Krankenkassenreform: Finanzkommission Gesundheit macht Vorschläge

Aktuelle Stunde 30.03.2026 39:58 Min. UT Verfügbar bis 30.03.2028 WDR Von Julius Hilfenhaus

Krankenkassen: Was die Reform-Vorschläge bringen sollen - und wie sie uns betreffen

Stand:

Das Gesundheitssystem soll billiger werden. 66 Maßnahmen haben Experten jetzt vorgeschlagen, um die gesetzlichen Krankenkassen aus dem Milliarden-Minus zu holen. Wir zeigen, welche Maßnahmen am meisten bringen sollen und das größte Aufregerpotential haben.

Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland haben zu wenig Geld. Nach Angaben der Bundesregierung fehlen 2026 rund zwei Milliarden Euro. Die von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) beauftragte "Finanzkommission Gesundheit" hat am Montag einen ersten Bericht dazu vorgelegt, wo und wie eingespart werden könnte.

Nina Warken

Gesundheitsministerin Nina Warken

66 Vorschläge hat die Finanzkommission erarbeitet. Bis Ende 2027 sollen damit bis zu 42,3 Milliarden Euro eingespart werden, bis 2030 könnten es 63,9 Milliarden sein. Den größten Anteil davon - 45 Prozent - würden Leistungserbringer und Hersteller stemmen, 10 Prozent müssten die Versicherten beitragen. Erklärtes Ziel, so Ministerin Warken, sei es, "weitere Belastung für die Beitragszahlerinnen und -zahler zu vermeiden".

Viele der Maßnahmen sorgen für kontroverse Diskussionen. Denn das Geld fällt irgendwo weg: Ärzte könnten weniger verdienen, Angestellte müssten auf Krankengeld verzichten und Pharmaunternehmen auf Gewinne. Welche der Empfehlungen politisch durchsetzbar sind, wird sich jetzt in weiteren Verhandlungen zwischen Union und SPD zeigen. Reichlich Vorschläge liegen aber auf jeden Fall auf dem Tisch.

Und die sind nötig. Im Moment klafft bei den Krankenversicherungen eine Lücke, die bis 2027 bei über 15 Milliarden Euro liegen würde, heißt es in dem Bericht.

Der größte Anteil der Ausgaben lag im Jahr 2024 bei den Krankenhausbehandlungen.

Viele der 66 vorgeschlagenen Maßnahmen sparen weniger als eine Milliarde Euro ein, wie eine Zuckersteuer auf zuckerhaltige Getränke. Einige Maßnahmen sollen aber auf einen Schlag große Ersparnisse möglich machen.

Die folgenden fünf Maßnahmen gehören zu den Reformvorschlägen mit den größten Einsparmöglichkeiten.

Gesundheitsfördernde Steuern hochschrauben

Ungesunde Produkte sollen teurer werden. Ein Mittel dazu ist die jetzt anvisierte Zuckersteuer.

Das hat laut Vorschlag einen doppelten Nutzen: Zum einen verbessert sich die Gesundheit und Behandlungen fallen weg. Zum anderen kommt Geld in die Staatskasse, das ins Gesundheitssystem fließen könnte. Eine Erhöhung der Tabaksteuer könnte dabei laut dem Bericht bis 2030 3,8 Milliarden Euro bringen. Eine Zuckersteuer auf gesüßte Getränke könnte weitere 0,5 Milliarden Euro an Steuern einbringen.

Laut dem Bundesdrogenbeauftragten Hendrik Streeck (CDU) kostet Tabakkonsum in Deutschland jedes Jahr rund 131.000 Menschenleben, über 30 Milliarden Euro direkte Gesundheitskosten und fast 70 Milliarden Euro "volkswirtschaftliche Folgekosten". CSU-Gesundheitspolitiker Hans Theiss hatte kürzlich eine Erhöhung von zwei Euro pro Zigarettenschachtel vorgeschlagen.

Bund soll Krankenkassen-Beiträge von Bürgergeldbeziehenden zahlen

Es ist der mit Abstand größte Posten in den Empfehlungen: 12 Milliarden Euro bis 2027 könnten laut Kommission eingespart werden, wenn der Bund die Krankenkassenbeiträge von Bürgergeld-Beziehern (in Zukunft Grundsicherungs-Bezieher) übernehmen würde. Das Argument: Eigentlich muss der Bund laut Sozialgesetzbuch ohnehin die Kosten für das Bürgergeld übernehmen - und dazu gehört auch der Krankenversicherungsbeitrag.

Abschaffung der beitragsfreien Ehegattenversicherung

Bisher können gesetzlich Versicherte ihre Ehe- oder Lebenspartner kostenlos mitversichern, wenn diese weniger als 565 Euro im Monat verdienen. Würde diese kostenlose Mitversicherung gestrichen werden, ließen sich damit laut den Experten allein bis 2027 rund 3,5 Milliarden Euro an Ausgaben einsparen.

Vergütung von Ärzten und Krankenhäusern begrenzen

Seit 2009 wurden Gesetze gelockert, die geregelt haben, wie stark die Vergütung für bestimmte Leistungen steigt. Dadurch haben sich besonders ab 2019 Einnahmen und Ausgaben im Gesundheitssystem weitgehend entkoppelt, heißt es in den Empfehlungen. Bedeutet: Die Ausgaben steigen viel stärker als die Einnahmen.

Das sei ein Fehler im System, denn verschiedene Regelungen erlauben es Krankenhäusern und Ärzten, dass ihre Vergütung schneller steigt, als die Beiträge. Die Vergütung soll wieder strenger geregelt werden, schlägt die Finanzkommission vor. Bis 2027 soll das 5,5 Milliarden Euro bringen, bis 2030 sogar 16,6 Milliarden Euro.

Pharmaunternehmen zu günstigeren Preisen verpflichten

Regale voller Medikamentenschachteln in einer Apotheke.

Pharmaunternehmen sollen Medikamente günstiger abgeben müssen.

Wenn patentgeschützte Medikamente an Patienten in der Gesetzlichen Krankenversicherung verkauft werden, müssen die Pharmaunternehmen diese zu einem günstigeren Preis abgeben. Dieser sogenannte Herstellerabschlag soll von 7 auf 14 Prozent erhöht werden. Das würde laut dem Bericht bis 2027 2,27 Milliarden Euro einsparen. Ab 2028 soll der Abschlag dynamisch an die finanzielle Situation der Krankenkassen angepasst werden - und die Kosten so jährlich um eine Milliarde Euro gedrückt werden.

Reformvorschläge, die direkte Auswirkungen auf uns alle hätten

Nicht alle vorgeschlagenen Maßnahmen sollen auf einen Schlag so viel Geld sparen. Aber viele Maßnahmen wären für Patientinnen und Patienten direkt spürbar und dürften für einige Diskussionen sorgen.

Krankengeld soll sinken: In Deutschland wird nach Meinung der Experten zu viel Krankengeld gezahlt. Der Krankengeldzahlbetrag soll von 70 Prozent des Regelentgelts auf 65 Prozent gesenkt werden, beziehungsweise von maximal 90 Prozent des Nettoarbeitsentgelts auf maximal 85 Prozent. 2027 könnte das 1,3 Milliarden Euro sparen.

Zweite Meinung vor Operationen: Bei langfristig planbaren OPs soll grundsätzlich die Zweitmeinung eines zugelassenen Arztes eingeholt werden, der nicht mit dem Operateur wirtschaftlich zusammenhängt. Die Techniker Krankenkasse bietet Patienten diese Möglichkeit einer Zweitmeinung bereits freiwillig an. 85 Prozent der Patienten hätten sich nach Einholung dieser Zweitmeinung gegen eine OP entschieden. Einsparpotenzial: 0,2 Milliarden Euro bis 2027, 1,2 Milliarden Euro bis 2030.

Margret Bodemann, Nasenchirurg Ulrich Möckel und ein weiterer OP-Helfer inmitten einer Operation.

Erst die Zweitmeinung, dann unters Messer - so der Plan der Finanzkommission.

Ferdinand Gerlach, Professor für Allgemeinmedizin an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt, nannte einen Kostenvergleich: Eine Knie-OP kann das Gesundheitssystem zwischen 6.400 und 14.000 Euro kosten. Eine Zweitmeinung dagegen nur 84,40 Euro.

Patienten zahlen mehr dazu: Gesetzlich Versicherte zahlen bei Medikamenten und Krankenhausaufenthalten zwar einen Eigenbeitrag dazu, aber nicht genug, sagen die Fachleute. Seit 2004 wurden die Zuzahlungen nicht angepasst, deshalb entsprechen sie nicht mehr den gestiegenen Kosten. Empfohlen wird eine Erhöhung um 50 Prozent, beim Mindestbetrag also 7,50 Euro statt 5 Euro. Der Höchstbetrag würde auf 15 Euro steigen, von aktuell 10 Euro. 1,9 Milliarden Euro soll das 2027 bringen, bis 2030 dann 2,2 Milliarden Euro.

Milliarden müssen eingespart werden

Etwa 369 Milliarden Euro werden die Krankenkassen in diesem Jahr ausgeben müssen. Das hat ein Schätzerkreis des Gesetzlichen Krankenkassen Verbands (GKV) ausgerechnet. Im vergangenen Jahr waren es demnach 346,6 Milliarden Euro. Die Einnahmen lagen 2025 bei 299 Milliarden, im laufenden Jahr geht der Schätzerkreis von 312,3 Milliarden Euro aus.

Der erste Bericht der Experten-Kommission soll kurzfristig wirksame Maßnahmen vorstellen, maßgebliche Kostentreiber und unnötige Ausgaben identifizieren. Ein zweiter Bericht soll bis Dezember 2026 vorgelegt werden und Reformen enthalten, mit denen die Ausgaben mittel- bis langfristig reduziert können.

Unsere Quellen:

  • Bericht der Finanzkommission Gesundheit
  • Bundesamt für Soziale Sicherung
  • Kassenärztliche Bundesvereinigung
  • Gesetzlicher Krankenkassen Verband
  • Bundesregierung
  • Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV zu den Auswirkungen einer Zuckersteuer

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 30.3.2026, 18.45 Uhr

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