Alkoholsucht: "Dann brauchte ich abends einen kleinen Muntermacher"
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Was tun, wenn aus einem Gläschen Wein schnell mehr wird? Plötzlich trinkt ein Top-Manager aus Düsseldorf sechs bis acht kleine Wodka-Flaschen über den Tag. Jetzt lässt er sich in der deutschlandweit einzigen Selbsthilfegruppe für Menschen in Führungspositionen helfen. Ein Gespräch.
Von Madelaine Meier
Als seine Frau leere Alkoholflaschen in seiner Manteltasche findet, stellt sie ihn zur Rede. Frank W. (Name von der Redaktion geändert) macht daraufhin eine Entgiftung. Inzwischen ist er seit fast einem halben Jahr trocken. Eine Selbsthilfegruppe hilft ihm, dauerhaft abstinent zu bleiben. Es ist keine gewöhnliche Selbsthilfegruppe: Es ist die deutschlandweit einzige speziell für Suchterkrankte in Führungspositionen. Unsere Autorin hat mit Frank W. über seine Erlebnisse gesprochen.
Lokalzeit: Wann hat das denn bei Ihnen angefangen, dass Sie gemerkt haben: Ich brauche Alkohol, um nach der Arbeit zu entspannen?
Frank W.: Das fing tatsächlich schon vor gut zehn Jahren an. Damals habe ich in einer anderen Stadt gearbeitet. Und es war auch ein Stück weit die Einsamkeit als Pendler. Meine Familie war weit weg und das Team, das ich damals hatte, war auch sehr trinkfreudig. Dann feiert man erst zusammen und dann trinkt man alleine in der Wohnung noch ein bisschen mehr, da habe ich schon gemerkt, dass das ganz schön viel ist. Ich habe dann zwei Jahre lang überhaupt nichts getrunken und dachte, ich hab das im Griff. Aber dann hab ich irgendwann wieder angefangen, hier und da mal ein Glas Wein zu trinken. Und daraus wurde dann schnell mehr.
Lokalzeit: Wie ging es dann weiter?
Frank W.: Aus dem Glas Wein wurde irgendwann eine Flasche und dann bin ich auf Härteres umgestiegen. Ich habe immer diese kleinen Wodka-Flaschen getrunken, die es an jeder Kasse gibt. Und dann bin ich nach der Arbeit immer erstmal zur Tankstelle gefahren. Mal aus Belohnung, weil es ein guter Tag war. Oder aus Frust, wenn man wieder mit seinem Vorgesetzten gezankt hat oder wenn die Präsentation im Aufsichtsrat nicht so gut gelaufen ist. Dann ertränkt man es halt und da reicht dann irgendwann auch nicht mehr eine Flasche Wein.
Frank W. log, als ihn seine Freunde auf seine Sucht ansprachen
00:23 Min.. Verfügbar bis 11.06.2027.
Lokalzeit: Was hat Sie im Job am meisten belastet?
Frank W.: Ich war im Controlling bei einem internationalen Unternehmen. Das heißt, man muss die Buchhaltung im Griff haben, die Zahlen überblicken und auch die richtigen Analysen daraus ziehen. Und das alles immer unter einem sehr hohen Zeitdruck, weil jeder will alles sofort haben. Dazu kommen Telefonate mit Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern. Die muss man natürlich sofort bedienen. Dazu kam, dass wir eine finanziell angespannte Situation hatten. Und dann mussten wir uns von Leuten trennen. Das ist natürlich sehr belastend. Man kennt ja sein Team, weiß, der eine hat gerade ein Haus gekauft und jetzt muss man ihm sagen: Wir haben hier keine Zukunft für dich. Den Leuten dabei ins Gesicht zu schauen und die Reaktionen zu sehen, das war schrecklich. Das waren Situationen, in denen ich abends dachte: Jetzt brauchst du aber einen kleinen Muntermacher.
Selbsthilfegruppe speziell für Führungskräfte
Lokalzeit: Sie besuchen eine Selbsthilfegruppe speziell für Führungskräfte. Worüber tauschen Sie sich da aus?
Frank W.: Die Selbsthilfegruppe ist mir sehr, sehr wichtig. Weil wir alle unabhängig voneinander ähnliche Probleme haben oder hatten. Manche sind schon zehn Jahre trocken, manche erst drei Monate. Man kann über alles sehr offen sprechen. Es sind alles Führungskräfte, aber aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Bei uns sind Unternehmensberater, Steuerberater, Ärzte. Man findet sich da in vielen Themen schon wieder. Häufig geht es darum, dass man Angst hat vor einem Rückfall.
Lokalzeit: Wie helfen sich dann die Teilnehmer untereinander?
Frank W.: Ein Beispiel: Ein Teilnehmer wusste schon, dass es am nächsten Tag eine Feier mit allen Chefs geben würde. Er meinte, er habe Angst, dass er nicht standhalten kann und rückfällig werden würde. Dann kamen wir in der Diskussion auf den eigentlich sehr einfachen, aber für uns doch sehr hilfreichen Gedanken, dass er einfach sagt: 'Nein, ich übernachte nicht in dem Hotel in dem das Event stattfindet, ich fahre abends nach der Veranstaltung wieder nach Hause.' Und das hat für ihn gut funktioniert. Über solche Themen kann man eben sehr offen reden, weil jeder solche Situationen kennt.
Sucht-Selbsthilfe für Führungskräfte
Treffen: Montags, 18 Uhr
Kreuzbund Kreisverband Düsseldorf e.V.
Hubertusstraße 3, 40219 Düsseldorf
Kontakt über: klaus.kuhlen@kreuzbund-duesseldorf.de
Weitere Infors auf der Webseite
Lokalzeit: Haben Sie sich mal Gedanken gemacht, ob Sie nach dieser Erkrankung eventuell auch Konsequenzen im Beruflichen ziehen?
Frank W.: Kurze Antwort: Nein. Ich liebe das schon, was ich da mache. Und aus Fehlern lernt man. Ich muss mir halt ein anderes Ventil suchen als den Alkohol. Momentan mache ich zum Beispiel viel Sport. Das tut mir gut.
Über dieses Thema haben wir auch am 24.04.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Düsseldorf, 19.30 Uhr.