Martin de Crignis sitzt auf dem Boden. Um ihn herum Dutzende seiner Fotos.

Nackt und ohne Filter: Bochumer Fotograf hinterfragt Schönheitsideale

Heimatliebe

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Der Bochumer Fotograf Martin de Crignis hat die Nase voll von Filterfotos, die den durchtrainierten Mann als gestählten Adonis zeigen. Sein Protestprojekt: ein Bildband plus Ausstellung mit nackten Tatsachen. Ein Interview über Schönheitswahn, künstlich gemachte Komplexe und Befreiung.
 

Von Michael Beyer

Martin de Crignis ist ein cooler Typ in schlichten, schwarzen Klamotten, aber: ein paar Pfunde zu viel, wie er selbst sagt, obwohl er regelmäßig ins Fitnessstudio geht und täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Und genau hier liegt das Dilemma. Als 35-Jähriger mit Job, Kunst und normalem Alltag sieht man eher nicht aus wie ein Hochglanzmodel mit Waschbrettbauch. Um zu zeigen, dass der Durchschnittsmann keinen Körperfettanteil von zehn Prozent und sichtbare Bauchmuskeln hat, hat der Künstler ganz normale Männer fotografiert. Nackt. Ohne Filter.

Bochumer Fotograf hinterfragt Schönheitsideale

Lokalzeit Ruhr 10.02.2026 03:17 Min. Verfügbar bis 10.02.2028 WDR Von Michael Beyer

Lokalzeit: Wie kam es zur Idee, "Normalos" nackt in ihren Wohnungen zu fotografieren, so ganz unglamourös?

Martin de Crignis: Ein Grund dafür, warum ich angefangen habe, mich so intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, ist: Ich bin mit meinem Körper nicht so zufrieden und ich habe mich gefragt, woher eigentlich diese Unzufriedenheit kommt. Denn objektiv betrachtet sehe ich nicht anders aus als 95 Prozent aller Männer, die über die Straße laufen. Und trotzdem ist da dieses nagende Gefühl, dass was nicht richtig ist.

Bochumer Fotograf zeigt die nackte Wahrheit

Der Bochumer Fotograf Martin de Crignis wehrt sich gegen Fotos mit durchtrainierten Männern. In einem Bildband und einer Ausstellung zeigt er normale Männerkörper.

Ein nackter Mann, der sich mit beiden Händen an eine Wand lehnt, von hinten

Der Bochumer Fotograf Martin de Crignis hinterfragt mit seinen Fotos Schönheitsideale.

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Der Bochumer Fotograf Martin de Crignis hinterfragt mit seinen Fotos Schönheitsideale.

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Für seine besonderen Bilder fotografiert er "Normalos" in ihren Wohnungen.

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Auch sich selbst hat Martin de Crignis fotografiert.

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Der Fotograf will mit seinen Bildern aufklären, dass nicht alle Menschen vermeintlich perfekt aussehen.

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Der Fotograf bewundert den Mut seiner Modells, sich von ihm nackt ablichten zu lassen.

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Lokalzeit: Wie bekommt man denn wildfremde Männer mit Übergewicht und dünne Männer dazu, sich vor der Kamera nackig zu machen?

De Crignis: Das ist natürlich ein schwieriger Prozess. Personen zu fragen, ob man sie nackt fotografieren darf, kann heikel sein. Das Schöne daran ist, dass man Leute so kennenlernt, wie sie tatsächlich leben, und sehr intensive Kontakte aufbaut. Weil es ja ein doppeltes Eindringen in den persönlichen Raum ist. Ich bin bei denen zu Hause und sie ziehen sich komplett aus. Ich hab mich dann selbst auch fotografiert, weil ich das, was ich von anderen erwarte, auch selbst machen wollte und weil ich so viele unterschiedliche Körperformen im Buch haben wollte wie möglich.

Kunst für einen zufriedeneren Alltag

Lokalzeit: Es gibt Ihre nackten Tatsachen als Buch und Ausstellung. Was möchten Sie den Menschen damit vermitteln?

De Crignis: Die Art und Weise, wie wir Bilder von trainierten Körpern konsumieren, ist total alltäglich geworden. Wenn ich jeden Tag durch Instagram scrolle, beim Einkaufen, überall sieht man Bilder von trainierten Körpern. Das erweckt den starken Eindruck, dass es normal wäre, so auszusehen. Ich glaube aber, dass das nicht so ist. Ich glaube, dass es da einer Aufklärung bedarf oder zumindest eines Sichtbarmachens dieser Struktur.

Das ist der Fotograf Martin de Crignis:

Geboren und aufgewachsen in Augsburg, lebt der Wahl-Bochumer nun im Ruhrgebiet, weil ihm die Menschen hier so gut gefallen. Seine Homosexualität konnte er in Bayern nur bedingt ausleben, erzählt er. Das offenere Ruhrgebiet biete ihm die Möglichkeit, frei und selbstbestimmt zu leben und zu arbeiten. Neben seinem Beruf als Leiter der städtischen Galerie in Bergkamen arbeitet der studierte Fotograf seit neun Jahren als freischaffender Künstler.

Lokalzeit: Was waren die Highlights bei dem Projekt?

De Crignis: Das sind die Momente, in denen Männer, die nicht den klassischen Schönheitsidealen entsprechen, von mir fotografiert werden wollen. Ich bewundere den Mut, weil sie sich bei so einer Arbeit ja immerhin nackt in die Öffentlichkeit begeben.

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Ruhr, 10.02.2026, 19.30 Uhr.