Ostwestfalen statt Aleppo: Wie ein Syrer zum zweiten Mal Apotheker wurde
Stand:
In Syrien führte Kaniwar Mohamed zwei Apotheken. Dann zwang ihn der Bürgerkrieg zur Flucht. Vor zehn Jahren kam er nach Deutschland und musste bei null anfangen. Wie Mohamed es geschafft hat, jetzt auch in Deutschland in seinem Beruf arbeiten zu können - als Apotheker.
Von Jan-Ole Niermann
Vor Kaniwar Mohamed steht ein Mann mit Kinderwagen, der nur Persisch versteht. Er reicht dem Apotheker das Handy und Mohamed spricht auf Deutsch in eine Übersetzungs-App: "Das Kind ist versichert, aber die Salbe kann man nur so kaufen." Langsam und mit Gesten erklärt Mohamed auch noch, wie ein Nasenspray anzuwenden ist. Aus seiner eigenen Geschichte weiß er noch, wie es ist, in Deutschland anzukommen und nur wenig zu verstehen. "Wir kennen jeden Kunden, der hier reinkommt", sagt Mohamed, als es kurz ruhig geworden ist in der Apotheke in Haaren. "Ich kenne fast jeden Kunden, was er für Medikamente nimmt."
Zwischen neuem Zuhause und Heimatweh
Seit zehn Jahren lebt der 41-Jährige in Deutschland, zunächst in Marsberg im Sauerland. Jetzt in Bad Wünnenberg-Haaren im Kreis Paderborn. "Ich fühle mich schon hier zu Hause, aber Heimat bleibt Heimat. Also wo man groß geworden ist, wo man seine Kindheit verbracht hat, das ist Heimat", sagt Mohamed nachdenklich. "Darum heißt es ja auch Heimatweh."
Syrischer Apotheker in Bad Wünnenberg
Lokalzeit OWL. 18.12.2025. 03:13 Min.. Verfügbar bis 18.12.2027. WDR. Von Jan-Ole Niermann.
Mohamed hatte schon früh den Wunsch, Apotheker zu werden: "In Syrien hatte mein Onkel eine Apotheke", erinnert er sich. "Ich mag Medizin, aber ich kann kein Blut sehen und kann kein Arzt werden." Darum entschied sich Mohamed, Pharmazie zu studieren. Vor seiner Flucht betrieb er sogar zwei Apotheken in Aleppo.
Doch während des Bürgerkriegs musste er seine Heimat verlassen und die Apotheken aufgeben: "In jeder Sekunde, beim Essen, beim Schlafen. Man hat nur Angst. Das war der entscheidende Moment, wo ich gesagt habe, ich kann hier nicht bleiben." Er sei über das Meer nach Griechenland, zu Fuß sei er dann nach Deutschland gekommen.
Ausländische Fachkräfte als Chance für Apotheken
Seit 2016 beschäftigt sich die Apothekerkammer Westfalen-Lippe verstärkt mit internationalen Pharmazie-Fachkräften. Im Dezember wurde die 1000. Fachsprachenprüfung abgenommen, allein 2024 waren es mehr als 200 Prüfungen. "Wir haben Krankheitsbilder, die wir abfragen, aber auch Arzneimittel", beschreibt Bereichsleiterin Sylvia Prinz die dreiteilige Prüfung.
Allein in Ostwestfalen-Lippe gibt es laut Kammer inzwischen nur noch 391 Apotheken, 20 Prozent weniger als noch vor zehn Jahren. Neben wirtschaftlichem Druck spielt auch der Personalmangel eine Rolle. Darum sei es wichtig, die Fachkräfte möglichst schnell abzuholen, betont Prinz: "Für uns als Apothekerkammer ist es ein großes Anliegen, die ausländischen Apotheker möglichst schnell zu integrieren, weil wir sie unbedingt als Fachkräfte benötigen."
Als Apotheker ist Kaniwar Mohamed in Deutschland sehr gefragt
Nach seiner Ankunft in Deutschland bestand auch Mohamed die Fachsprachenprüfung. Er wollte möglichst schnell wieder in einer Apotheke arbeiten und seinen Beruf ausüben. Dafür hospitierte er mehrere Monate in einer Apotheke in Marsberg. "Das war schwer für mich", sagt Mohamed, immerhin habe er in der Heimat vorher selbst zwei Apotheken geführt. Aber: "Ich wusste, dass ich meinen Traum erreiche: hier Apotheker zu werden."
Nach der Approbation in Deutschland zog Mohamed in den Kreis Paderborn und arbeitet dort seit mehr als zwei Jahren in einer Apotheke. Während er in Aleppo in einer größeren Stadt gelebt hat, gefällt ihm jetzt die Arbeit im ländlichen Bad Wünnenberg-Haaren. "Wir sprechen nicht nur über Medikamente", beschreibt Mohamed die Arbeit in einer Landapotheke und den engen Kontakt mit Patientinnen und Patienten, "auch über Persönliches: Schützenfest!"
Planungen zur Übernahme der Apotheke
Sein Chef Wolfgang Hethey ist 69 Jahre alt und froh, dass er nicht nur einen neuen Mitarbeiter gefunden hat, sondern womöglich sogar einen Nachfolger. "Also, wenn ich so mitkriege, dass die anderen Apotheken zugemacht haben, da kann ich mich nur glücklich schätzen." Die beiden würden sich auch persönlich gut verstehen und ins Team habe sich Mohamed perfekt eingefügt.
Die Pläne für die Übernahme der Apotheke wollen die beiden nun konkretisieren. "Ich bin glücklich, wenn ich Verantwortung übernehme", sagt Mohamed über den Traum, eine eigene Apotheke zu betreiben. "Ich bin mir sicher, dass ich das schaffe. Ich habe das schon mal geschafft."
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit OWL, 18.12.2025, 19.30 Uhr.