Neue Grenzwerte: NRW hat die meisten Orte mit dreckiger Luft
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Weil Schadstoffe wie Feinstaub und Stickoxide als gesundheitsgefährdend gelten, verschärft die Europäische Union ab 2030 die Grenzen des Erlaubten. Eine Datenauswertung zeigt: In NRW gibt es noch am meisten zu tun.
Von Julian Budjan und Leonhard Eckwert
Zwar hat Nordrhein-Westfalen zum zweiten Mal in Folge an allen 140 Messstationen die aktuellen Obergrenzen für Stickstoffdioxid (NO2) und verschiedene Feinstaub-Partikel (PM2,5, PM10) eingehalten. Doch die Belastungen stiegen insgesamt wieder leicht an. Das zeigt eine WDR-Auswertung der nun für das Jahr 2025 durch das Umweltbundesamt (UBA) validierten Daten.
Gleichzeitig haben sich die Mitgliedsländer der Europäischen Union unlängst auf strengere Grenzwerte für Schadstoffe verständigt, um das Gesundheitsrisiko zu senken. Sie sollen in vier Jahren in Kraft treten. Und hier zeigen die Messwerte: Aktuell würden mehr als 70 Prozent aller Standorte in NRW mindestens einen der künftig erlaubten Werte überschreiten – so viele wie in keinem anderen Bundesland.
Warum die Grenzwerte ab 2030 verschärft werden
Verschiedene internationale Studien haben in den vergangenen Jahren bestätigt, dass die Gase, die im Autoverkehr und der Industrie freigesetzt werden, gefährlicher sind als gedacht. Die bald 20 Jahre alten EU-Grenzwerte gelten als nicht mehr zeitgemäß.
Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Schlaganfälle, Krebs und Todesfälle – all das können diese Abgase beim Menschen auslösen. Die Europäische Umweltagentur (EEA) spricht allein für das Jahr 2022 von über 32.000 vorzeitigen Todesfällen durch Feinstaub und über 9.000 durch Stickstoffdioxid in Deutschland.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2021 als Reaktion auf die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse ihre Empfehlungen für Schadstoffkonzentrationen in der Luft deutlich abgesenkt. Die neuen EU-Grenzwerte erlauben ab 2030 weiterhin teilweise doppelt so hohe Belastungen.
NRW hat das größte Problem mit Stickoxiden
Dennoch muss bis dahin in NRW noch viel passieren. Die Unterschiede zu den anderen Bundesländern sind besonders beim Stickstoffdioxid groß. Während bundesweit etwa ein Drittel der Stationen die künftigen NO2-Grenzen für Tages- oder Jahreswerte überschreitet, sind es in NRW anteilig fast doppelt so viele (68 Prozent). Selbst in Berlin, dem Land mit den prozentual zweitmeisten Überschreitungen, sind es deutlich weniger (54 Prozent).
Beim Blick auf die Messwerte städtischer Stationen fällt auf: Sie liegen durchschnittlich 25 Prozent über dem künftigen Jahres-Grenzwert. Einzelne Stationen in Essen, Dortmund, Düsseldorf, Oberhausen und Wuppertal messen Belastungen, die mehr als 50 Prozent zu hoch sind.
Beim Feinstaub gibt es insgesamt weniger Überschreitungen der künftigen Schwelle. Die Konzentration des besonders gefährlichen ultrafeinen Feinstaubs (PM2,5) ist aber dennoch an mehr als jeder dritten Messstation zu hoch. Beim grobkörnigeren Feinstaub (PM10) gibt es an acht Prozent der NRW-Stationen Überschreitungen.
Messwerte aus 2025 dienen als Frühwarnsystem
In seinem Bericht zur Luftqualität im Jahr 2025 schreibt das Umweltbundesamt, dass auch das regenarme Frühjahr im Februar und März 2025 dazu beigetragen habe, dass die Belastungen durch Feinstaub und Stickstoffdioxid sich im Vergleich zum Vorjahr leicht erhöht haben. Denn Regen helfe, die Schadstoff-Partikel aus der Luft zu waschen.
Die EU-Luftqualitätsrichtline sieht vor, dass spätestens mit den Messwerten aus dem Jahr 2026 für jede Stadt konkrete Prognosen erstellt werden müssen, ob die neuen Grenzwerte ab 2030 realistisch einzuhalten sind. Falls nicht, müssen spätestens dann konkrete Maßnahmen ergriffen werden. Hohe Überschreitungen aus 2025 können also als Frühwarnsystem dienen.
-> Karte: So schneiden die Messstationen in NRW ab
Einige der genannten NRW-Städte mit hoher Luftverschmutzung haben in den vergangenen Jahren schon Anstrengungen unternommen, um die Schadstoffbelastung zu verringern.
Einige betreiben ein eigenes städtisches Luftmessnetz wie die Stadt Düsseldorf, um, so heißt es, “ein differenzierteres, vollständigeres Bild der Luftqualität” zu bekommen. Und sie ergreifen vor allem verkehrliche Maßnahmen, die in sogenannten Luftreinhalteplänen festgehalten werden. Das ist eine Vorgabe der EU für Städte, die Grenzwerte in der Vergangenheit mehrfach nicht eingehalten haben.
Maßnahmen können niedrigere Tempolimits und LKW-Verbote auf einzelnen Straßen sein, ein Ausbau der Radinfrastruktur oder Elektrifizierung des ÖPNV, mehr Park-and-Ride-Möglichkeiten oder ein intelligenteres Ampel- und Verkehrsführungssystem.
Verbände wie die Deutsche Umwelthilfe haben in der Vergangenheit in einzelnen Städten einige dieser Maßnahmen auch kritisiert. Der Vorwurf: Viele Maßnahmen konzentrierten sich nur auf die Bereiche rund um die spärlich aufgestellten Messstationen der Landesumweltämter.
Maßnahmen könnten vielerorts nicht ausreichen
Düsseldorf und Essen haben es in den vergangenen zehn Jahren geschafft, die Stickstoffdioxidwerte um bis zu 40 Prozent zu senken, die derzeit geltenden Grenzwerte einzuhalten und Fahrverbote abzuwenden. Mit Blick auf die strengeren Vorgaben ab 2030 dürfte das jedoch nicht ausreichen. An einzelnen Messstellen werden in beiden Städten weiterhin deutlich zu hohe Schadstoff-Belastungen gemessen.
Die meisten Städte in NRW haben bislang noch nie einen Luftreinhalteplan aufgestellt. Spätestens ab kommendem Jahr müssten sie das nachholen, wenn absehbar ist, dass sie die künftigen Grenzwerte bis 2030 ohne zusätzliche Maßnahmen verfehlen.
Unsere Quellen:
- Bericht zur Luftqualität 2025 des Umweltbundesamtes
- Hintergrundgespräch mit dem Umweltbundesamt
- Luftreinhaltepläne der Städte Düsseldorf und Essen
- Studienrecherche in Kooperation mit Quarks.de
Sendung: WDR 5, WDR aktuell, 11.02.2026, 06.00 Uhr