Die Zahl der Alleinlebenden in Deutschland steigt - und sie ist höher als im EU-Schnitt. Aus Sicht von Franz Neyer, Professor für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Jena ist das aber nicht unbedingt etwas Schlechtes. Es gebe hierzulande eine Kultur, die das Alleinleben in den vergangenen Jahrzehnten sehr gefördert habe. "Und das ist ja nichts Schlechtes, sondern auch eine Errungenschaft der Moderne, dass Menschen ihren Lebensstil eigenständig wählen und sich auch leisten können", sagte Neyer dem WDR.
Ein paar konkrete Zahlen: In Deutschland leben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 17 Millionen Menschen allein – das ist gut jede fünfte Person hierzulande. Besonders häufig leben ältere Menschen allein, aber auch die Zahlen bei Jüngeren liegen über dem EU-Schnitt.
NRW leicht unter dem Bundesschnitt
In NRW gab es im Jahr 2024 insgesamt rund 3,46 Millionen Alleinlebende. Mit 19,4 Prozent liegt ihr Anteil leicht unter dem Bundesdurchschnitt. In absoluten Zahlen leben die mit Abstand meisten Alleinlebenden in NRW in Köln (256.000), gefolgt von Düsseldorf (161.000), Essen und Aachen (je 131.000). Betrachtet man die Zahl der Alleinlebenden im Verhältnis zur Einwohnerzahl, liegen Münster (26,9 Prozent), Düsseldorf (26,3 Prozent) und Bochum (25,6 Prozent) vorne.
Von den insgesamt 3,46 Millionen alleinlebenden Menschen in NRW ist mehr als ein Drittel 65 Jahre oder älter, wie das Statistische Landesamt NRW auf Basis erster Ergebnisse des Mikrozensus 2024 dem WDR mitteilte. In konkreten Zahlen sind das fast 1,3 Millionen Menschen.
Gründe für das Alleinleben sind unterschiedlich
Das Alleinleben kann verschiedene Gründe haben. "Es gibt solche, die freiwillig diesen Lebensstil suchen und andere, die in eine solche Situation hineingeraten sind", so Neyer. Manche kommen mit diesem Lebensstil besser zurecht, während andere eher darunter leiden.
Franz J. Neyer, Professor für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Uni Jena
Untersuchungen zeigen dem Psychologen zufolge, dass die soziale Einbettung zwischen alleinlebenden Personen extrem unterschiedlich ist. Ein Teil habe ein relativ kleines Netzwerk, das aus wenigen Freunden oder Familienmitgliedern besteht. Andere hätten ein Netzwerk mit unterschiedlichen Beziehungspartnern. Fest steht aus Sicht von Neyer: "Zwischen Alleinleben und Einsamkeit besteht kein kausaler Zusammenhang." Es sei nicht das Alleinleben an sich, dass zu Einsamkeit führe, sondern die soziale Einbettung, die als mangelhaft erlebt werde.
Laut Neyer zeigen Studien, dass in den vergangenen Jahrzehnten, gerade unter jungen Erwachsenen, die Einsamkeitsgefühle etwas zugenommen haben. Das könne mit veränderten strukturellen Bedingungen des jungen Erwachsenenalters und des Jugendalters zusammenhängen.
Die Lebensphase sei weniger strukturiert, weniger vorgegeben, als es früher der Fall war. Menschen könnten unterschiedliche Lebensentwürfe ausprobieren, seien viel freier in der Lebensgestaltung. Und damit hätten sie möglicherweise auch höhere Risiken für Einsamkeitserfahrungen.
Wie man Einsamkeit überwinden kann
Neyer zufolge gibt es einfache Möglichkeiten, aus der sozialen Isolation - sofern vorhanden - herauszutreten. "Zum Beispiel, in dem man sich vornimmt, Vereinen beizutreten oder in der Nachbarschaft Kontakte zu aktivieren", so der Psychologe.
Weitere Möglichkeiten laut Neyer:
- Sich ehrenamtlich engagieren
- Kochabende oder andere Gruppenaktivitäten wahrnehmen
- Selbsthilfegruppen beitreten oder Online-Angebote nutzen, die bei Einsamkeit Hilfe anbieten
- Beratungsstellen kontaktieren, zum Beispiel das Kompetenznetz Einsamkeit
Mitunter kann das Überwinden von Einsamkeit schwieriger sein
Viele Menschen sind laut Neyer aber auch deswegen einsam, weil sie Angst haben vor sozialer Ablehnung, weil sie negativ über sich oder andere denken. "Und das sind kognitive Verzerrungen, wie wir das in der Psychologie beschreiben, die man ändern kann, die aber möglicherweise schwerer angehbar sind, als diese einfachen Hinweise, wie man soziale Kontakte im Alltag aktivieren kann."
Unsere Quellen:
- Statistisches Bundesamt laut Pressemitteilung
- Zahlen des Statistischen Landesamtes NRW auf WDR-Anfrage
- Franz Neyer, Professor für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Jena, gegenüber dem WDR