Ein Leben voller Hürden: So kämpft Janic Dalwigk für seinen Traum
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Seine Mutter starb, als er noch zur Schule ging, zum Vater hat er keinen Kontakt. Trotzdem hat Janic Dalwigk nie aufgegeben. Heute studiert der 19-Jährige an der Universität zu Köln. Dort ist er eine Ausnahme, die gegen alle statistischen Wahrscheinlichkeiten steht.
Von Friederike Müllender
Aufgeregtes Stimmengewirr erfüllt die Räume des Zentrums für LehrerInnenbildung der Uni Köln. Dicht an dicht drängen sich Studierende von Infostand zu Infostand. Überall stehen Poster und Banner zu unterschiedlichen Themen wie Studieren im Ausland, Versicherungen, möglichen Praktika und Chancengerechtigkeit. Unter den Besuchern ist Janic Dalwigk. Dass er einmal Student sein würde, hätte er selbst lange nicht für möglich gehalten.
Soziale Herkunft bestimmt Bildungsweg
Dalwigk ist der Erste in seiner Familie, der studiert. An der Uni gehört er damit zu einer kleinen Gruppe. Denn in Deutschland machen Kinder aus nichtakademischen Familien deutlich seltener einen Uniabschluss als jene, deren Eltern studiert haben. Wie groß der Unterschied ist, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts: Im Jahr 2021 hatten nur 31 Prozent der 25- bis unter 65-Jährigen aus Nicht-Akademikerhaushalten selbst einen Hochschulabschluss, bei jenen aus akademischen Elternhaus waren es dagegen 56 Prozent.
Dass er als Erster seiner Familie studieren kann, bewegt Janic Dalwigk sehr
00:23 Min.. Verfügbar bis 21.11.2027.
Der 19-jährige Dalwigk kommt aus einer bildungsfernen Familie, wie er selbst sagt. Zu seinem Vater hat er keinen Kontakt, seine Mutter hatte einen Hauptschulabschluss. Als Dalwigk in die Oberstufe kommt, stirbt seine Mutter. Seitdem gibt es nur noch ihn und seine große Schwester. "Man rechnet ja nicht damit, dass man so früh keine Eltern mehr hat. Das ist wirklich hart."
"Ich bin statistisch gesehen ein Wunder"
Doch Aufgeben und sich hängen lassen kommt für Dalwigk nicht infrage. In seiner Gesamtschule in Köln-Höhenhaus fällt er im Unterricht durch seine cleveren Fragen und aufgeschlossene Art auf. Ein Lehrer schlägt ihn für das Projekt "Talentscouting Köln" vor. Drei Jahre lang wird Dalwigk daraufhin von einem Talentscout begleitet. Er hilft ihm bei Anträgen, Formularen, zuletzt auch bei seinen Uni-Bewerbungen und beim BAföG-Antrag.
Um sein Studium zu finanzieren, arbeitet Dalwigk zusätzlich in einer Drogerie. "Wenn ich überlege, was für schwierige Verhältnisse ich hatte, da bin ich statistisch gesehen schon ein Wunder", sagt er und blickt stolz auf eine Karte in seiner Hand. "Dass ich diesen Studierendenausweis in der Hand halten und hier ein- und ausgehen kann, ist schon überwältigend."
Wenn ich nicht so viele Hindernisse im Leben gehabt hätte, wäre ich nicht so ein starker Mensch. Janic Dalwigk
Trotzdem muss Dalwigk beim Informationstag der Uni erstmal tief durchatmen: "Das ist ziemlich viel auf einmal und, um ehrlich zu sein, auch ein wenig überfordernd." Dann traut er sich doch, Fragen zu stellen, und wenige Minuten später hat er die Hände voll mit Broschüren, Flyern und Postkarten. Mit ihm unterwegs ist Sarah Brandt, die beiden haben sich vor Kurzem kennengelernt. Auch Brandt ist die erste in der Familie, die studiert.
Janic Dalwigk und seine neuen Kontakte aus dem ersten Semester
"Wenn man gar nichts übers Studium weiß, dann merkt man schon, wer aus einem Akademikerhaushalt kommt und wer nicht", sagt sie. "Meine Mutter hat mir auch gesagt, das Unileben ist eine Welt für sich, das ist ein ganz anderes System, und für mich ist das auch wirklich ziemlich erschlagend." Unterstützung bekommen die Studierenden unter anderem von Antje Mies, sie bietet am Zentrum für LehrerInnenbildung Beratungen an.
Anje Mies weiß, vor welchen Herausforderungen Studenten aus Nicht-Akademiker-Haushalten stehen
00:17 Min.. Verfügbar bis 21.11.2027.
Menschen wie Dalwigk und Brandt können laut Mies dazu beitragen, dass künftig mehr junge Menschen aus Nicht-Akademiker-Familien ein Studium aufnehmen. "Sie können ein Vorbild werden für Schülerinnen und Schüler und ihnen glaubhaft vermitteln: Wenn ich das geschafft habe, dann schafft ihr es auch."
Über dieses Thema haben wir auch am 29.09.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Köln, 19.30 Uhr.