Schriftsteller Navid Kermani bei der lit.Cologne 2023

Schriftsteller Kermani: "Opposition in Iran wird bitter büßen"

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Nach den Angriffen auf Iran rechnet der Autor Navid Kermani mit zunehmender Repression. Einen Regimewechsel werde es nicht geben.

Nach massiven Angriffen auf Atomanlagen und andere Ziele im Iran fordern die USA eine Rückkehr an den Verhandlungstisch. Ist das der richtige Umgang mit dem Iran? Und was bedeuten die Angriffe für das Regime und die Bevölkerung? Dazu äußert sich Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller, Publizist und Orientalist im Interview mit dem WDR.

Kermani hatte unter anderem 2015 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Er ist in Siegen geboren und dort aufgewachsen, hat unter anderem in Köln und Bonn studiert und wohnt in Köln.

WDR: Das iranische Regime ist noch da. Die Atomanlagen sind offenbar auch nicht so stark zerstört, dass auf Jahre das Programm brach liegt. Welche Strategie der iranischen Führung können Sie sich jetzt vorstellen oder sehen Sie?

Kermani: Es ist noch schwer auszumachen. Ich glaube schon, dass es innerlich schwer getroffen ist, auch durch die Tötung von vielen hochrangigen Militärs. Die hatten wirklich Angst, so weit man das erkennen kann - das wird sie erschüttert haben. Nach Außen werden sie natürlich Stärke demonstrieren und versuchen, es als Sieg zu verkaufen. Sie werden sagen: 'Wir haben immer gesagt: Verhandlung ja, aber nicht unter Bomben'. Genau das wird ja womöglich jetzt stattfinden.

Aber innerlich, könnte ich mir vorstellen, hat es die Risse, die es ohnehin gab, noch einmal massiv verstärkt. Zugleich muss man immer auf die Bevölkerung sehen. Das Regime war ohnehin mehr als unbeliebt bei weiten Teilen der Bevölkerung. Die Bevölkerung fühlt sich jetzt noch einmal mehr verlassen - von der Welt und Israel, die sie bombardiert hat, mit vielen zivilen Opfern und Angriffen auf Teheran am Montag zuletzt. Die Iran in eine aussichtslose Isolation führt. Dass das Land derart aussetzt ohne militärische Gegenwehr und ohne Luftschutzbunker - ich glaube, das macht den Zorn auf das Regime noch einmal viel größer.

Krieg im Iran: "Nicht an einer Lösung interessiert"

WDR 5 Morgenecho - Interview 25.06.2025 06:31 Min. Verfügbar bis 25.06.2026 WDR 5


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WDR: Was verändert das alles für die iranische Bevölkerung jetzt?

Kermani: Gestern sind 700 Menschen verhaftet worden, angeblich israelische Spione. Es wurden die ersten politischen Gefangenen als israelische Spione hingerichtet. Diese Propaganda von Israel - 'Frau, Leben, Freiheit: Das ist unsere Bewegung, erhebt euch' - war natürlich im höchsten Maße zynisch und eigentlich sogar verbrecherisch von Israel. Denn damit hat er eigentlich die Opposition zum Freiwild erklärt.

Es war immer das Narrativ der Regierung, diese Opposition sei von Israel gesteuert, und das hat Netanjahu sozusagen im Fernsehen mehr oder weniger verkündet. Und das wird die Opposition bitter büßen. Und denken Sie daran, dass am Montag eines der Ziele der israelischen Bomben das Evin-Gefängnis war, wo viele politische Gefangene sitzen. Also man bombardiert die Opposition, die für die Freiheit Irans kämpft und damit indirekt auch für die Sicherheit Israels. Also das ist eigentlich nicht zu verstehen.

WDR: Was könnte für eine Strategie dahinterstehen? Ist man womöglich gar nicht an einem Regimewechsel interessiert? Denn ein Regimewechsel bedeutet ja auch Unruhe. Der Iran ist kein homogener Staat - wir haben in Afghanistan gesehen, was dann passiert.

Kermani: Ich glaube, Amerika ist überhaupt nicht an einem Regimewechsel interessiert, sondern an Geschäften. Die wollten ohnehin mit Iran ins Geschäft kommen. Und Israel letztlich auch nicht, denn mit Luftschlägen bekommt man das Regime nicht weg. Es ist illusorisch zu glauben, dass Luftschläge kommen, man Städte bombardiert und dann meint, die Bevölkerung würde aufstehen. Insofern kann das nicht wirklich die Strategie gewesen sein.

Ich glaube, es geht Israel darum, diesen Konflikt in der Region am Köcheln zu halten: zuzuschlagen, wo es geht, dann sich zurückzuziehen - also die Taktik, die man in den letzten zwei Jahren eigentlich beobachten konnte, die sich immer weiter ausweitet, und man immer weiter auch die eigene Macht zeigt. Aber letztlich ist man in der Regierung Netanjahu nicht an einer Lösung interessiert, schon lange nicht mehr.

Und Iran kann mit dem Status Quo auch ganz gut leben. Das Gefühl der Bedrohung führt dazu, dass die Reihen geschlossen werden und man mit größerem Druck gegen die eigene Opposition vorgehen kann. Dass man überhaupt keine Freiheiten zulässt. Während die Bombardements liefen, hat die innere Repression sogar zugenommen. In den Städten schwärmten Sittenwächter aus, während Bomben fielen - das war absurd.

WDR: Sehen Sie überhaupt keine Veränderung in der Konstellation in dieser Region?

Kermani: Die Angst ist da. Der Hoffnungsschimmer, den ich habe, ist, dass Israel merkt: Allein mit militärischen Mitteln wird man das Atomprogramm vielleicht um einige Monate zurückwerfen, aber was für eine Sicherheit gibt das dem Staat Israel? So oft kann man solch groß angelegte Angriffe auch nicht machen.

In Iran gibt es Anzeichen - ich kann das nur mit aller Vorsicht sagen - dass das Regime erkennt: Es kann so nicht weitermachen, es muss sich minimal öffnen. Es muss mit der Welt ins Benehmen kommen. Also auch diese ungute Politik in der Region und im eigenen Land. Der Sog wird zunehmen. Einerseits weiß das Regime: Wenn es Öffnung zulässt, dann ist es zu Ende mit dem Regime. Weil durch diese Öffnung wird diese Bevölkerung gehen, sie wird demonstrieren, es wird die Zivilgesellschafft wieder lebendig machen. Aber wenn es keine Öffnung zulässt, keine moderate Politik machen lässt, dann hat es ebenfalls verloren, weil der Sog von innen einfach so stark geworden ist.

Das Interview führte Andrea Oster.

Es wurde im WDR5 Morgenecho am 25. Juni 2025 gesendet. Für die Online-Version wurde das Interview sprachlich leicht angepasst, ohne den Inhalt zu verändern.

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