Highspeed, Hunger, Hiebe: Zu Besuch in Deutschlands einziger Jockeyschule
Stand:
Der Beruf des Jockeys ist voller Entbehrungen, gefährlich und hat ein Imageproblem. Trotzdem wollen jährlich dutzende Frauen und Männer Rennreiter werden. Wer sich seinen Traum erfüllen möchte, landet früher oder später in Köln - in der einzigen Jockeyschule Deutschlands.
Von Martin Henning
Traumjob: Jockey
Behutsam legt Sina Schmidt ihrem Hengst Turlow das Geschirr an. Dann hebt sie den Sattel auf den Rücken des mächtigen Pferdes. Sanft streichelt sie seinen Kopf. Turlow antwortet mit einem entspannten Schnauben. Für die 18-Jährige geht es nicht nur darum, den Hengst für den Ritt fertig zu machen. Sondern auch, eine enge Verbindung zum Tier aufzubauen. Die ist wichtig, denn: Gleich wird das Duo mit knapp 70 Stundenkilometern über die Rennbahn in Köln-Weidenpesch galoppieren.
Wie baut man eine Verbindung zum Rennpferd auf?
00:19 Min.. Verfügbar bis 05.11.2027.
Mit vier unterschiedlichen Pferden wird Schmidt an diesem Morgen rennreiten. Sich immer wieder auf neue Konstellationen einstellen zu können, gehört zu den Anforderungen eines Jockeys. Aber Schmidt hat viel Erfahrung mit Pferden: Ihre Eltern haben in ihrer Heimatstadt Nümbrecht einen eigenen Hof. "Als ich das erste Mal auf einem Pferd saß, war ich ein Jahr alt", sagt sie.
Beim Rennreiten entscheiden Nuancen
Die Liebe zum Tier hat sich wie selbstverständlich entwickelt. Und ist so groß geworden, dass die 18-Jährige hauptberuflich Rennreiterin werden möchte. "Man muss einmal im Galopp geritten sein, dann kommt man da nicht mehr raus. Dann kann man es nicht mehr sein lassen", sagt Schmidt und lächelt. Für ihren Traumberuf absolviert sie eine dreijährige Ausbildung. Den letzten Schliff holt sie sich wie alle anderen Auszubildenden in Köln ab: bei einem fünftägigen Lehrgang in Deutschlands einziger Jockeyschule, der German Jockey School.
An diesem Freitagmorgen gehen die Nachwuchsreiterinnen - neben Schmidt sind drei weitere junge Frauen beim Lehrgang dabei - ein letztes Mal auf die Rennstrecke. Ein kurzes Signal, dann schießt Turlow aus seiner Startposition. Als der Hengst aus der letzten Kurve auf die Zielgerade galoppiert, hört man das laute Vibrieren seiner Nüstern. Nur knapp zwei Minuten dauert ein Rennen.
Kai Schirmann bildet die Nachwuchs-Rennreiter aus
An der Rennstrecke steht der Leiter der Jockeyschule, Kai Schirmann, und macht Fotos vom Galopp. Die werden später im Seminarraum analysiert. Reiten die Auszubildenden in der "Martiniglas-Position", also mit geradem Unterschenkel, diagonalem Oberschenkel, dem Rücken parallel zum Pferderücken? Lassen sie die Pferde am langen Zügel galoppieren? Im Rennen entscheiden Nuancen über den Sieger. Zwischenfazit des Ausbilders: "Es saßen alle gut auf dem Pferd. Am Donnerstag hat es Klick gemacht und dann wussten alle genau, wie es funktioniert."
So läuft die Ausbildung zum Rennreiter
Die Tage an der Jockeyschule sind eng getaktet und beginnen um 6 Uhr morgens. Erst reiten, dann die Analyse, dann Training auf dem elektrischen Pferd. Am dritten Tag müssen die Auszubildenden einen sechsteiligen Fitnesstest bestehen, der sie an die Kraftreserven bringt.
Sina Schmidt ist an den vollgepackten Zeitplan gewöhnt. Die Ausbildung zur "Pferdewirtin mit Schwerpunkt Rennreiten" ist ein Sieben-Tage-Job. In ihrem Ausbildungsstall reitet sie die Pferde nicht nur, sie füttert und säubert sie auch und reinigt die Boxen. "Am Wochenende sind noch die Rennen. Da bin ich dann selten zu Hause", sagt Schmidt. Jockeys in Europa absolvieren bis zu 3500 Rennen im Jahr.
Andrasch Starke gehört zu den erfolgreichsten Jockeys Deutschlands
Und die Bezahlung? In ihrer Ausbildung verdienen Rennreiter durchschnittlich 1200 Euro brutto pro Monat. Für jedes Rennen gibt es 95 Euro Reitgeld und fünf Prozent des Preisgelds. Fest angestellte Jockeys bekommen außerdem ein Gehalt ihres Stalls. Top-Stars wie Andrasch Starke verdienen Millionen. Doch zu welchem Preis?
Ein Job, der Opfer fordert
Der Job eines Jockeys ist ein Job der Entbehrungen. Jockeys haben nur wenig Freizeit, sind das ganze Jahr in Europa und der Welt unterwegs. Und sie setzen sich einer extremen Gefahr aus. Als Ex-Jockey weiß Ausbilder Kai Schirmann das nur zu gut. In 15 Jahren als Profi gewann er 192 Rennen. Bei einem Unfall brach er sich drei Lendenwirbel. Ein zweiter Unfall kostete ihn beinahe das Leben.
Als das Rennreiten Kai Schirmann fast tötete
00:17 Min.. Verfügbar bis 05.11.2027.
Der wohl größte Erfolgsfaktor fordert zudem viel Disziplin: das Gewicht. Zwischen 52 und 54 Kilogramm sollten Jockeys idealerweise wiegen - unabhängig von Geschlecht und Größe. Sina Schmidt fällt es bei 1,55 Meter nicht schwer, dieses Gewicht zu halten. Ganz anders sieht das bei den männlichen Rennreitern aus, die 1,75 Meter und größer sind. Wie schaffen die es? "Disziplin haben, hungern, auf vieles verzichten", sagt Ausbilder Schirmann trocken. Vielen sei das zu aufwändig. Seit Jahren geht die Zahl der männlichen Auszubildenden beim Rennreiten zurück.
Die, die es trotzdem schaffen wollen, betreiben meistens intensiv Ausdauersport, um möglichst keine Muskelmasse zuzulegen. Früher habe es bei unseriösen Sportlern noch zusätzliche Methoden gegeben, erinnert sich Schirmann. "Manche sind in die Sauna gegangen und haben Piccolo oder Wodka getrunken, weil man dann besser schwitzt. Oder sie haben Kokain genommen, um den Hunger zu unterdrücken", erzählt er. Das sei wegen der engmaschigen Doping- und Alkoholkontrollen heute aber undenkbar.
- Während bei Pferderennen die Jockeys im Sattel sitzen, übernehmen Arbeitsreiter die tägliche Vorbereitung. Hier stellen wir den Job genauer vor.
Bis heute vertrauten viele Ställe eher männlichen als weiblichen Rennreitern, sagt Schirmann. "Das ist noch die Denkweise von 1800. Dabei sind die Mädchen genauso stark und gut wie die Jungs." Bestes Beispiel dafür: Im Juli gewann Nina Baltromei in Hamburg das Deutsche Derby, das wichtigste deutsche Galopprennen - als erste Frau und noch dazu als Auszubildende.
Fehlendes Tierwohl? Rennreiten ist umstritten
Neben dem Reiter steht auch das Tier im Fokus. Rennreiten ist in Deutschland umstritten. Die Tierschutzorganisation PETA kritisiert, dass Pferde in viel zu jungem Alter auf die Rennstrecke geschickt würden. Den Tieren würden "unnatürliche Höchstleistungen abverlangt, die sie überfordern". Laut PETA mussten in Deutschland alleine von 2015 bis 2019 mindestens 50 Pferde auf der Rennstrecke eingeschläfert werden. Auch der Einsatz der Peitsche sorgt für massive Kritik.
Jockeyschulen-Leiter Kai Schirmann verweist darauf, dass der Dachverband Deutscher Galopp seit Jahren mit PETA zusammenarbeite. "Das Tierwohl geht vor", betont er. Und ergänzt: "Die Pferde fangen erst mit Rennen an, wenn der Tierarzt sein Okay gibt, die Tiere ausgewachsen und alle Muskeln entwickelt sind." Außerdem sei die Anzahl der erlaubten Peitschenschläge kontinuierlich zurückgegangen - auf inzwischen drei pro Rennen. Wer diese Zahl überschreitet, dem drohen lange Sperren und empfindliche Geldstrafen.
Peitschenhiebe, um das Pferd "auf Spur zu halten" - das sorgt für Kritik
Sina Schmidt, die auch im klassischen Reitsport Erfahrungen gesammelt hat, kann die Kritik ebenfalls nicht nachvollziehen. "Den Pferden geht es hier deutlich besser. Sie kommen raus, es wird immer nach ihnen geguckt", betont sie. "Alles ist pro Tier."
Letzte Kraftreserven auf dem Hydraulikpferd
Im Fitnessraum der Kölner Jockeyschule geht die Ausbildungswoche ihrem Ende entgegen. In der letzten Übung müssen die Auszubildenden noch einmal vier Minuten Vollgas auf dem Hydraulikpferd geben: kompakte Haltung, die Zügel mit aller Kraft nach vorne schieben, die Oberschenkel auf Hochspannung. Als Kai Schirmann auf "Null" heruntergezählt hat, atmen die jungen Frauen hörbar durch. Bestanden!
Sina Schmidt ist erschöpft, aber glücklich. Und sie weiß genau, was sie nach dem anstrengenden Lehrgang als Erstes macht. "Ich gehe duschen und schlafen", sagt sie und lacht.
Über das Thema haben wir am 06.08.2025 auch im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit aus Köln, 19.30 Uhr.