Großangriff auf Gaza: Reaktionen weltweit

Aktuelle Stunde 17.05.2025 40:41 Min. UT Verfügbar bis 17.05.2027 WDR Von Raphael Markert

Großangriff auf Gaza: Was das für die Menschen bedeutet

Stand:

Die israelische Armee versucht, weitere Teile des Gaza-Streifens unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie hat ihre Luftangriffe fortgesetzt. Für die Menschen in Gaza eine Katastophe. Viele Verletzte, keine Nahrung, kein Trinkasser - es fehlt an allem, berichten Helfer. Fragen und Antworten zur Lage vor Ort.

Seit mehr als eineinhalb Jahren führt Israel Krieg im Gazastreifen - Auslöser war das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023. Seit Wochen steht eine neue große Offensive der Armee in dem umkämpften Küstengebiet im Raum.

Was passiert gerade im Gazastreifen?

Seit Tagen bombardieren israelische Kampfjets massiv zahlreiche Gebiete in dem Küstenstreifen. In den israelischen Medien, aber auch in der Mitteilung des Militärs ist davon die Rede, dass die verstärkten Luftangriffe in Gaza und die Mobilisierung von weiteren Truppen Teil der Vorbereitungen der neuen Großoffensive "Gideons Streitwagen" der israelischen Armee sind.

In einer weiteren Phase will Israel Teile Gazas einnehmen und - anders als zuvor - halten und kontrollieren. Über größere Kämpfe am Boden wird zur Stunde aber noch nicht berichtet.

Israel weitet Angriffe in Gaza aus

WDR Studios NRW 17.05.2025 01:42 Min. Verfügbar bis 17.05.2027 WDR Online


Nach Angaben der Hamas und Israels gibt es in Doha in Katar eine neue Gesprächsrunde über eine Waffenruhe im Gazastreifen.

Was steckt hinter Israels neuer Offensive?

Ziel bleibt nach Militärangaben, die immer noch festgehaltenen israelischen Geiseln zu befreien und die Terrormiliz Hamas zu zerschlagen. Dafür sollen weitere Teile des Gazastreifens unter israelische Kontrolle gebracht werden.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hatte angekündigt, sollte der Nahostbesuch von US-Präsident Donald Trump ohne einen neuen Waffenstillstand enden, würde er die Hamas mit voller Kraft angreifen. Kritiker werfen Israel hingegen vor, die Bewohner dauerhaft vertreiben zu wollen.

Was bedeutet das für die Menschen im Gazastreifen?

Nach palästinensischen Angaben wurden bei den israelischen Angriffen im Gazastreifen innerhalb von nur 24 Stunden 150 Menschen getötet. Seit Beginn des Krieges vor mehr als eineinhalb Jahren starben demnach mehr als 53.200 Palästinenser in Gaza. Die Angaben, die sich derzeit nicht verifizieren lassen, unterscheiden nicht zwischen Kampfteilnehmern und Zivilisten.

Palästinenser stehen mit Kochtöpfen im Norden Gazas an einer Charity-Küche an

Menschen in Gaza stehen mit Kochtöpfen an

Mit Flugblättern, die Israel über dem Norden des Gazastreifens abgeworfen hat, wird die Bevölkerung aufgefordert, das Gebiet in Richtung Süden zu verlassen. Den Menschen droht damit wieder Flucht und Vertreibung. Auch ist zu erwarten, dass die Hungersnot noch größer wird. Es soll laut Armee zwar Verteilungszentren am südlichen Gazastreifen geben, aber wie die Güter an die Menschen verteilt werden, ist noch offen.

Seit März lässt Israel keine Hilfslieferungen mehr in das Gebiet - und begründet das damit, dass die Hamas die Güter weiterverkaufe, um Kämpfer und Waffen zu finanzieren.

Wie sind die Reaktionen auf die humanitäre Lage?

Internationale Hilfsorganisationen kritisieren massiv Israels Vorgehen im Gazastreifen. Ihr Vorwurf: Israel hungere die Zivilbevölkerung Gazas aus und nutze Hunger als Kriegswaffe. Das sagten Vertreter von Oxfam, Save the Children, Norwegian Refugee Council und dem Netzwerk palästinensischer Nichtregierungsorganisationen (PNGO) in einem gemeinsamen Online-Medienbriefing. Insbesondere durch die von Israel verhängte vollständige Einfuhrsperre für humanitäre Hilfe und Güter in den Gazastreifen verschärfe sich die Versorgungslage täglich. Laut dem Kinderhilfswerk Unicef sind tausende Kinder lebensbedrohlich mangelernährt.

Die jüngsten Bomben, die Menschen zur Flucht zwängen, zeigten, "dass offenbar eine permanente, demographische Umsiedlung im Gazastreifen angestrebt wird - unter Missachtung des Völkerrechts", mahnt auch Jeremy Laurence, ein Sprecher der Vereinten Nationen. UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk hat Israel angesichts der verstärkten Angriffe im Gazastreifen "ethnische Säuberung" vorgeworfen.

Was erleben Helfer vor Ort?

"Es fehlt an allem", sagt Christian Katzer, Geschäftsführer bei Ärzte ohne Grenzen, der täglich mit Helfern vor Ort in Kontakt ist. Neben Lebensmitteln fehlten auch Medikamente und Verbandsstoffe. "Die Teams und die Menschen in Gaza essen meist nur noch eine Mahlzeit am Tag."

Christian Katzer

Schockiert über die Zustände in Gaza: Christian Katzer von Ärzte ohne Grenzen

Katzer berichtet auch über fehlendes Trinkwasser. Man behandle immer mehr Menschen mit Wurmbefall und Infektionen. "Wir haben in den letzten Tagen immer wieder Menschen behandelt, die von Kampfhandlungen und Luftschlägen verletzt wurden." Schockierend sei, dass die Menschen in den letzten Tagen kaum noch die Notaufnahmen aufsuchten. "Offensichtlich werden Waffen benutzt, die so stark sind, dass es kaum noch Überlebende gibt."

"Es ist extrem wichtig, dass alle Menschen Zugang zu humanitärer Hilfe haben." Christian Katzer, Geschäftsführer bei Ärzte ohne Grenzen

Das Argument, die Hamas würde Hilfsgüter abfangen, kann Katzer so nicht bestätigen. Man sei sehr wohl in der Lage gewesen, importiertes medizinisches Material und Medikamente in die Lager und Apotheken zu bringen. "Die größten Verluste, die wir gesehen haben, sind oft durch Luftangriffe entstanden. Wir fordern die israelische Regierung auf, die Hilfslieferungen zuzulassen."

Unsere Quellen:

  • Interview mit Christian Katzer (Ärzte ohne Grenzen)
  • WDR-Korrespondentin Bettina Meier aus Tel Aviv
  • Kinderhilfswerk Unicef
  • Nachrichtenagenturen dpa, KNA, Reuters, AFP

Weitere Themen

Mehr Nachrichten