Alfred Brechner steht vor der Tausend Freunde Mauer am Schalker Stadion. Er hält ein Foto von Ernst Alexander hoch und lächelt.

Vergessen ist keine Option: Wie Schalke seine Nazi-Vergangenheit aufarbeitet

Heimatliebe

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Alfred Brechner wusste lange nichts von seinem Onkel Ernst Alexander, der Jude und Jugendspieler beim FC Schalke 04 war und später in einem Konzentrationslager starb. Nun arbeitet er die Vergangenheit seiner Familie auf. Wie Schalke dabei hilft.

Von Nicole Noetzel

Still und konzentriert steht Alfred Brechner an der viel befahrenen Ringstraße in Gelsenkirchen. Von dem Lärm und Trubel um ihn herum bekommt er gar nichts mit. Der 68-Jährige ist ganz fokussiert auf die kleinen, bronzenen Quadrate, die im Bürgersteig vor ihm zwischen den grauen Pflastersteinen liegen.

Es sind drei von mehr als 18.000 Stolpersteinen, die mittlerweile in Nordrhein-Westfalen verlegt wurden und an die Opfer der NS-Zeit erinnern sollen. Weitere Informationen rund um die Stolperstein-Initiative in NRW findest du auf dieser Seite. Auf den Steinen zu Brechners Füßen stehen die Namen seiner Mutter und seiner beiden Onkel: die Jüdin Johanna Brechner, geborene Alexander, sowie die Juden Ernst und Alfred Alexander. "Meine Mutter hat nie auch nur ein einziges Wort über ihre beiden Brüder verloren. Ich wusste gar nicht, dass sie welche hat", erinnert sich Brechner.

Ihre Vergangenheit und Familie waren Tabuthemen für Alfred Brechners Mutter

00:15 Min. Verfügbar bis 09.11.2027

Erst durch einen Zeitungsartikel über die Stolpersteine wird Brechner vor ein paar Jahren hellhörig und beginnt, Nachforschungen anzustellen. Das, was er über seine Familie erfährt, ist erstaunlich.

Onkel war berühmter Jugendspieler bei Schalke 04

Seine Mutter Johanna hatte zwei ältere Brüder. Der älteste war Ernst Alexander, ein talentierter Jugendspieler bei Schalke 04, in den 1920er- und 30er-Jahren einer der besten Fußballvereine Deutschlands. Durch die Mitgliedschaft seines Onkels bei Schalke 04 hat Alfred Brechner Thomas Spiegel kennengelernt. Spiegel ist bei dem Verein zuständig für den Bereich Tradition, zusammen forschen sie zu Brechners Familiengeschichte.

Das ist Thomas Spiegel bei der Aufarbeitung wichtig

00:17 Min. Verfügbar bis 09.11.2027

Als die Nazis in Deutschland an die Macht kommen, wird es jüdischen Menschen verboten, im Verein zu spielen. Als sein Vater ins KZ Sachsenhausen deportiert wird und sich die Mutter das Leben nimmt, trifft Ernst Alexander als Familienoberhaupt die Entscheidung, mit seinen beiden Geschwistern nach Holland zu fliehen.

In Rotterdam spielt er offenbar wieder erfolgreich Fußball, sein Name ist sogar in einem alten Zeitungsartikel zu finden. Doch als die deutsche Wehrmacht die Niederlande besetzt, geht auch dort die Jagd nach jüdischen Menschen weiter. Ernst Alexander und sein Bruder Alfred sterben in Konzentrationslagern. Nur Johanna überlebt die Shoah und kehrt nach ihrer Befreiung aus Auschwitz als junge Frau wieder nach Gelsenkirchen zurück. Dort heiratet sie und bekommt zwei Kinder. Über ihre Vergangenheit und ihre Brüder verliert sie zu Lebzeiten kein einziges Wort.

"Was mit meinen Onkeln passiert ist, macht mich unglaublich wütend und sprachlos. Als jüdischer Mensch habe ich mir immer die Frage gestellt, wann und wie Menschen aufhören, Menschen zu sein, und warum sie zu den grausamsten und unmenschlichsten Taten fähig sein können", sagt Brechner. "Und dennoch bin ich so froh, die Chance zu haben, mehr über meine Familie herauszufinden. Alexander ist kein seltener Nachname und meine Suche ist noch lange nicht zu Ende." Der Verein Schalke 04 spielt dabei eine wichtige Rolle.

Schalke 04 arbeitet seine Nazi-Vergangenheit auf

Schalke war deutschlandweit der erste Fußballverein, der ein externes Gutachten in Auftrag gegeben hat, um herauszufinden, wie sich der Verein gegenüber der Nazi-Regierung verhalten hat. "Zuerst sah alles gut aus auf dem Papier. Aber das reichte uns nicht. Wir wollten wissen, wie sich nicht-jüdische Schalker verhalten haben", sagt der 58-jährige Thomas Spiegel, der sich für die geschichtliche Aufarbeitung seines Vereins stark. "Also haben wir weiter recherchiert und herausgefunden, dass einige Schalker sehr wohl vom nationalsozialistischen System profitiert haben, indem sie zum Beispiel die Notlage von Juden ausgenutzt und ihre Wohnungen oder Geschäfte für Spottpreise übernommen haben."

Seit 2011 gibt es vor dem Schalker Stadion die "Tausend Freunde Mauer", auf der den verfolgten jüdischen Schalkern und Schalkerinnen ein bleibendes Andenken geschaffen wird. 2018 wurde die "Ernst Alexander Auszeichnung" ins Leben gerufen, die der Club jährlich für besonderes öffentliches Engagement für Demokratie und Menschenrechte vergibt. Und 2020 weihte der FC Schalke 04 den Ernst-Alexander-Weg auf seinem Vereinsgelände ein.

Eintrag zu Ernst Alexander an der Tausend Freunde Mauer auf Schalke.

Ernst Alexanders Eintrag an der Tausend Freunde Mauer

Die Geschichte von Ernst Alexander ist eine von insgesamt 13 Biografien jüdischer Schalker, die der Verein rekonstruieren konnte. Für Brechner, Ernst Alexanders Neffen, bedeuten das Engagement des Vereins und die nachträgliche Ehrung seines Onkels sehr viel. Über die Erforschung seiner Familiengeschichte konnte er außerdem weitere Familienmitglieder ausfindig machen und zu ihnen Kontakt aufnehmen. "Ich erlebe das erste Mal in meinem Leben so etwas wie Teil einer Familie zu sein. Eine Familie, die groß ist. Eine Familie, auf die ich stolz bin", sagt Brechner. "Für mich ist diese ganze Aufarbeitung ein wichtiges Stück Heimat. Ich hoffe, es hält die Menschen wach und zeigt ihnen, dass es wichtig ist, für Demokratie und Menschenrechte zu kämpfen."

Über dieses Thema haben wir auch am 10.10.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.