Augsburger Puppenkiste: 55 Jahre "Kalle Wirsch"

Von Stefanie Hallberg

Die Augsburger Puppenkiste fasziniert seit 77 Jahren Groß und Klein – in Theater, Film und Fernsehen. Am 8. November 1970 hatte ein kleiner Erdmännchen-König seinen ersten TV-Auftritt.

Die Marionetten "Kleiner König Kalle Wirsch" (r) und Zoppotrump stehen im Puppentheatermuseum Augsburg in der Filmkulisse des Erdmännchenreiches

1948 eröffnet Walter Oehmichen ein Marionettentheater in Augsburg. Seine handgeschnitzten Holzfiguren erreichen im Laufe der Jahre deutschlandweite Bekanntheit – und einige von ihnen werden zu echten TV-Stars. Nach Jim Knopf (1961), Räuber Hotzenplotz (1966) und Urmel aus dem Eis (1969) feiert im November 1970 eine weitere prominente Puppe Premiere: der kleine König Kalle Wirsch.

Theatergründer und Regisseur Walter Oehmichen 1957 bei der Arbeit in der Requisite hinter den Kulissen

Die Idee einer Marionettenbühne hat Oehmichen, als er als Soldat in der französischen Hafenstadt Calais stationiert ist und dort seine Kameraden mit Puppenspiel unterhält. Zurück zu Hause, gründet er mit wenig Geld und viel Enthusiasmus die Augsburger Puppenkiste. Mit dabei: Frau Rose und die Töchter Hannelore und Ulla.

Die Marionette "Der gestiefelte Kater", aufgenommen auf einer königlichen Kutsche

"Der gestiefelte Kater" ist das erste Stück, das in der Augsburger Puppenkiste aufgeführt wird, die in den Räumlichkeiten des früheren Heilig-Geist-Spitals Quartier bezieht. Das Gebäude aus dem 17. Jahrhundert ist bis heute der Stammsitz und Hauptspielort des bekannten Marionettentheaters.

Die kleine Nele bestaunt Marionetten des Stückes Kater Mikesch.

Knapp 220 Zuschauer passen in den Theatersaal. Und der ist auch heute fast immer ausgebucht. Dies zeige, dass das Marionettenspiel trotz Handy und Internet nichts von seiner Faszination verloren habe, meint Klaus Marschall, Theaterleiter und Enkel des Gründers, vor einigen Jahren. Gutes Figurentheater sei wie ein gutes Buch, es rege die Fantasie an. "Die Zuschauer müssen sich auf die Geschichten einlassen. Dann beginnen die Figuren zu leben."

Urmel aus dem Eis und Kiste mit der Aufschrift "Augsburger Puppenkiste"

Warum die "Puppenkiste"? Ganz einfach: Walter Oehmichen hatte ursprünglich ein Reisetheater im Sinn. Bühne, Puppen, Dekoration, anderes Zubehör – das alles sollte leicht zu verpacken und gut transportierbar sein, um mit auf die Reise zu gehen. Fast 20 Jahre lang tourt das Ensemble der Puppenkiste durch den deutschsprachigen Raum. Die Gastspielreisen werden 1970 zunächst aufgegeben. Seit einigen Jahren geht das Ensemble aber wieder auf Tournee. Und die führen die Puppenkiste bis nach Japan und in die USA.

Zwei Puppenspielerinnen ziehen die Strippen im berühmten Marionettentheater der Augsburger Puppenkiste im Jahr 1957

Der Anfang ist schwer: Zunächst ist die Puppenkiste ein kleines Familienensemble. Beleuchtung, Kostüme entwerfen und schneidern, Puppen schnitzen und führen, Dekoration gestalten, Kulissen bauen – das alles wird von Familienmitgliedern oder Freunden erledigt. Das Ensemble verdient zunächst eher kärglich, es übernachtet in einfachen Herbergen und reist in klapprigen Bussen.

Die Puppen Räuber Hotzenplotz und der Kasperl sind im Augsburger Puppentheatermuseum "Die Kiste" in einer Vitrine ausgestellt

Auf dem Spielplan stehen vor allem Märchenklassiker: Aladin und die Wunderlampe, Hänsel und Gretel, Frau Holle, Zwerg Nase, die Bremer Stadtmusikanten. Das beliebteste Stück ist "Räuber Hotzenplotz". Aber auch Stoffe, die sich an Erwachsene richten, werden auf die Bühne gebracht: Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz", Brechts "Dreigroschenoper", Klassiker wie "Dr. Johannes Fausti" oder das Stück "Eine kleine Zauberflöte".

Hannelore Marschall-Oehmichen, Tochter des Ausburger Puppentheater-Gründers Walter Oehmichen inmitten ihrer handgeschnitzten Puppen

Als Meisterin des Schnitzens erweist sich Hannelore Marschall-Oehmichen, die Tochter des Theatergründers. Ihre erste Figur schnitzte sie bereits mit 13 – damals heimlich, denn das Schnitzmesser war so scharf, dass sie es eigentlich nicht benutzen durfte. Sie erschafft etwa 6.000 Puppen, darunter alle berühmten Marionetten wie Kalle Wirsch, Urmel, Jim Knopf und den Lokomotivführer Lukas.

Eine Hand hält ein bearbeitetes Stück Lindenholz

Aus kantigen Holzstumpen werden schöne Puppen. Sie wiegen etwa 800 bis 1.200 Gramm und werden aus Lindenholz angefertigt, weil es weich ist und nicht fasert. Alle Marionetten sind handgeschnitzt, lediglich eine Bandsäge und eine Schleifmaschine kommen zusätzlich zum Einsatz.

Szene aus dem Puppenspiel "Peter und der Wolf"

In ganz Deutschland bekannt wird das Marionettentheater durch das Fernsehen. Der Nordwestdeutsche Rundfunk fragt 1952 bei Oehmichen an, ob er sich vorstellen könne, ein Puppenspiel fürs Fernsehen zu inszenieren. Bereits wenige Monate später konnten die Zuschauer Sergej Prokofjews musikalisches Märchen "Peter und der Wolf" am Bildschirm miterleben. In Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk entstehen legendäre Serien wie "Urmel aus dem Eis", "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" und "Kleiner König Kalle Wirsch".

Die Marionetten Scheinriese Tur Tur (hinten), Lukas und Jim Knopf im Puppenkistenmuseum mit der kaputten Lokomotive Emma in einem Wüstenszenario

Diese "TV-Stars der Fäden" sucht man allerdings bei den Aufführungen vergebens. Urmel, Lukas der Lokomotivführer und die anderen bekannten Figuren waren stets nur im Fernsehen zu sehen – nie auf der Puppenbühne. Dennoch haben sie Generationen von Kindern geprägt. So kommen die Zuschauer von damals als Erwachsene in die Puppenkiste und bringen ihre Kinder und Enkel mit.

Die Marionette Urmel (r) bekommt eine Geburtstagstorte von Mama Wutz überreicht

Den Gipfel der Fernsehpopularität erreicht das Puppentheater 1969. Vier Folgen von "Urmel aus dem Eis" werden ausgestrahlt. Sie sind so aufwendig produziert wie Spielfilme.

Marionetten spielen 2017 vor einer Kamera Szenen des Weihnachtsfilms der Augsburger Puppenkiste

Apropos Spielfilme: In den 90ern sind die Figuren der Augsburger Puppenkiste in "Die Story von Monty Spinnerratz" erstmals auf der Kinoleinwand zu sehen. Und zwischen 2016 und 2018 bringen Klaus Marschall und seine 16 Mitarbeiter jeweils ein Bühnenstück zu Weihnachten in die Kinos. "Damit erreichen wir auf einen Schlag genauso viele Zuschauer wie mit der Puppenbühne in einem Jahr", zeigt er sich damals begeistert.

Theaterleiter Klaus Marschall rückt in der Augsburger Puppenkiste die Marionette von Friedrich Merz (CDU) in die Szene des Kabarettstücks "Das Ende der Ampel-WG"

Seit 2001 besitzt die Puppenkiste ein eigenes Museum, das sich im ersten Stock des Heilig-Geist-Spitals direkt über den Räumen des Theaters befindet. Dort können Gäste die bekannten Stars an Fäden betrachten. Zudem gibt es regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen, in denen Figuren aus eigenem Fundus, dem anderer Theater oder aus Sammlungen zu sehen sind.

Klaus Marschall, Enkel des Gründers der Augsburger Puppenkiste Walter Oehmichen, zeigt Marionetten.

Wie sehr die Puppen und Geschichten Jung und Alt bewegen, wird an den Einträgen in den Gästebüchern der Puppenkiste deutlich. Immerhin 133 dieser Bücher haben Besucher des Augsburger Puppenmuseum inzwischen vollgeschrieben. Darin finden sich Lobeshymnen in krakeliger Grundschulschrift und freudige Erinnerungen von Erwachsenen. Wie nachhaltig die sind, merke er dann, "wenn mir ein 50-jähriger Besucher mit leuchtenden Augen noch heute auswendig das Urmellied vorsingt", sagt Klaus Marschall.

Klaus Marschall zeigt im Fundus des Museums "Die Kiste" seinen ersten Kasperl, eine Handpuppe noch ohne Fäden

Die Corona-Pandemie hat der Augsburger Puppenkiste schwer zugesetzt. "Wir wissen heute noch nicht, ob wir Corona überstanden haben", sagt Klaus Marschall 2023 im Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Ein Rechtsstreit um Fördergelder in sechsstelliger Höhe beschäftigt den Theaterleiter bis heute. Und so ist derzeit noch nicht absehbar, ob die Augsburger Puppenkiste auch in vierter Generation weitergeführt wird – auch wenn sich die Figuren aus der Fuggerstadt weiterhin hoher Beliebtheit erfreuen.

1948 eröffnet Walter Oehmichen ein Marionettentheater in Augsburg. Seine handgeschnitzten Holzfiguren erreichen im Laufe der Jahre deutschlandweite Bekanntheit – und einige von ihnen werden zu echten TV-Stars. Nach Jim Knopf (1961), Räuber Hotzenplotz (1966) und Urmel aus dem Eis (1969) feiert im November 1970 eine weitere prominente Puppe Premiere: der kleine König Kalle Wirsch.

Die Idee einer Marionettenbühne hat Oehmichen, als er als Soldat in der französischen Hafenstadt Calais stationiert ist und dort seine Kameraden mit Puppenspiel unterhält. Zurück zu Hause, gründet er mit wenig Geld und viel Enthusiasmus die Augsburger Puppenkiste. Mit dabei: Frau Rose und die Töchter Hannelore und Ulla.

"Der gestiefelte Kater" ist das erste Stück, das in der Augsburger Puppenkiste aufgeführt wird, die in den Räumlichkeiten des früheren Heilig-Geist-Spitals Quartier bezieht. Das Gebäude aus dem 17. Jahrhundert ist bis heute der Stammsitz und Hauptspielort des bekannten Marionettentheaters.

Knapp 220 Zuschauer passen in den Theatersaal. Und der ist auch heute fast immer ausgebucht. Dies zeige, dass das Marionettenspiel trotz Handy und Internet nichts von seiner Faszination verloren habe, meint Klaus Marschall, Theaterleiter und Enkel des Gründers, vor einigen Jahren. Gutes Figurentheater sei wie ein gutes Buch, es rege die Fantasie an. "Die Zuschauer müssen sich auf die Geschichten einlassen. Dann beginnen die Figuren zu leben."

Warum die "Puppenkiste"? Ganz einfach: Walter Oehmichen hatte ursprünglich ein Reisetheater im Sinn. Bühne, Puppen, Dekoration, anderes Zubehör – das alles sollte leicht zu verpacken und gut transportierbar sein, um mit auf die Reise zu gehen. Fast 20 Jahre lang tourt das Ensemble der Puppenkiste durch den deutschsprachigen Raum. Die Gastspielreisen werden 1970 zunächst aufgegeben. Seit einigen Jahren geht das Ensemble aber wieder auf Tournee. Und die führen die Puppenkiste bis nach Japan und in die USA.

Der Anfang ist schwer: Zunächst ist die Puppenkiste ein kleines Familienensemble. Beleuchtung, Kostüme entwerfen und schneidern, Puppen schnitzen und führen, Dekoration gestalten, Kulissen bauen – das alles wird von Familienmitgliedern oder Freunden erledigt. Das Ensemble verdient zunächst eher kärglich, es übernachtet in einfachen Herbergen und reist in klapprigen Bussen.

Auf dem Spielplan stehen vor allem Märchenklassiker: Aladin und die Wunderlampe, Hänsel und Gretel, Frau Holle, Zwerg Nase, die Bremer Stadtmusikanten. Das beliebteste Stück ist "Räuber Hotzenplotz". Aber auch Stoffe, die sich an Erwachsene richten, werden auf die Bühne gebracht: Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz", Brechts "Dreigroschenoper", Klassiker wie "Dr. Johannes Fausti" oder das Stück "Eine kleine Zauberflöte".

Als Meisterin des Schnitzens erweist sich Hannelore Marschall-Oehmichen, die Tochter des Theatergründers. Ihre erste Figur schnitzte sie bereits mit 13 – damals heimlich, denn das Schnitzmesser war so scharf, dass sie es eigentlich nicht benutzen durfte. Sie erschafft etwa 6.000 Puppen, darunter alle berühmten Marionetten wie Kalle Wirsch, Urmel, Jim Knopf und den Lokomotivführer Lukas.

Aus kantigen Holzstumpen werden schöne Puppen. Sie wiegen etwa 800 bis 1.200 Gramm und werden aus Lindenholz angefertigt, weil es weich ist und nicht fasert. Alle Marionetten sind handgeschnitzt, lediglich eine Bandsäge und eine Schleifmaschine kommen zusätzlich zum Einsatz.

In ganz Deutschland bekannt wird das Marionettentheater durch das Fernsehen. Der Nordwestdeutsche Rundfunk fragt 1952 bei Oehmichen an, ob er sich vorstellen könne, ein Puppenspiel fürs Fernsehen zu inszenieren. Bereits wenige Monate später konnten die Zuschauer Sergej Prokofjews musikalisches Märchen "Peter und der Wolf" am Bildschirm miterleben. In Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk entstehen legendäre Serien wie "Urmel aus dem Eis", "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" und "Kleiner König Kalle Wirsch".

Diese "TV-Stars der Fäden" sucht man allerdings bei den Aufführungen vergebens. Urmel, Lukas der Lokomotivführer und die anderen bekannten Figuren waren stets nur im Fernsehen zu sehen – nie auf der Puppenbühne. Dennoch haben sie Generationen von Kindern geprägt. So kommen die Zuschauer von damals als Erwachsene in die Puppenkiste und bringen ihre Kinder und Enkel mit.

Den Gipfel der Fernsehpopularität erreicht das Puppentheater 1969. Vier Folgen von "Urmel aus dem Eis" werden ausgestrahlt. Sie sind so aufwendig produziert wie Spielfilme.

Apropos Spielfilme: In den 90ern sind die Figuren der Augsburger Puppenkiste in "Die Story von Monty Spinnerratz" erstmals auf der Kinoleinwand zu sehen. Und zwischen 2016 und 2018 bringen Klaus Marschall und seine 16 Mitarbeiter jeweils ein Bühnenstück zu Weihnachten in die Kinos. "Damit erreichen wir auf einen Schlag genauso viele Zuschauer wie mit der Puppenbühne in einem Jahr", zeigt er sich damals begeistert.

Seit 2001 besitzt die Puppenkiste ein eigenes Museum, das sich im ersten Stock des Heilig-Geist-Spitals direkt über den Räumen des Theaters befindet. Dort können Gäste die bekannten Stars an Fäden betrachten. Zudem gibt es regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen, in denen Figuren aus eigenem Fundus, dem anderer Theater oder aus Sammlungen zu sehen sind.

Wie sehr die Puppen und Geschichten Jung und Alt bewegen, wird an den Einträgen in den Gästebüchern der Puppenkiste deutlich. Immerhin 133 dieser Bücher haben Besucher des Augsburger Puppenmuseum inzwischen vollgeschrieben. Darin finden sich Lobeshymnen in krakeliger Grundschulschrift und freudige Erinnerungen von Erwachsenen. Wie nachhaltig die sind, merke er dann, "wenn mir ein 50-jähriger Besucher mit leuchtenden Augen noch heute auswendig das Urmellied vorsingt", sagt Klaus Marschall.

Die Corona-Pandemie hat der Augsburger Puppenkiste schwer zugesetzt. "Wir wissen heute noch nicht, ob wir Corona überstanden haben", sagt Klaus Marschall 2023 im Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Ein Rechtsstreit um Fördergelder in sechsstelliger Höhe beschäftigt den Theaterleiter bis heute. Und so ist derzeit noch nicht absehbar, ob die Augsburger Puppenkiste auch in vierter Generation weitergeführt wird – auch wenn sich die Figuren aus der Fuggerstadt weiterhin hoher Beliebtheit erfreuen.

Stand: 08.11.2025, 00:00 Uhr