Diese Woche hat die Bertelsmann-Stiftung aus Gütersloh eine neue Studie veröffentlicht, in der es im Grunde um eine Überlebensfrage unserer Wirtschaft und Demokratie geht. Darin heißt es, dass die Wirtschaftsleistung in Deutschland um Milliarden gesteigert werden könnte, wenn weniger Schülerinnen und Schüler an den Mindestanforderungen in Mathe und Deutsch scheitern würden.
ImPuls-Kolumne: Die Bildung in Deutschland muss raus aus der Sackgasse | MEINUNG. WDR Studios NRW. 18.12.2025. 03:30 Min.. Verfügbar bis 18.12.2027. WDR Online.
Für mich ist klar: Das geht nur, wenn wir jungen Leuten Lust auf Leistung machen - vor allem in den "Bildungsnotstandsgebieten". Ganz gleich, ob sie Essen-Katernberg, Bottrop-Boy, Dortmunder Nordstadt oder Duisburg-Marxloh heißen.
Der Mutmacher aus Marxloh
Mein Lieblings-Kochbuch haben Kinder geschrieben. Syrische, türkische und marokkanische Kinder aus Duisburg-Marxloh. Sie haben ihren Eltern und denen ihrer Freunde buchstäblich in die Töpfe geschaut. Anschließend brachten die Grund- und Hauptschüler ihre Recherche-Reise durch die Marxloh-Küchen zu Papier. Ihr "Kochbuch aus Marxloh" mit gerade mal 300 Exemplaren ist mein Lieblings-Weihnachtsgeschenk für Freunde die nicht ahnen, dass eines der - für mich - spannendsten Kochbücher eben nicht aus der Feder von Jamie Oliver, Tim Mälzer oder Johann Lafer stammen, sondern von Selcuk, Ali und Shuruq aus Marxloh.
Die unkonventionelle Rezeptsammlung, mit Linsengerichten für bis zu 20 Personen, widerlegt ganz nebenbei die dümmliche und "bildungsferne" These: Wer wenig Geld habe, könne überhaupt nicht gesund kochen und sei erbarmungslos den Fast-Food-Ketten ausgeliefert. Fast beiläufig, aber vielleicht gerade deshalb besonders berührend, geht es auch um Fluchtgeschichten.
Mehr als nur ein Kochbuch
Wenn der Fachkräftemangel nicht zum Dauer-Alptraum und die Wirtschaftskrise nicht zum deutschen Normalzustand werden soll, brauchen wir mehr Projekte, wie das Kochbuch aus Marxloh. Anders als alle Pisa-Studien zeigt es nämlich, welches kreative und sprachliche Potenzial in Kindern aus sogenannten "bildungsfernen Schichten" steckt. Und welches Potenzial sich selbst unter schwierigsten Bedingungen entfalten kann. Selbst wenn die Eltern Analphabeten sind oder zuhause kein Wort Deutsch gesprochen wird.
Tausche Bildung für Wohnen
Fakt ist: Von Bildungsarmut sind in ganz Deutschland Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders stark betroffen. Das beginnt laut Bildungsmonitor 2025 des Instituts der deutschen Wirtschaft bereits in der Kita. Die wird von nahezu 100 Prozent der 3- bis 6-Jährigen ohne Migrationshintergrund besucht. Aber nur von 78 Prozent der Gleichaltrigen mit ausländischen Wurzeln. Wörtlich heißt es in dem IW-Bildungsmonitor, "dass Kinder mit Migrationshintergrund schon im vorschulischen Bereich unterdurchschnittliche Beteiligungsquoten und im späteren Lebensverlauf Schwierigkeiten beim Zugang zu besser qualifizierten Bildungsgängen haben." Genau dieser Benachteiligung will Christine Bleks etwas entgegensetzen.
Wie kann dieser Trend gebrochen werden?
Zum Beispiel durch Initiativen wie "Tausche Bildung für Wohnen", die Christine Bleks bereits vor zehn Jahren in Duisburg gegründet hat und durch die das Marxloh-Kochbuch entstanden ist. Bleks sammelt mit ihrer Initiative Spenden, renoviert mittlerweile in mehreren NRW-Städten und Hamburg leerstehende Wohnungen und lädt Schulabsolventen, Studienanfänger und "Buftis", also junge Menschen des Bundesfreiwilligen-Dienstes ein, mietfrei und in Wohngemeinschaften in den renovierten Gebäuden zusammenzuleben.
Projekt "Tausche Bildung für Wohnen". WDR Studios NRW. 18.11.2025. 12:16 Min.. Verfügbar bis 16.12.2027. WDR Online.
Ein soziales Tauschgeschäft: Denn im Gegenzug für ihre Zero-Miete verpflichten sich die WG-ler Duisburger Kinder zwischen 6 und 14 Jahren als Bildungspaten zu betreuen. Und zwar in der sogenannten "Tauschbar" von Marxloh, in einem ehemaligen Pfarrhaus. Einer Oase zum Lernen und Lesen üben, miteinander quatschen und sich bei türkischem Tee und Delikatessen Projekte ausdenken.
90 Kinder sind allein in Duisburg dabei, viele seit Jahren. Die Tauschbar ist ihr zweites Zuhause, in das sie häufig ihre Geschwister mitbringen. Für ihre Bildungspaten ist die Arbeit ein Geschenk und eine nachhaltigere Lernerfahrung als manches Uni-Seminar. Es geht um Sprache, um Motorik und wie es Bundesbildungsministerin Karin Prien so schön zu formulieren pflegt: um die "sozial-emotionale Entwicklung" der Kinder.
Ob unsere Bildungs-Notstandsrepublik die Kurve bekommt und es tatsächlich gelingt, in den nächsten zehn Jahren die Zahl der Schüler, die an den Mindeststandards scheitern, zu halbieren, damit Integration besser gelingt, unsere Wirtschaft wieder floriert und Lehrstellen nicht immer mehr zu Leerstellen werden, hängt aus meiner Sicht auch davon ab, wie viele ehrenamtliche Bildungspaten und Leselernhelfer sich an Kitas und Grundschulen, Gesamtschulen und Berufskollegs engagieren.
Ohne ein erhebliches zusätzliches bürgerschaftliches Engagement und Einzelbetreuung von Kindern, die ohne ein Wort Deutsch in die Kita kommen (wenn sie denn kommen) und in der zweiten Klasse noch immer keinen Satz lesen können, bleiben Begriffe wie "frühkindliche Bildung und Sprachförderung, Aufstiegschancen, Wachstum und Innovation" bedeutungslose Worthülsen von Koalitionsverträgen.
Ohne solche Kochbuchprojekte und Intensiv-Förderung bleiben vielen Jugendlichen aus Flüchtlings- und Migrantenfamilien nur die schnell verfügbaren Billig-Jobs der Online-Lieferdienste wie Bolt und Flaschenpost, Helpling, Lieferando, Wolt und Uber Eats. Nichts gegen Fahrradkuriere und Pizzaboten! Das können eine kurze Zeit lang gute Aushilfsjobs sein. Aber einen wirklichen Einstieg in den Arbeitsmarkt mit Qualifizierung, Aufstiegschancen und fairer Bezahlung bieten sie nur in den seltensten Fällen.
Engagement bringt was
Wie es optimal laufen kann, zeigt das Beispiel von Mohammed Shabir Hassani vom Dortmunder Leopold-Hoesch-Berufskolleg, den ich kürzlich kennengelernt habe. Nach der Machtergreifung der Taliban hat er vor gut zwei Jahren in Kabul seinen Rucksack gepackt, sich von seinen Eltern verabschiedet und hat sich buchstäblich mutterseelenallein durch den Iran auf den Weg in die Freiheit gemacht.
Mittlerweile hat er an seinem Dortmunder Berufskolleg mit Bravour die Deutschkurse der Internationalen Förderklasse samt Praktika absolviert. Zwei Großunternehmen boten ihm eine Lehrstelle für seinen Wunschjob an - als Industriemechaniker. Sein Weg, bei dem er durch seine exzellenten Lehrer und viele andere unterstützt wurde zeigt: Integration durch Bildung ist keine Fiktion! Aber für immer mehr Kinder und Jugendliche leider die Ausnahme.
Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Was hilft, um mehr Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen? Lasst uns darüber diskutieren. In den Kommentaren auf WDR.de oder auf Social Media.
Sendung: WDR.de, ImPuls-Kolumne: Die Bildung in Deutschland muss raus aus der Sackgasse | MEINUNG, 18.12.2025, 06.02 Uhr
Kommentare zum Thema
Allen schöne Festtage! :-) Unsere Kiddis haben Ferien, die können sie erst einmal genießen. ;-)
Dem jungen Mann aus Kabul kann man nur auf dem Weg zur Meisterprüfung viel Erfolg wünschen. Respekt, neues Land, Sprache, Schrift. Ich kann mir nicht einmal in korrektem Niederländisch paar Fritten in Holland bestellen und wohne nicht allzu weit entfernt. Deswegen auch von mir ein schnelles aber nur einfaches Linsengericht als Rezeptvorschlag: Frühlingszwiebel, Knoblauch und Ingwer anschmoren. Mit etwas Orangensaft ablöschen. Dann rote Linsen und bio-Gemüsebrühe hinzufügen. Nach fünf Minuten frische gewürfelte Paprika hinzugeben. Alles nach ca. 10 Minuten mit etwas Aprikosenmarmelade u. Garam Masala abschmecken und mit glatter Petersilie garnieren. Frohe Weihnachten oder einfach nur eine schöne Zeit, wünscht das größte Kleinod, der kleine Massimiliano und Diktatabschreiber vom Kevin.
Ich kenne eine Familie, die zuhause nur die Sprache ihres Herkunftslandes spricht. Mit etwas Schwarzarbeit und Bürgergeld wird das Leben finanziert. Die deutsche Sprache ist nicht erforderlich, weil nur mit Landsleuten Kontakt gepflegt wird. Hier sind die Kinder schwer für Bildung zu motivieren. Mein Stadtteil hat sich auch verändert. Überall sprießen Barbershops, Dönerläden, Kioske, Spielhallen und Shisha-Bars. Weiße Transporter ohne Beschriftung fahren Pakete aus. Inhabergeführte Fachgeschäfte gibt es kaum noch. Die Politik hat die Entwicklung ignoriert. Ein Projekt wie das Kochbuch in Marxloh ist dort ein kleiner Lichtblick. Ehrenämter können aber nicht staatliches Versagen vollständig ausgleichen. Vielleicht könnte irgendwo ein Tiny-House als Projekt entstehen. Örtliche Firmen könnten Paten sein u. Azubis begeistern. Das duale Ausbildungssystem wird ohnehin stärker gefordert sein. Wenn zumindest Mathe klappt, können Sprachdefizite allmählich abgebaut werden.
Das wissen wir Alle ! Die dusslige Armutsmassenmigration aus unterentwickelten Entwicklungsländern ist das Schlimmste für die autochthone dt. Mehrheitsgesellschaft, das sich luschige Politiker jemals ausgedacht haben, Sie meinen sogar wahnhaft, "Demokratie sei nur darauf reduziert, daß man sie wählen, aber nicht abwählen dürfe" . Nur der Österreicher hat Deutschland mehr ruiniert, als bornierte Mutti Merkel,Frank Walter,Olaf,Robert,Ricarda,Wadefool, Radovan und die vielen anderen Staatsschauspieler des politischen Establishments, die sich absurd "Volksvertreter" nennen.
@Anonym, was für herzliche, hässliche Weihnachtsgrüße, die sollte man für Weihnachten und zum Neuen Jahr Mal ablegen.
In diesem Zusammenhang sei hingewiesen,daß Frank Walter heute abend wieder seinen großen,einmaligen jährlichen Auftritt in seiner Amtstätigkeit hat und uns vom Teleprompter abgelesen , "mehr Mut", wenn auch nur "ein Fünkchen mehr" davon wünschen wird ! Klar ! Frank Walter; auf diese Sensation haben wir Alle bereits seit 1 Jahr sehnsüchtig gewartet und jetzt wissen wir auch wieder, wos mit uns hin gehen soll ! Not my president !