22 Jahre lebte der Täter mitten unter ihnen: Der Fall Ursula S. und das Dorf Ostönnen

Von Josefine Upel

Nach einem Mord im Mai 1987 an einer Frau in Ostönnen quält das Dorf die Frage: Was, wenn der Mörder ein Freund, Nachbar oder Kollege ist?

Ein schwarz-weiß Foto einer Frau. Ihr Gesicht ist zensiert und nicht zu erkennen.

An einem Abend im Mai 1987 feiert die 26-jährige Ursula S. auf einer Dorfparty. Gegen 3 Uhr in der Nacht macht sie sich alleine auf den Heimweg. Ihr Verlobter bleibt in der Festhalle, weil er dort mit Freunden übernachten will.

Ein weißes Haus mit schwarzem Dach und Balkon. Darunter ist eine Hecke.

Ihre Wohnung liegt nur wenige hundert Meter von der Party entfernt. Ein Zeuge sieht Ursula S. noch an ihrem Gartentor. Kurz darauf geschieht das, was niemand im Dorf für möglich gehalten hätte.

Fassade eines weiß gestrichenen Hauses mit drei sichtbaren Fenstern, davor ragt eine Hecke

Ein Mann versucht S. in ihrer Wohnung zu vergewaltigen. Er würgt die 26-Jährige und tötet sie schließlich mit mehr als 70 Messerstichen. S. öffnete dabei ihrem Mörder wahrscheinlich selbst die Tür. Ihr Verlobter findet sie später tot neben ihrem Bett.

Eine Luftaufnahme von Ostönnen in Soest. Einige Häuser und Straßen, viele Böumen und umliegende Felder.

In Ostönnen breiten sich Angst und Misstrauen aus. Nur Partygäste wussten, dass S. alleine nach Hause ging. In dem kleinen Ortsteil von Soest leben etwa 1100 Menschen. Hier kennt jeder jeden. Allen wird schnell klar: Der Mörder muss einer von ihnen sein.

Asphaltierte Straße, am Rand der Häuser stehen grüne Mülltonnen, rechts drei Straßenlaternen, ein Auto steht in einer Einfahrt

Teils beschuldigen sich die Bewohner gegenseitig. Die Polizei verhört Dutzende Verdächtige. "Eine sehr schwierige Zeit", erinnert sich ein Bewohner.

Gelb-Schwarzer Leitz-Ordner mit grüner Aufschrift "LEITZ", da drüber steht in schwarzer Schrift auf gelbem Grund "1.K.", darunter "MORD"

Doch die Ermittlungen führen zu keinem Ergebnis. Ein echter Cold Case wird der Mordfall aber nie. Denn immer wieder nehmen Ermittler neue Spuren auf, allerdings ohne Erfolg. Bis die Ermittler 20 Jahre später...

Blick durch eine geöffnete weiße Holztür auf ein Bett, auf dem eine gelbe und eine weiße Decke als kleiner Haufen liegen

... dank neuer Ermittlungsmethoden DNA-Spuren auf einer gelben Wolldecke auswerten können und die Identität des Täters enthüllen. Auch auf der Jogginghose von S. befinden sich geringe Mengen der DNA. 2009 nimmt die Polizei den Mann als Tatverdächtigen fest.

Ein Mann bekommt von einem anderen Mann Handschellen angelegt

Bei ihm handelt es sich um den inzwischen über 40 Jahre alten Familienvater Jörg B. Er spielt in Ostönnen im Fußballverein und ist im Dorf beliebt. Viele Dorfbewohner sind durch diese Entwicklung verunsichert.

Drei Männer und eine Frau von hinten, die Frau hält die Hand des Mannes, der Handschellen trägt, sein Hinterkopf ist verpixelt

Im Prozess bestreitet B. die Vorwürfe. Auch seine Frau und Mannschaftskollegen glauben an seine Unschuld. Ein Alibi für die Tatzeit hat B. nicht.

Nahaufnahme von Willi Erdmann, einem älteren Mann mit weißen Haaren und Brille.

Richter Willi Erdmann entscheidet damals über den Fall. Er erlebt hautnah, wie der Prozess das Dorf spaltet: "Die einen sagten: 'Endlich haben wir Klarheit.' Die anderen sagten: 'Das kann nicht sein.'"

Richter Willi Erdmann steht im Gerichtssaal in einer Robe und spricht, neben ihm stehen zwei Personen in schwarzen Richterroben.

"Es war einer der schwierigsten und umfangreichsten Fälle, die ich verhandelt habe", sagt Erdmann heute. Er muss allein auf Basis von Indizien urteilen. Alle Verbrechen bis auf Mord - wie Totschlag - waren zum Zeitpunkt der Verhandlung bereits verjährt.

Eine Frau und zwei Männer stehen vor einem Tisch, die Frau steht links, in der Mitte der Verdächtige mit gepixeltem Gesicht, rechts daneben der andere Mann, sie tragen alle dunkle Kleidung

2010 fällt das Urteil - 23 Jahre nach der Tat. Jörg B. bekommt für den Mord eine Haftstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten. Da er zur Tatzeit erst 18 Jahre alt war, greift das Jugendstrafrecht.

Das verpixelte Gesicht eines Mannes

"Ich habe die Bilder gesehen, die zeigen, was er mit meiner Schwester gemacht hat. Die Strafe ist zu gering", sagt der Bruder des Opfers. Für die Angehörigen und die Ortsgemeinschaft bleibt trotz der Aufklärung ein Riss, der wohl nie ganz heilen wird.

An einem Abend im Mai 1987 feiert die 26-jährige Ursula S. auf einer Dorfparty. Gegen 3 Uhr in der Nacht macht sie sich alleine auf den Heimweg. Ihr Verlobter bleibt in der Festhalle, weil er dort mit Freunden übernachten will.

Ihre Wohnung liegt nur wenige hundert Meter von der Party entfernt. Ein Zeuge sieht Ursula S. noch an ihrem Gartentor. Kurz darauf geschieht das, was niemand im Dorf für möglich gehalten hätte.

Ein Mann versucht S. in ihrer Wohnung zu vergewaltigen. Er würgt die 26-Jährige und tötet sie schließlich mit mehr als 70 Messerstichen. S. öffnete dabei ihrem Mörder wahrscheinlich selbst die Tür. Ihr Verlobter findet sie später tot neben ihrem Bett.

In Ostönnen breiten sich Angst und Misstrauen aus. Nur Partygäste wussten, dass S. alleine nach Hause ging. In dem kleinen Ortsteil von Soest leben etwa 1100 Menschen. Hier kennt jeder jeden. Allen wird schnell klar: Der Mörder muss einer von ihnen sein.

Teils beschuldigen sich die Bewohner gegenseitig. Die Polizei verhört Dutzende Verdächtige. "Eine sehr schwierige Zeit", erinnert sich ein Bewohner.

Doch die Ermittlungen führen zu keinem Ergebnis. Ein echter Cold Case wird der Mordfall aber nie. Denn immer wieder nehmen Ermittler neue Spuren auf, allerdings ohne Erfolg. Bis die Ermittler 20 Jahre später...

... dank neuer Ermittlungsmethoden DNA-Spuren auf einer gelben Wolldecke auswerten können und die Identität des Täters enthüllen. Auch auf der Jogginghose von S. befinden sich geringe Mengen der DNA. 2009 nimmt die Polizei den Mann als Tatverdächtigen fest.

Bei ihm handelt es sich um den inzwischen über 40 Jahre alten Familienvater Jörg B. Er spielt in Ostönnen im Fußballverein und ist im Dorf beliebt. Viele Dorfbewohner sind durch diese Entwicklung verunsichert.

Im Prozess bestreitet B. die Vorwürfe. Auch seine Frau und Mannschaftskollegen glauben an seine Unschuld. Ein Alibi für die Tatzeit hat B. nicht.

Richter Willi Erdmann entscheidet damals über den Fall. Er erlebt hautnah, wie der Prozess das Dorf spaltet: "Die einen sagten: 'Endlich haben wir Klarheit.' Die anderen sagten: 'Das kann nicht sein.'"

"Es war einer der schwierigsten und umfangreichsten Fälle, die ich verhandelt habe", sagt Erdmann heute. Er muss allein auf Basis von Indizien urteilen. Alle Verbrechen bis auf Mord - wie Totschlag - waren zum Zeitpunkt der Verhandlung bereits verjährt.

2010 fällt das Urteil - 23 Jahre nach der Tat. Jörg B. bekommt für den Mord eine Haftstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten. Da er zur Tatzeit erst 18 Jahre alt war, greift das Jugendstrafrecht.

"Ich habe die Bilder gesehen, die zeigen, was er mit meiner Schwester gemacht hat. Die Strafe ist zu gering", sagt der Bruder des Opfers. Für die Angehörigen und die Ortsgemeinschaft bleibt trotz der Aufklärung ein Riss, der wohl nie ganz heilen wird.

Stand: 11.12.2025, 06:50 Uhr