Sieger Özdemir: Der anti-grüne Grüne
Aktuelle Stunde . 09.03.2026. 40:32 Min.. UT. Verfügbar bis 09.03.2028. WDR. Von Mathea Schülke.
Grüner Wahlsieger: Wie die türkische Community Cem Özdemir wahrnimmt
Stand:
Grünen-Politiker Cem Özdemir wird nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg wahrscheinlich der erste Ministerpräsident in Deutschland mit türkischen Wurzeln. Wie nehmen ihn die Menschen wahr, die selbst eine türkische Migrationsgeschichte haben?
Von
Oliver Scheel
Er ist ein Gastarbeiterkind und bezeichnet sich gern als "anatolischer Schwabe": Cem Özdemir, 1965 im schwäbischen Urach (heute Bad Urach) als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren, wird wohl der erste Ministerpräsident in Deutschland mit türkischen Wurzeln.
Wie wird er in der türkischen Community hierzulande wahrgenommen, also von Menschen, die selbst eine türkische Migrationsgeschichte haben, weil sie oder ihre Eltern oder Großeltern dort geboren wurden?
Tuncay Özdamar, Leiter der türkischen Redaktion von WDR Cosmo
"Özdemir ist eine Figur, die die Community ein bisschen spaltet", sagt Tuncay Özdamar, der Leiter der türkischsprachigen Redaktion von WDR Cosmo. "Ein Teil der Community ist stolz, dass ein Gastarbeiterkind es bis nach ganz oben geschafft hat. Er war schon Bundesminister, wird nun Ministerpräsident eines großen Bundeslandes, das finden die Leute toll und viele sind stolz auf ihn."
Özdemir hat eine große Symbolkraft für die Türken. Tuncay Özdamar, WDR Cosmo
Identifikation mit Özdemir? "Die Community ist divers und heterogen"
Cihan Sinanoğlu ist Sozialwissenschaftler und arbeitet für das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) in Berlin. Er glaubt, dass sich sicherlich einige Menschen mit türkischer Migrationsgeschichte mit Özdemir identifizierten. "Aber die Community ist divers und heterogen. Es ist natürlich eine historische Wahl mit einer Aufstiegsgeschichte, die löst emotionale Gefühle aus", sagt er dem WDR. Aber: "Ich weiß nicht, ob diese positiven Gefühle von einem Großteil der Community geteilt werden."
Konservative Türken sehen ihn eher kritisch
Aufgewachsen ist Özdemir in einem muslimischen Elternhaus. Seine Mutter schickte ihn in den evangelischen Religionsunterricht, auch in einer christlichen Jugendgruppe war er lange aktiv. Sein Studium der Sozialpädagogik absolvierte er an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialwesen in Reutlingen.
Viele konservative Menschen sehen ihn daher eher kritisch: Mit "einem etwas mulmigem Gefühl" seien sie unterwegs, sagt Özdamar, denn "Özdemir ist kein Politiker, der die Interessen der Türkei vertritt. Er tritt 'wie ein Deutscher' auf, finden viele."
Und in Deutschland gibt es eine große Anhängerschaft für den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. "Für die türkische Regierung ist Özdemir seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge." Er sei "nur noch dem Namen nach einer von uns", schrieb die türkische Tageszeitung Hürriyet über den Grünen-Politiker.
Das liegt vor allem an seiner Haltung zur Armenienfrage. Özdemir befürwortet eine Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern. Für viele Türken auch in Deutschland ein rotes Tuch.
Distanz zur eigenen Community als politische Strategie
Cihan Sinanoglu, Leitung Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa)
Zudem habe Özdemir immer eine gewisse Distanz zur eigenen Community gewahrt, so Sinanoğlu. "Das gehört aber zum Besteck eines Politikers. Allerdings identifizieren sich dann viele Leute nicht mehr mit ihm. Die sagen dann: 'Er spricht nicht meine Sprache'", erklärt der Experte, der als Presse- und Öffentlichkeitsreferent bei der Türkischen Gemeinde in Deutschland e. V. tätig war. "Die liberal-progressiven Kräfte können ihm sicher sehr viel mehr abgewinnen. Er spielt ja auch eher mit dem Anatolischen, hat damit aber nur bedingt zu tun. Eine starke Verwurzelung dort ist jedenfalls nicht ausschlaggebend", sagt Sinanoğlu. "Diese Mischung aus Bezugnahme und Distanz auf die eigene Community lässt sich auch als politische Strategie lesen", sagt er.
Vorbild vor allem für junge Türken - wichtig für die Demokratie
So ist Özdemirs Haltung zum Islam auch eher neutral, erklärt WDR Cosmo-Redakteur Özdamar: "Özdemir ist ein Vertreter des Laizismus und macht dementsprechend Politik. Er weiß aber auch, dass die meisten Türken in Deutschland eher konservative Wurzeln haben, deshalb tritt er moderat auf. Er akzeptiert den Islam, die Islamisten lehnt er aber ab".
2018 war Özdemir Mitbegründer der "Initiative säkularer Islam". Daher werde er von konservativen Rechten "kritisch beäugt", wie es Sozialwissenschaftler Sinanoğlu formuliert.
Vor allem für junge Türken sei Özdemir aber absolut ein Vorbild, sagt Tuncay Özdamar weiter: "Viele junge Türkinnen und Türken in Deutschland sehen, dass man es mit türkischen Wurzeln bis nach oben schaffen kann. Deutschland gibt den Menschen die Möglichkeit, darauf kann das Land stolz sein. Vielfalt ist eine Stärke dieses Landes, und diese Stärke kann auch die Demokratie in Zukunft wahren".
"Vielleicht wird es nun endlich zur Normalität, dass ein Mensch mit Migrationshintergrund Ministerpräsident werden kann", sagt Cihan Sinanoğlu. Dass dies noch immer als bemerkenswert gilt, zeige allerdings auch, wie lange politische Repräsentation in Deutschland gebraucht habe, um sich zu öffnen. Gerade in Zeiten des Rechtsrucks sei Özdemirs Aufstieg deshalb ein wichtiges Signal.
Es hat eine starke Symbolik, dass er die Wahl gewonnen hat. Cihan Sinanoğlu, DeZIM
Für viele in der Community biete er eine Projektionsfläche - auch für einen gewissen Stolz, so Sinanoğlu. "Gleichzeitig bleibt die offene Frage, ob sich diese symbolische Sichtbarkeit auch in der tatsächlichen Vertretung materieller Interessen und Lebensbedingungen der Community niedergeschlagen hat und niederschlägt".
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Tuncay Özdamar, Leiter der türkischen Redaktion bei WDR Cosmo
- Gespräch mit Cihan Sinanoğlu, Leiter des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors beim DeZIM
- Nachrichtenagentur KNA
Sendung: Hörfunk, WDR 5 Morgenecho, 09.03.2026, 07:05 Uhr