Auf einer Anhöhe stehen Sabine Behrenbeck und Jürgen Focks, die Blicke ins Land gerichtet. Vor ihnen breitet sich eine hügelige Landschaft aus, vereinzelte Fachwerkhäuser, Stille. Zwei Jahre ist es her, dass sie hier beschlossen haben, ihr Leben komplett umzukrempeln. Weg von sicheren Berufen, hin zu etwas, das sie beide zutiefst bewegt: Kochen wie früher.
Heimatfutter: Historische Rezepte aus Westfalen
Lokalzeit OWL. 26.01.2026. 03:17 Min.. Verfügbar bis 26.01.2028. WDR. Von Edith Stecker.
Sabine Behrenbeck war 25 Jahre lang als Historikerin unterwegs, Jürgen Focks hat in Köln als Rechtsanwalt gearbeitet. Heute führen sie zwei Restaurants im Freilichtmuseum Detmold - dem größten Freilichtmuseum Deutschlands - und widmen sich einer Idee, die so ungewöhnlich ist wie stimmig: Sie wollen die kulinarische Geschichte des Landes wieder lebendig machen. "Hier kann man sehen und erleben, wie die Menschen vor 250 Jahren gelebt haben", sagt Behrenbeck, während die 64-Jährige den Blick über das Gelände schweifen lässt. "Und genau das wollen wir kulinarisch ergänzen."
Recherche im Kochbuchmuseum
Bevor etwas auf die Karte kommt, beginnt die Recherche, jenseits moderner Rezeptdatenbanken. Dafür fahren sie zum Beispiel ins Kochbuchmuseum nach Dortmund. Um die 12.000 Kochbücher lagern dort, das älteste stammt aus dem 16. Jahrhundert. "Es ist wie eine kleine Zeitreise", sagt Behrenbeck. "Man merkt, wie sich nicht nur das Essen, sondern auch Werkzeuge und Tischkultur verändert haben."
Im Freilichtmuseum Detmold leben alte Rezepte wieder auf
Damals wurde über dem offenen Feuer gekocht, in großen Pötten, ohne Grammangaben oder genaue Zeiten. Kartoffeln kannten die Menschen lange nicht. Brot, Bier, Hülsenfrüchte und Rüben standen ganz oben auf dem Speiseplan.
In der Küche im Freilichtmuseum Detmold heißt es dann: ausprobieren. Viele Rezepte sind so vage, dass man sich einfach herantasten muss. "In einem Rezept für Hirseknödel steht, man solle sich für einen Groschen Semmelbrösel kaufen", sagt Behrenbeck lachend. "Woher soll ich denn wissen, wie viele Semmelknödel man 1897 für einen Groschen bekommen hat?" "Da hilft nur ausprobieren", sagt Jürgen Focks. "Und vielleicht auch ein bisschen nachwürzen, damit es in unsere Zeit passt."
Das Freilichtmuseum Detmold war für Sabine Behrenbeck und Jürgen Focks ein Neuanfang
Heute will er einen Linsenhackbraten zubereiten, der vor 180 Jahren noch "Leguminosenbraten" hieß. "Manch einer denkt ja, vegetarische Küche sei ein modernes Ding", sagt der 62-Jährige. "Die Rezepte hier sind aber knapp 200 Jahre alt. Fleisch gab es selten, man hat mit dem gekocht, was gerade wuchs."
Und so ähnlich läuft es auch hier in ihren Restaurants. Das Gemüse bekommen die beiden aus den Gärten des Museums. Oft sind es Sorten, die kaum jemand heute noch kennt: Haferwurzel, die sogenannte Gemüse-Auster, die Winterheckzwiebel, die Raute. "Ich hatte noch nie von der Haferwurzel gehört", sagt Behrenbeck. "Und plötzlich liegt sie hier und wir überlegen gemeinsam, was wir daraus machen."
Historische Tafelrunde im Freilichtmuseum Detmold
In der Winterpause, wenn im Museum Ruhe einkehrt, öffnet das Paar regelmäßig seine Türen für eine historische Tafelrunde. Dann setzen sich Gäste um einen großen Tisch, genießen ein Mehr-Gänge-Menü nach alten Rezepten und hören zu, wenn die Historikerin aus der Geschichte erzählt. Doch was hat die beiden angetrieben, diesen Weg trotz sicherer, guter Jobs zu gehen?
"Die Freude daran, etwas wiederzuentdecken", sagt Focks. "Es ist ja nicht neu, es ist wiederentdeckt. Und das ist was Schönes!" "Und für mich als Historikerin ist das ein bisschen wie eine Zeitreise", ergänzt Behrenbeck. "Nur dass man sie hier schmecken kann."
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit OWL, 26.01.2026, 19.30 Uhr.