Tradition aus Ton: Der letzte Pottbäcker vom Niederrhein
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Paul Lutz Weynans aus Tönisberg versucht, eine alte Tradition zu bewahren. Er töpfert bunte Keramik, auch Irdenware genannt. Ein Einblick in seine Töpferwerkstatt und seine Faszination für die Geschichte hinter den Keramiktellern.
Von Juliette Nichols
Ein lautes Brummen und die Tonrührmaschine springt an: Paul Lutz Weynans mischt in einem großen Gefäß Ton aus dem Westerwald mit Sand aus seiner Heimat Tönisberg. "Heutzutage kann ich nicht mehr den Ton abgraben, die ganzen Tonvorkommen hier am Tönisberg sind alle erschöpft", erklärt Weynans.
Die Mischprozedur nennt sich "Magern", damit stellt Weynans sicher, dass der Ton trockener wird und die Keramik später fester. Seit mehr als 15 Jahren töpfert der 63-Jährige. Seine Werkstatt ist voll von alten Geräten, Gussformen, fertigen und unfertigen Keramiken. Man könnte sie auch mit einem Töpfermuseum verwechseln.
Ein Mann, ein Ofen, viel Leidenschaft: Paul Weynans und die Kunst des Pottbäckers
Lokalzeit aus Düsseldorf. 13.01.2026. 02:34 Min.. Verfügbar bis 13.01.2028. WDR. Von Juliette Nichols.
Die Gussformen sind teils hunderte Jahre alt, die Tonpressmaschine hat immerhin mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel. Mit dieser presst Weynans den Ton zu festen Zylindern zusammen, das sei "ein richtiger Kraftakt". Am liebsten töpfert er Teller. Mit seinen Händen höhlt er den Tonklumpen auf der Drehscheibe aus, nach und nach entsteht die typisch niederrheinische Tellerform.
Töpferhandwerk: Vergessene Traditionen wiederbeleben
Vor zweihundert Jahren gehörten Hochzeitsteller, Geburtsteller oder Konfirmationsteller zum guten Ton, doch die alten Traditionen wurden vergessen. Weynans versucht, diese wieder aufleben zu lassen: "Tradition und Brauchtum sind ein wichtiger Bestandteil für die Heimatpflege, und man sollte immer seine Wurzeln kennen. Vor allem in der heutigen Zeit ist dieses Bewusstsein wichtig - auch für junge Leute."
Über sein Archäologiestudium kam Weynans zum Töpferhandwerk. Bei Ausgrabungen am Niederrhein findet er immer wieder Scherben, das sind Brennversuche von Töpfern damals, sie wurden auch Pottbäcker genannt. "Ich wollte wissen: Wie kommen solche Berge an Scherben zusammen? Wie kompliziert kann das sein?", erklärt Paul Lutz Weynans. Dafür fuhr der 63-Jährige drei Jahre lang über die Grenze nach Holland, wo er einen Töpferkurs für die traditionelle Keramik belegte.
Töpfern als Nebenverdienst der Bauern
Am Ende stellte er fest: Pottbäcker zu sein ist kein leichter Job, beim Töpfern konnte so einiges schiefgehen. "Wenn der Ton im Winter zum Beispiel noch etwas feucht war, dann konnte auch mal die ganze Ladung im Ofen explodieren und dann war alles für die Katz", erklärt der Niederrheiner. Dabei war die Irdenware am Niederrhein vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ein wichtiger Wirtschaftszweig. Aus den Zentren Rheinberg und Sonsbeck wurde die Ware über Amsterdam bis nach Skandinavien exportiert.
Die traditionelle Irdenware von Paul Lutz Weynans wird handbemalt
Noch heute versucht Weynans, möglichst genauso zu arbeiten, wie seine früheren Berufsgenossen. Sobald sich der Teller im lederharten Zustand befindet, bemalt er ihn mit einem Gemisch aus Ton, Wasser und Pigmenten, der sogenannten Engobe. Sie gilt als die älteste Maltechnik der Menschheit. Anders als bei modernen Metallglasuren bekommt die Keramik damit eine warme, erdverbundene Farbe - das sei typisch für den Niederrhein, erklärt der Töpfer.
Der Beruf Pottbäcker rentiert sich nicht mehr
Beim Verzieren kann sich Weynans besonders kreativ ausleben. "Es ist halt Kunsthandwerk", betont er und ritzt konzentriert eine Tulpe in den Teller ein. Nur leider fehle die Wertschätzung für handgemachtes Kunsthandwerk. "Die wenigsten geben 200 Euro für einen Teller aus", sagt er bedauernd.
Weynans arbeitet eigentlich im Kulturamt der Stadt Kempen, das Töpfern hebt er sich für die Freizeit auf. Einen Auftrag holt er gerade aus dem Ofen heraus: Es ist ein Teller für den Heimatverein Tönisberg mit dem heiligen Antonius Abbas und seinem Schwein. "Es ist natürlich schön, Teil der Tradition zu sein. Und hoffentlich wird jemand in 100 Jahren sagen: Ja, das war der Weynans, der letzte Pottbäcker, der hier gearbeitet hat", sagt er und fügt hinzu: "Wer weiß, vielleicht wird sich ja noch so jemand finden."
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Düsseldorf, 13.01.2026, 19.30 Uhr.