe Estland: Russischer MiG-31-Kampfjet am Freitag
Estlands Armee hat am Freitag eine erneute Verletzung seines Luftraums durch drei russische Kampfjets des Typs MiG-31 gemeldet, die am Morgen unerlaubt in den Luftraum des EU-Staates eingedrungen seien und sich etwa zwölf Minuten darin aufgehalten hätten. Die NATO hat nach eigenen Angaben sofort reagiert und die russischen Flugzeuge abgefangen.
Polen wiederum meldete am Freitagabend, zwei russische Kampfjets hätten sich im Tiefflug einer polnischen Bohrinsel in der Ostsee genähert und dabei eine Sicherheitszone verletzt.
Wie lassen sich diese Vorfälle einordnen?
Russland bestreitet wiederholt die Verletzung des Luftraumes von NATO-Ländern. Bei den NATO-Verbündeten ist jedoch immer wieder die Rede von Absicht.
"Russland will provozieren", sagte Politik-Professor Carlo Masala am Samstag im tagesschau24-Interview. "Russland testet sozusagen die Reaktion und die Reaktionsfähigkeit der NATO-Staaten und der einzelnen Staaten aus." Russland werde immer mutiger, wie es provoziere, sagte der Experte der Universität der Bundeswehr in München.
Wie kann die NATO tun?
Sicherheitsexperte Masala sieht zwei Möglichkeiten: Erstens müsse die Abschreckung verstärkt werden, damit Russland nicht auf die Idee komme, NATO-Mechanismen auszutesten. Zweitens müsse man über die EU die klare Botschaft senden, dass bei weiteren Vorfällen direkt Sanktionen folgen würden.
Politik-Professor Carlo Masala
Die Sanktionen gegen Russland zeigten durchaus Wirkung, sagte Masala. Er räumte allerdings ein, die EU sei schlecht darin, Sanktionslücken zu schließen. "Wir beziehen ja zum Beispiel noch immer Öl aus Russland." Es sei Putins Ziel, bei der westlichen Unterstützung für die Ukraine einen Keil zwischen EU- und NATO-Staaten zu treiben. "Deswegen ist die Frage der Unterstützung der Ukraine die zentrale Frage zur Abschreckung Russlands."
Da die USA beim Thema Ukraine keine Stärke zeigten, sei es an Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland, "ein klares Signal gegenüber Moskau" auszusenden. Die NATO selbst hatte am 12. September als Reaktion auf die mutmaßlich vorsätzlichen Luftraumverletzungen bereits eine Stärkung der Ostflanke angekündigt.
Wie reagieren Polen und Estland auf die Verletzung ihres Luftraumes?
Die beiden Länder haben jeweils ein Verfahren nach Artikel 4 des NATO-Vertrages beantragt. Der Artikel sieht Beratungen mit den Verbündeten vor, wenn sich ein NATO-Staat von außen gefährdet sieht. Bei einer solchen Sitzung des NATO-Rates in Brüssel können gemeinsame Maßnahmen beschlossen werden. Es müssen aber keine Beschlüssen getroffen werden.
Das NATO-Hauptquartier in Brüssel
Weder Polen noch Estland haben bisher nach Artikel 5 des NATO-Vertrags um militärische Unterstützung gebeten. Artikel 5 regelt die Beistandsverpflichtung in der Allianz. Er besagt, dass ein bewaffneter Angriff gegen einen oder mehrere NATO-Länder als ein Angriff gegen alle angesehen wird. Das wäre der sogenannte NATO-Bündnisfall.
Wie geht es konkret weiter?
Die NATO-Verbündeten wollen Anfang kommender Woche über die von Estland gemeldete Luftraumverletzung durch russische Kampfjets beraten.
In der Geschichte des Verteidigungsbündnisses sind die Mitglieder bisher achtmal aufgrund von Artikel 4 zusammengekommen. Zuletzt vergangene Woche auf Bestreben von Polen. Davor fand die letzte Beratung am 24. Februar 2022 statt, dem Tag der russischen Invasion in der Ukraine.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagentur DPA
- tagesschau24-Interview mit Politik-Professor Carlo Masala
Über das Thema berichtet auch die WDR-Fernsehsendung ""Aktuelle Stunde" am 20.09.2025 um 18.45 Uhr.