Bodycams zukünftig für Krankenhauspersonal | Aktuelle Stunde
02:32 Min.. Verfügbar bis 19.12.2027.
Krankenhaus-Gewalt: Helfen Bodycams gegen Angriffe auf Klinikpersonal?
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Beschimpfungen, Drohungen, körperliche Angriffe: Der Alltag in vielen NRW-Kliniken ist rauer geworden. Das Klinikum Dortmund will Mitarbeiter mit Bodycams ausstatten. Der Schritt wirft grundsätzliche Fragen auf - nach Sicherheit, Verantwortung und Wirksamkeit.
Von Stefan Erdmann
Viele Kliniken berichten von spürbar mehr Angriffen auf ihr Personal. Das Klinikum Dortmund, wo ab 2026 Bodycams getestet werden sollen, beschäftigt seit einigen Jahren nachts einen Security-Mitarbeiter für die Notaufnahme.
Mitarbeiter tragen keine Namensschilder mehr, aus Angst vor Drohungen von Patienten oder Angehörigen. Es fallen Sätze wie "Ich komme bei dir vorbei" oder "Ich warte auf dem Parkplatz auf dich".
Im Essener Elisabeth-Krankenhaus haben Besucher eines Patienten im September 2024 Mitarbeiter so heftig angegriffen, dass mindestens sechs Angestellte verletzt wurden. Auch dort sind jetzt Security-Mitarbeiter im Einsatz.
Ein schwerkranker älterer Mann war in die Notaufnahme eingeliefert worden und verstarb dort. Als die Ärztin der Familie die Todesnachricht überbrachte, wurde sie sofort mit Schlägen und Tritten attackiert. Die Familie stürmte das Behandlungszimmer, verwüstete es und ging auf fünf weitere Beschäftigte los. Ermittlungen zufolge sind die Beschuldigten Clan-Mitglieder.
Fallzahlen haben massiv zugenommen
Die Zahl der Gewalttaten in Krankenhäusern in NRW ist zwischen 2017 und 2024 um mehr als 34 Prozent gestiegen. Das hatte das Innenministerium auf eine Kleine Anfrage der SPD im Juni 2024 mitgeteilt.
Ein besonders starker Anstieg um 22 Prozent wurde demnach im Jahr 2022 registriert. 2023 kam ein weiterer Anstieg um fast neun Prozent hinzu. Die Gewalttaten - dazu zählen Körperverletzung, aber auch Raub- und Freiheitsdelikte - summierten sich 2023 auf 1.705 Fälle. Das sind vier bis fünf pro Tag.
Wie viele vermeintlich "kleinere" Übergriffe" erst gar nicht angezeigt werden, ist nicht bekannt.
Wieso der Ton rauer wird
Als Hauptursache für Gewalt nennen viele Kliniken einen allgemeinen Respektverlust gegenüber ihrem Personal. In einer repräsentativen Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft vom April 2024 waren knapp drei Viertel der befragten Krankenhäuser dieser Ansicht.
Oft hingen Übergriffe aber auch damit zusammen, dass Patienten betrunken waren, Schmerzen hatten oder durch ihre Krankheit beeinträchtigt waren - beispielsweise durch Demenz oder psychische Erkrankungen. Lange Wartezeiten gaben 40 Prozent der Kliniken als Grund für Gewalt an.
Simon Härtel
Die Entscheidung für Bodycams in Dortmund ist umstritten. Ér sei nicht überzeugt, dass Kameras eine deeskalierende Wirkung haben, erklärte Simon Härtel, Pflegedirektor im Ev. Krankenhaus Mülheim an der Ruhr, gegenüber dem WDR. Wenn Patienten ohnehin schon aggressiv seien, könnten Bodycams sogar einen gegenteiligen Effekt haben: "Hören Sie mal, warum nehmen Sie mich jetzt noch auf?"
Nutzen von Bodycams nicht eindeutig
In Dortmund teilt man diese Bedenken nicht. Vielmehr erhofft sich das Klinikum eine vorbeugende und deeskalierende Wirkung. Im Falle von Straftaten könnten die Bodycam-Aufnahmen außerdem der Beweissicherung dienen.
Ob Bodycams aber wirklich abschreckend wirken, ist zumindest bei Polizei-Einsätzen umstritten. Das Nationale Zentrum für Kriminalprävention hat unterschiedliche Studien zum Thema analysiert. Keine der Studien konnte "eine positive, kriminalpräventive Wirkung beim Einsatz von Bodycams nachweisen".
Eine überraschende Beobachtung ergab eine Studie des Instituts für Polizei- und Kriminalwissenschaft der FH für öffentliche Verwaltung NRW aus dem Jahr 2019:
Zwei Bundespolizisten am Kölner Hauptbahnhof tragen Bodycams im Einsatz.
Sechs Polizeiwachen in NRW wurden dabei beobachtet. In den untersuchten Schichten mit Bodycams seien überraschend mehr Polizisten angegriffen worden als in denen ohne Kameras. Die Wissenschaftler vermuten, dass das an den Polizisten liegen könnte. Sie könnten sich besonders korrekt und "unangemessen zurückhaltend" benehmen, weil sie wissen, dass auch sie aufgezeichnet werden. Und dass könnte tätliche Angriffe begünstigen.
Bodycam-Einsatz in sensiblen Bereichen schwierig
Das Klinikum Dortmund will in seinem Pilotversuch Kameras ausschließlich in kritischen Situationen einschalten lassen, nicht aber während einer medizinischen Behandlung oder einer vertraulichen Situation. Vor dem Einschalten soll dem Gegenüber klar gemacht werden, dass Bilder gemacht werden.
In Krankenhäusern ist der Schutz von sensiblen Patientendaten und Persönlichkeitsrechten besonders entscheidend.
Wie dabei die Umsetzung von Datenschutz und Persönlichkeitsrechten von Patienten gewährleistet werden soll, ist fraglich. Insbesondere der Schutz unbeteiligter Patienten, etwa auf Krankenhausfluren, dürfte nur schwer umsetzbar sein. Denn meist lässt schon die Fachabteilung Rückschlüsse auf Krankheiten oder Aufenthaltsgründe zu, beispielsweise in der Psychiatrie, Suchtmedizin oder auf der Geburtsstation.
Klinik-Sicherheit: Einfache Lösung gibt es nicht
Sollten Bodycams trotz unter anderem rechtlicher Hürden in Notaufnahmen zum Einsatz kommen, dürften sie nur ein Baustein unter vielen zur Verbesserung der Sicherheit sein.
Notaufnahmen setzen auf Security-Kräfte wie in Dortmund oder Essen, aber auch auf Schulungen des Krankenhauspersonals. Die Evangelischen Krankenhäuser in Herne, Castrop-Rauxel und Witten beispielsweise trainieren neue Mitarbeiter ab dem ersten Arbeitstag im Umgang mit Aggression und Gewalt.
Speziell für Gesundheitsberufe haben die Ärztekammern in NRW, das Klinikum Leverkusen und die Polizei Recklinghausen ein Deeskalationstraining entwickelt. Auch das soll Krankenhaus-Mitarbeiter auf aggressive Patienten vorbereiten.
Landesregierung schafft Präventionsnetzwerk "Sicher im Dienst"
Das Training ist Teil des Präventionsnetzwerks "Sicher im Dienst" der Landesregierung. Es soll mit verschiedenen Maßnahmen den Öffentlichen Dienst generell sicherer machen.
Dass dazu auch ein gebündelter Einsatz von Bodycams in Kliniken gehört, ist momentan nicht absehbar. Zumindest möchte die Landesregierung das derzeit nicht koordinieren, machte das Gesundheitsministerium zuletzt im Mai deutlich.
Die Krankenhäuser müssten selbst entscheiden, ob und wie sie Kameras im Rahmen der rechtlichen Bestimmungen nutzen wollen. Entscheidend werden dabei auch die Erfahrungen aus dem bundesweit ersten Bodycam-Pilotprojekt am Klinikum Dortmund sein.
Unsere Quellen:
- PDF: "Die deeskalierende Wirkung von Bodycams im Wachdienst der Polizei Nordrhein-Westfalen", Institut für Polizei- und Kriminalwissenschaft der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW (2019)
- PDF: "Effekte von Bodycams zur Prävention von Gewalt gegen Polizeikräfte", Nationales Zentrum für Kriminalprävention (2021)
- PDF: "Antwort der Landesregierung NRW auf die Kleine Anfrage 3804", Drucksache 18/9541 (2024)
- "Gemeinsam gegen Gewalt im Gesundheitswesen: Deeskalationstraining speziell für Gesundheitsberufe entwickelt"
- "Ev. Krankenhausgemeinschaft ist Partner im Netzwerk #sicherimDienst"
- PDF: Polizeiliche Kriminalstatistik NRW 2024, "Spezielle Tatörtlichkeiten"
- Präventionsnetzwerk "Sicher im Dienst"
- Simon Härtel, Pflegedirektor im Ev. Krankenhaus Mülheim an der Ruhr
- Bisherige WDR-Berichterstattung
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 19.12.2025, 18.45 Uhr