Aeham Ahmads Blick ist in sich versunken. Er sitzt an einem schwarzen Piano in seinem Wohnzimmer in Warburg-Daseburg. Unter ihm ein gemusterter Teppich. An den Wänden hängen Fotos aus seinem Wohnviertel in Syrien. Dort sitzt er inmitten von Trümmern. Vor ihm sein Klavier.
Das Lied, das Ahmad in seinem Wohnzimmer spielt, erzählt die Geschichten der Opfer des syrischen Bürgerkrieges. Die Geschichte derer, die ihrer geliebten Menschen und ihrer Zukunft beraubt wurden. Sie ist auch ein Stück weit Ahmads eigene Geschichte. Er hat in Syrien studiert und war dort Pianist. Mit seiner Musik wollte er während des Krieges Zuversicht verbreiten. "Die Menschen waren verzweifelt. Assad hat auf sie schießen lassen in den Straßen. In der Zeit der Belagerung war die Musik wie das Radio für die Menschen", erinnert er sich.
Als Pianist im Bürgerkrieg
Mit heute 37 Jahren blickt Aeham Ahmad auf ein Leben ständiger Kämpfe zurück. Der Kampf um die eigene Identität, um Anerkennung - und um das eigene Leben. Seine Kindheit und Jugend hat er in einem inoffiziellen Flüchtlingslager vor der syrischen Hauptstadt Damaskus verbracht. Sein Vater war palästinensischer Flüchtling, wodurch Ahmad von Geburt an staatenlos war.
2013 begann die syrische Armee mit der Belagerung des Viertels. Die Armee schnitt den Zugang zu Lebensmitteln und Medikamenten ab, die Menschen rangen ums Überleben. Nach Schätzungen wurden 75 Prozent der Bevölkerung vertrieben und 1.600 palästinensische Flüchtlinge bei Kämpfen getötet. "Ich habe gesagt: Es lohnt sich nicht mehr, mit der Musik dagegen anzukämpfen. Weil am Ende werden wir alle sterben."
Auf der Suche nach Heimat
Ahmad gibt seine Heimat, deren Staatsangehörigkeit er nie hatte, auf und flieht wie hunderttausende Menschen aus Syrien nach Deutschland. Mit dem, was dann passierte, hätte er niemals gerechnet.
Die Menschen wollen seine Musik und seine Geschichte. Nicht nur in Deutschland. Er spielt Konzerte in Europa, sogar in Japan. Etwa 20 Stück sind es im Monat. Dabei wollte Ahmad eigentlich nie Pianist werden. Sein Vater, selbst Musiker, hatte ihn in Syrien immer dazu gedrängt. Jeden Tag musste er 5 bis 6 Stunden üben.
Aeham Ahmad hat durch seinen Vater die Freude am Klavier spielen entdeckt
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Der kleine Ort Daseburg ist für die fünfköpfige Familie zur Heimat geworden. Vor allem für die drei Kinder, die zwischen fünf und zwölf Jahre alt sind. Sie kennen das Leben in Syrien nicht mehr. "Sie gehen zum Fußballverein oder in den Tischtennisverein. Sie laufen bei den Sternsingern mit und feiern sogar im Schützenverein mit", erzählt Ahmads Frau Tahani.
Mit Ahmad sitzt sie in ihrem Garten gegenüber einer Kirche und beobachtet die Kinder auf dem Trampolin. Es ist idyllisch, friedlich. Aber Ahmad und seine Frau verfolgen die Erinnerungen an den Bürgerkrieg. Ankommen ist für sie nicht so einfach. Als palästinensische Flüchtlinge waren sie in Syrien beide staatenlos, mit dem deutschen Pass haben sie zum ersten Mal eine Nationalität. Die müssen sie mit Leben füllen.
Ein Moslem im Kirchenchor
Während die Familie in Daseburg ist, ist Ahmad meist unterwegs zu seinen Auftritten. Dort trifft er internationale Musiker, aber was er vor allem will, ist endlich irgendwo dazuzugehören. Ein Ort, der ihm dieses Gefühl gibt, ist der Kirchenchor "Neuer Chor Warburg". Aus Chorkollegen seien mit der Zeit Freunde geworden, erzählt er.
Chorkollegen schätzen Aeham Ahmads Art
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Das gemeinsame Singen ist für ihn der perfekte Ausgleich: "Wenn du Solokonzerte spielst in Hamburg oder Berlin, dann bist du der Solist. Aber du bist nicht Teil der Gesellschaft. Und hier fühle ich mich wirklich wie ein Teil der Gesellschaft. Das ist so schön."
Über dieses Thema haben wir auch am 28.03.2025 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit OWL, 19.30 Uhr.