Fall Ulmen-Fernandes | Aktuelle Stunde

WDR 03:24 Min. Verfügbar bis 28.03.2028

Collien Fernandes' Kampf gegen digitale Gewalt: Eine Chronik

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In Berlin und Münster gab es am Sonntag (22. März) Demos gegen sexualisierte digitale Gewalt gegen Frauen, am Samstag (28. März) auch in Köln. Anlass ist der Fall Collien Fernandes. Eine Chronik.

Es ist ein Albtraum für jede Frau: Pornografische Fake-Fotos und -Videos, die täuschend echt aussehen, kursieren im Internet. Genau das ist der Schauspielerin Collien Fernandes widerfahren. Und dagegen wehrt sie sich seit Jahren. Mit einer via KI erstellten Stimme, die ihre eigene imitiert habe, sollen Menschen sogar Telefonsex gehabt haben.

Wer dahinter steckt, wusste Fernandes lange Zeit nicht, wie sie kürzlich dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" erzählte. Inzwischen steht für sie der Verantwortliche fest: Sie beschuldigt ihren Ex-Ehemann Christian Ulmen. Bewiesen ist das bislang nicht. Der Anwalt von Ulmen teilte mit, die "Spiegel"-Berichterstattung sei aus mehreren Gründen rechtswidrig.

Bei einem Treffen mit einem Bekannten flog alles auf

Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes 2024 bei "hart aber fair"

Collien Fernandes

Los ging es offenbar mit Deepfake-Pornos. Das sind Sexvideos, bei denen das Gesicht von Collien Fernandes auf fremde Körper montiert wurde. Im "Spiegel"-Interview sagte sie, dass solche Deepfake-Pornos nicht nur im Internet verbreitet worden seien. Sie seien auch mit Sexnachrichten versehen an Männer aus ihrem Umfeld verschickt worden. Und zwar über viele Jahre hinweg über falsche Social-Media-Accounts in ihrem Namen und ohne ihr Wissen, wie Fernandes sagt.

Auf die Bilder und Pornos ist die Schauspielerin nach eigenen Angaben gestoßen, als sie sich mit einem Bekannten traf - wann das genau war, ist nicht bekannt. Er sprach sie auf Nacktbilder und schlüpfrige Nachrichten an, die sie ihm geschickt haben soll, aber in Wahrheit wohl von einem der Fake-Accounts stammten. Im Jahr 2024 spricht Fernandes in der ZDF-Dokumentation "Deepfake Pornos: Digitler Missbrauch" über ihre Erfahrungen.

Chronik: So kämpft Collien Fernandes seit Jahren gegen digitale Gewalt

November 2024: Fernandes erstattet laut "Spiegel" in Berlin Strafanzeige gegen Unbekannt wegen der gefälschten Profile. Hierüber sprach Fernandes im Anschluss auch öffentlich. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe in Schleswig-Holstein hatte das Verfahren übernommen, "weil die angezeigte Handlung wohl innerhalb unseres Zuständigkeitsbereiches durch die Anzeigende zur Kenntnis genommen worden ist", hatte Oberstaatsanwalt Peter Müller-Rakow zuvor gesagt. Sie sei darum gebeten worden, für die Ermittlungen relevante Unterlagen zu übersenden.

Da sie der Bitte nicht nachgekommen sei und somit Ermittlungsansätze zur Identifizierung des Täters gefehlt hätten, habe die Staatsanwaltschaft Itzehoe das Verfahren später eingestellt. Fernandes hatte im "Tagesspiegel" dieser Darstellung widersprochen.

Dezember 2024: Fernandes gibt der F.A.Z ein Interview über ihre Suche nach dem Täter. Der Zeitung sagte sie, sie wisse von unwillentlich erstellten Nacktbildern und Pornovideos von sich seit mehr als 20 Jahren. Nur sei bis vor zwei, drei Jahren immer klar gewesen, dass diese Fotos und Videos nicht echt seien. Das habe sich geändert. Die Technik sei mittlerweile so gut, dass dieses Material nicht mehr von realen Aufnahmen zu unterscheiden sei.

25. Dezember 2024: Collien Fernandes ist laut "Spiegel" mit ihrem damaligen Ehemann Christian Ulmen in einem Hotelzimmer in Hamburg, als er in einem Interview von der Anzeige gegen Unbekannt liest. Daraufhin soll er ihr gebeichtet haben, dass er hinter den Fake-Profilen stecke.

9. Januar 2025: Nachdem es um den Jahreswechsel 2024/2025 keine Posts auf dem Instagram-Kanal von Fernandes gab, postet sie ein Bild, auf dem sie angeschlagen aussieht. Dazu die Worte: "Da sich einige über die lange Social-Media-Abstinenz wunderten, hier ein kleines Update aus meinem bisherigen 2025: Grippe. 40 Grad Fieber. Schüttelfrost. Bett."

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September 2025: Fernandes und Ulmen geben in einer gemeinsamen Stellungnahme bekannt, dass sie sich bereits vor einiger Zeit getrennt haben. "Als Paar gehen wir fortan getrennte Wege, doch als Eltern werden wir weiterhin gemeinsam für unsere Tochter da sein. Wir bitten darum, von Anfragen in dieser Angelegenheit Abstand zu nehmen", heißt es in der Stellungnahme. 

Ende 2025: Auf Mallorca erstattet Fernandes laut "Spiegel" erneut Anzeige - diesmal nicht gegen Unbekannt, sondern gegen Christian Ulmen. Nach Mallorca waren Fernandes und Ulmen mit ihrer Tochter im Jahr 2023 ausgewandert.

Fernandes gibt dem "Spiegel" in diesem Zeitraum mehrere Interviews, in denen sie ausführlich über die ihr widerfahrene digitale Gewalt spricht.

13. März 2026: In der WDR-Talkshow "Kölner Treff" spricht Fernandes erneut über ihre jahrelange Albtraumgeschichte. Sie ist dabei sichtlich bewegt, nennt aber keinen Täter-Namen.

19. März 2026: Der "Spiegel" veröffentlicht seine aufsehenerregenden Recherchen - die Berichterstattung löst eine lebhafte Debatte aus.

20. März 2026: Fernandes äußert sich in den ARD-Tagesthemen und sagt, Deutschland sei ein Täterparadies, es gebe gesetzliche Schutzlücken. Das soll sich offenbar ändern. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) will nächste Woche einen Gesetzentwurf auf den Weg bringen, der solche Lücken schließen oder zumindest verringern soll.

Schilder einer Demonstration zeigen Schriften wie "Patriachat schützt Täter"

Demo gegen sexualisierte digitale Gewalt am 22. März 2026 in Münster

22. März 2026: In Deutschland gibt es Demos gegen digitale Gewalt. Unter anderem in Münster waren um die 100 Menschen auf der Straße. Die größte Demo gab es in Berlin, wo 2.500 Teilnehmende demonstrierten. Auch Collien Fernandes hat dazu aufgerufen.

25. März 2026: In Hannover gibt es eine größere Demo gegen sexualisierte Gewalt an Frauen.

26. März 2026: Am Rathausmarkt in Hamburg demonstrieren Tausende gegen digitale Gewalt gegen Frauen. Protestiert wurde unter dem Motto "Es reicht! Die Scham muss die Seite wechseln" für mehr Schutz für Opfer sexualisierter Gewalt. Mit dabei: Collien Fernandes: Auf einer Bühne am Rathausmarkt stockt ihr immer wieder die Stimme: "Ich wollte hier rauskommen und stark sein, aber ich schaff's gerade nicht", sagt die Schauspielerin. "Ich stehe jetzt hier mit einer schusssicheren Weste, mit Polizeischutz und mit Security, weil ich Morddrohungen bekomme. Weil Männer - zu 100 Prozent Männer - mich killen wollen", erklärt die 44-Jährige in brauner Lederjacke. "Da muss man sich nicht mehr wundern, dass so viele Frauen einfach auch den Mut nicht haben, rauszugehen und zu sagen, dieses und jenes wurde mir angetan", fügt sie hinzu.

27. März 2026: Der Anwalt von Christian Ulmen, Christian Schertz, hat sich erstmals inhaltich zu den Vorwürfen gegen seinen Mandanten geäußert.

Schertz teilte schriftlich mit: "Unser Mandant hat zu keinem Zeitpunkt Deepfake-Videos von Frau Fernandes oder anderen Personen hergestellt und/oder verbreitet."

Weiter heißt es: "Nach derzeitiger Kenntnis wird dieser Vorwurf, anders als teilweise verlautbart, auch überhaupt nicht erhoben. Mit der aktuell geführten Debatte über Strafbarkeitslücken bei Deepfake-Pornografie stehen die Geschehnisse mithin in keinem Zusammenhang", erklärte der Medienanwalt. Er kündigte zugleich an, aktuell gegen die "initiale Berichterstattung" des "Spiegels" gerichtliche Schritte einzuleiten. Näher ins Detail ging er dabei nicht.

Die Unschuldsvermutung im Fall Ulmen/Fernandes

COSMO 25.03.2026 05:13 Min. Verfügbar bis 28.03.2027 COSMO


Fernandes hatte in dem "Spiegel"-Bericht auch Vorwürfe wegen körperlicher Gewalt erhoben. Dazu teilte Ulmens Anwalt mit: "Es kam zu keinerlei einseitigen Gewalthandlungen und/oder Bedrohungen unseres Mandanten." Schertz sprach von "körperlicher Gewalt an unserem Mandanten, der eine Verletzung am Hals aufwies".

Fernandes schrieb am Abend bei Instagram: "Es gibt Bilder meiner blauen Flecken. Ich wurde von einer Ärztin der Justiz ausgezogen." Ulmen habe "einen kleinen Kratzer am Hals (weil mir ein Nagel eingerissen war)" gehabt und "hat selbst der Polizei gegenüber geäußert, dass ich ihm keinerlei Gewalt angetan habe".

27. März 2026: Die Staatsanwaltschaft Itzehoe in Schleswig-Holstein hat die Ermittlungen nach einer Strafanzeige von Fernandes wieder aufgenommen. Nach dem "Spiegel"-Bericht, in dem Fernandes schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Partner erhoben hatte, seien die Ermittlungen in dem eingestellten Verfahren nun wieder aufgenommen worden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Die Auswertung der Berichterstattung habe zur "Bejahung eines Anfangsverdachts" gegen Ulmen geführt, hieß es. Die Ermittlungen richteten sich "nunmehr gegen die benannte Person".

27. März 2026: Das Gericht auf Mallorca, bei dem Fernandes Ende 2025 Anzeige gegen Ulmen erstattete, soll nach Angaben von Ulmens Anwalt das Verfahren ausgesetzt haben, "da es an einer wesentlichen qualifizierten Voraussetzung für die Fortsetzung des Verfahrens fehlt." Auch sämtliche Ermittlungshandlungen seien damit ausgesetzt. Die spanische Justizsprecherin war am Abend telefonisch zunächst nicht zu erreichen.

28. März 2026: Collien Fernandes sagt zu der Reaktion von Ulmens Anwälten im Gespräch mit der Bild-Zeitung: "Er hat pornografische Videos und erotische Fotos verschickt. Dabei war ihm wichtig, dass alles glaubwürdig wirkt und dass das erotische Material privat anmutet, so als habe ich mich heimlich beim Sex gefilmt, selbst nackt aufgenommen. Welche Technik dabei verwendet wurde, muss vor Gericht geklärt werden." Rechtsanwalt Christian Solmecke aus Köln sagt im WDR-Interview zu dem Statement der Ulmen-Anwälte: "Wenn ein Medienanwalt sagt, sein Mandant habe keine Deepfake-Videos erstellt, bleibt viel Raum für Interpretation. Der Kernvorwurf, dass manipuliertes sexuelles Bildmaterial verarbeitet worden ist, wird hier nicht abgeräumt."

28. März 2026: In Köln demonstrieren mehrere tausend Menschen gegen sexualisierte Gewalt an Frauen.

Unsere Quellen:

Sendung: WDR-Fernsehen, Aktuelle Stunde, 28.03.2026, 18.45 Uhr

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