20 Jahre Medikamentensucht: So bekämpft eine Wülfratherin ihre Abhängigkeit
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"Sucht hat immer eine Geschichte", sagt Gudrun Schmittat aus Wülfrath. Sie war über 20 Jahre lang alkohol- und medikamentenabhängig. Nun möchte sie ein Beispiel dafür sein, wie schnell es gehen kann, von Medikamenten abhängig zu werden, ohne dass das Umfeld es merkt.
Von Natalie Stöber
Gudrun Schmittat betrachtet alte Fotos. Sie zeigen die heute 62-Jährige als jüngere Frau, die in die Kamera schaut und etwas lächelt. Eine Fassade, wie sie sich erinnert: "Die Augen sind leer. Da ist schon die Mauer, das Zumachen. Keiner darf wissen, wie es mir geht". Damals war Schmittat alkohol- und medikamentenabhängig. Sie betrachtet ein weiteres Foto, es zeigt sie und ihren Mann auf einer Bank sitzend. Doch beide sind einander abgewandt. Die damalige Distanz zu ihrem Mann ist für sie heute das Schlimmste: "Traurig, dass ich das nicht vorher hingekriegt habe, aber es ist so". Schmittat seufzt und hat Tränen in den Augen.
Fünf Jahrzehnte lang hat Gudrun Schmittat sich niemandem anvertraut, alles mit sich allein ausgemacht, wollte verdrängen und vergessen, was in ihrer Kindheit passiert ist. Sie sagt, sie musste Missbrauch und Gewalt in ihrer engsten Familie erleben. Auch das Thema Sucht spielte eine große Rolle.
Gudrun Schmittat hält lange eine Fassade aufrecht
00:16 Min.. Verfügbar bis 26.05.2027.
Doch nachts kamen die Albträume. Oft sei sie schreiend aufgewacht. Erst nach zwei Suizidversuchen hat Schmittat sich ihrer Vergangenheit gestellt und sagt: "Ohne professionelle Hilfe wäre ich niemals aus der Suchtspirale herausgekommen."
Nach der Geburt ihrer Tochter 1992 bekommt Schmittat starke Schmerzmittel verschrieben. Später kommen nach Panikattacken und Klinikaufenthalten "Benzos", also Tabletten zur Beruhigung, dazu. Schnell spürt sie, dass sich damit nicht nur körperliche, sondern auch seelische Schmerzen betäuben lassen.
Beruhigungstabletten als Einstiegsdroge
Sie braucht die Pillen, um leistungsfähig zu bleiben, betreibt "Ärztehopping", geht also von einem Arzt zum nächsten, um immer welche zu Hause zu haben. Schmittat wird unruhig, bekommt Schweißausbrüche, wenn das nicht klappt. Sie verändert sich. Ihr Mann und ihre Freundinnen sprechen sie an. Aber sie sagt, es sei nichts, zieht sich weiter zurück. Sie wird immer verschlossener und konsumiert noch mehr Tabletten und Alkohol.
Schmittat ist eine von laut Bundesgesundheitsministerium etwa 2,9 Millionen Suchtbetroffenen in Deutschland - zwei Drittel sind Frauen, die oft ganz normal zur Arbeit gehen, die Familie und den Alltag am Laufen halten. Denn die Sucht bleibt häufig unerkannt, auch weil kaum jemand darüber spricht. Etwa vier bis fünf Prozent aller verschreibungspflichtigen Medikamente in Deutschland haben das Potenzial, abhängig zu machen und das zum Teil sogar schon nach nur einer Woche.
- Auch Glücksspiel kann süchtig machen. Hier spricht ein Betroffener über seine Sportwetten-Sucht
Ein lebenslanger Kampf gegen die Sucht
Katja Neveling von der Caritas-Suchthilfe Wülfrath nennt als Risikofaktoren für eine Medikamentenabhängigkeit unter anderem Überforderung, Schlafstörungen oder chronische Schmerzen. Mit Schlaf- und Beruhigungsmitteln werde versucht, dem Leistungs- und Konkurrenzdruck standzuhalten.
Katja Neveling von der Caritas-Suchthilfe in Wülfrath unterstützt Menschen, die abhängig von Alkohol, Drogen oder Medikamenten sind
Neveling rät Betroffenen, sich irgendwem anzuvertrauen: "einer Beratungsstelle, dem Partner, Freunden oder dem Hausarzt - Hauptsache, sie holen sich Hilfe und machen es nicht mit sich selbst aus." Doch die Dunkelziffer sei riesig. Häufig kämen eher Angehörige, die sich um ein Familienmitglied Sorgen machten.
Schmittat bekam Hilfe. Aber es dauerte und brauchte Kraft. Heute weiß sie: "Keiner ist freiwillig süchtig. Es ist eine Erkrankung, wie Diabetes. Nichts Aussätziges. Aber nichts, was man verdrängen kann." Mittlerweile leitet sie eine Selbsthilfegruppe für Suchtkranke in Wülfrath.
Dort können Betroffene ihre eigenen Gedanken und Ängste einbringen. Das tue ihr gut. Denn man werde nicht geheilt, man müsse ein Leben lang gegen die inneren (Sehn-)Süchte und Verlockungen ankämpfen.
Gudrun Schmittat half es, sich die Sucht einzugestehen
00:14 Min.. Verfügbar bis 26.05.2027.
Schmittat will sich nicht mehr mit Alkohol und Beruhigungsmitteln betäuben. Im Kreise ihrer Familie, Ehemann, Tochter, Enkeln, fühlt sie sich geborgen. Sie hat die Vergangenheit verabschiedet und lässt wieder Gefühle zu: "Es gibt Gefühle, die mag man nicht oder mag ich nicht, das ist aber bei den anderen Menschen genauso. Die haben ja auch die Gefühle. Aber ich lasse sie zu und das ist das, was ich wieder lernen musste."
Über dieses Thema haben wir auch am 25.03.2025 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit Bergisches Land, 19.30 Uhr.